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Das Mercosur-Handelsabkommen zwischen der EU und Lateinamerika wurde lange diskutiert und von den einen als notwendig betrachtet, von den anderen als zerstörerisch. Letzte Woche wurde ein Handelsabkommen zwischen der EU und Indien auf den Weg gebracht. Wie ordnen Sie als Wirtschaftsforscher solche Freihandelsabkommen ein?
Thomas Schinko: Einerseits sehe ich mögliche negative Effekte für das Klima. Handel geht mit Treibhausgasemissionen einher, denn Waren werden mit großen Schiffen über den Ozean gebracht. Andererseits muss sich die EU überlegen, wie es weitergeht, da der Handel etwa mit den USA weniger wird. Also müssen die Freihandelsabkommen so ausgehandelt werden, dass sie möglichst positive Effekte auf die Umwelt haben. Und sie müssen gerecht ausgehandelt werden, damit beide Seiten profitieren, auch die Menschen auf beiden Seiten. Dass etwa in weniger entwickelten Ländern soziale Standards eingehalten werden.
Welche Macht haben Staaten und Staatengemeinschaften wie die EU überhaupt, um die Wirtschaft zu regulieren? Globale Konzerne und enorm reiche Einzelpersonen scheinen das Spiel zu bestimmen.
Schinko: Ja, der Einfluss von Multimilliardären ist nicht zu unterschätzen. Aber die Demokratie existiert. Und in einer Demokratie kann eine aufgeklärte Bevölkerung Parteien wählen, die sich dafür einsetzen, den Einfluss mächtiger Einzelpersonen zu beschränken. Insofern ist das noch nicht ganz verloren. In einem Land, wo es wie in den USA ein Zweiparteiensystem gibt, ist das schwieriger. Und noch schwieriger, wo es keine Parteien bzw. keine Demokratie gibt. Ich glaube, sehr reiche Menschen haben in der Menschheitsgeschichte immer wieder Möglichkeiten gefunden, sich Macht zu verschaffen und ihre Interessen durchzusetzen. Der große Unterschied ist, dass diese Personen heute nach globaler Macht streben.
In gewisser Weise gehört es zu unserem Wirtschaftssystem, dass sich Kapital konzentriert. Wie ist das zu verhindern?
Schinko: Ja, bestimmte Mechanismen, aber auch Patente, fördern die Tendenz, dass immer weniger Akteure immer mehr besitzen. In der ökonomischen Theorie gibt es einen freien Markteintritt und gleiche Information für alle und ähnliches. Das ist theoretisch. In der Praxis kommt es oft zur Konzentration von Kapital und Macht.
Was heißt das für die Zukunft?
Schinko: Wir sind in einer Übergangsphase vom Finanzkapitalismus in eine digitale Welt – in eine Art von Digitalkapitalismus, wo man noch nicht genau weiß, wie er aussehen wird. Durch die massive Zunahme an digitalen Aktivitäten, die fast metaphysisch betrachtet werden müssen, ist eine Phase angebrochen, in der die Gesellschaft einen nächsten Schritt macht. Der Realkapitalismus mit seinen Industrien ging in den Finanzkapitalismus über, in dem der Großteil der Wirtschaftsleistungen am Finanzmarkt getätigt wird. Nun ist der Schritt in den Digitalkapitalismus dran.
Was bedeutet das für das Leben und Wirtschaften?
Schinko: Ich bin kein Zukunftsforscher. Aber ich glaube, dass viel vom Finanzkapital, das Anlagemöglichkeiten sucht, für digitale Güter ausgegeben werden wird. Wir sehen ja bereits massive Zunahmen in Krypto-Investments oder auch im Online Gaming, wo für digitale Prestigegegenstände echtes Geld ausgegeben werden kann, zum Beispiel für ein neues Outfit einer Spielfigur. Das klingt zunächst absurd, ist aber nicht so unrealistisch, weil sich viele soziale Aktivitäten ins Digitale verlagern.
Da kommen wieder die Multimilliardäre ins Spiel, weil sie gleichsam die Besitzer dieser digitalen Welt sind ...
Schinko: Ja, das sind neue Oligarchen und Machtmenschen. Die Macht zu erhalten, ist im digitalen Raum etwas einfacher, man braucht dazu keine Heerscharen oder riesige Industrieanlagen. Wenn du einen guten Algorithmus schreibst, kannst du wahrscheinlich mit wenigen Leuten sehr viel beeinflussen. Auch Kriege können so geführt werden, wenn man etwa die Strom- oder Wasserversorgung durch digitale Aktivitäten zerstört. Ich hoffe aber nicht, dass es so weit kommt.
Welche Möglichkeiten gibt es, das zu verhindern und die Zukunft anders zu gestalten?
Schinko: Diese Möglichkeit gibt es nur, wenn sich viele gemeinsam darum bemühen. Als Individuum kann man zwar etwas dazu beitragen, aber die Verantwortung darf nicht nur auf den Schultern Einzelner lasten. Auch die Klimakrise kann nicht durch individuelle Aktionen bewältigt werden – es geht um kollektive Wirksamkeit. Nur große, gemeinsame Aktivitäten können etwas bewirken. Dazu muss sich unser Verständnis von Erfolg verändern. Erfolg sollte nicht daran gemessen werden, wie hoch das persönliche Einkommen ist, sondern wer den größten Beitrag zum Gemeinwohl leistet. Wenn sich genügend Menschen neue Ziele stecken, könnte es in eine andere Richtung gehen. Die Menschheit braucht ein neues Verständnis von Erfolg. Ich denke, dass Spiritualität da eine große Rolle spielt.
Was heißt Spiritualität für Sie?
Schinko: Jedenfalls, dass ich mich als Teil eines größeren Ganzen verstehe. Die Menschen besitzen die Welt nicht, sie sind Teil davon.
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