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„Im Laufe von 2026 werde ich von hier verschwinden“, postet eine Psychotherapeutin auf Facebook. Sie kündigt damit keinen Suizid an, sondern begründet ihre Entscheidung, Facebook zu verlassen: „Dass Menschen sich um jeden Preis auskotzen müssen, kann ich nicht verhindern. Ich werde ihnen dafür aber zukünftig keinen Raum mehr zur Verfügung stellen.“
Was ist passiert? Sie teilte eine außergewöhnliche Selbsterfahrung in ihrem Profil, um anderen Menschen Mut zu machen. Gemeinsam mit einer Gruppe (und begleitet von Expert:innen) hatte sie eine „Kältewanderung“ unternommen. Dazu setzt man den Körper für einen begrenzten Zeitraum mit leichter Bekleidung der Kälte aus, ähnlich wie man es beim Eisbaden oder bei Kneippkuren macht. Das soll das Immunsystem stimulieren und weitere positive Auswirkungen auf Körper und Geist haben. Niemand wird dazu gezwungen, alle ist freiwillig.
Was danach kam, kannte die erfahrene Psychologin vorher nur vom Hörensagen: „so behindert“, „igitt“, „die Leute werden immer blöder“ – hunderte persönlich abwertende Frechheiten reihten sich in den Kommentaren aneinander. Unbekannte Menschen verunglimpften und beschimpften sie, erzählt die Betroffene. „Ich habe die Kotze weggeräumt – Kommentare verborgen oder gelöscht“ – und dann möchte sie sich zurückziehen.
Diese Geschichte ist kein Einzelfall. Es ist genau diese Dynamik, die Frauen wieder stärker an den Rand drängt, beschreibt die Social-Media-Expertin Ingrid Brodnig in ihrem jüngsten Buch „Feindbild Frau“.
Vor allem Politikerinnen, aber auch andere Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, werden immer häufiger zur Zielscheibe. Mit dem, was sie öffentlich äußern, haben die hasserfüllten Reaktionen kaum einen inhaltlichen Zusammenhang. Es geht nicht um Argumentation, um Ansichten, die man erörtert. „Speziell Frauen werden mit gehässigen, häufig geschlechtsspezifischen Äußerungen aus dem Raum, in dem öffentliche Auseinandersetzung stattfindet, weggemobbt“, beschreibt Ingrid Brodnig die Dynamik. Die Einschüchterungsmethoden zu kennen, sagt die Autorin, und „deren Ernst zu erkennen, ist ein wichtiger erster Schritt im Einsatz gegen digitale Gewalt“. Es „wäre schon viel erreicht, wenn das Problem der wiederkehrenden Beleidigung, der Diffamierung und Bedrohung seltener kleingeredet oder gar als zu große Feinfühligkeit oder Privatangelegenheit ... dargestellt würde.“
Genau das passiert häufig – selbst wenn es sich um die Androhung von Vergewaltigung oder Mord handelt, was keine Seltenheit ist. Zwar werden auch Männer im Netz beschimpft, doch zielen die Angriffe bei Frauen häufiger auf das Frausein oder die Sexualität.
Die Journalistin Susanne Kaiser beschreibt in ihrem Buch „Backlash“ (Rückschlag), dass es widersprüchliche Bewegungen gleichzeitig gibt: Während Frauen durchaus in politische Machtpositionen kommen können und sich Richtung Fairness bereits vieles verbessert hat, bestünden dennoch Unterschiede fort, wie unterschiedliche Bezahlung für gleiche Arbeit, unfaire Aufteilung der unbezahlten Sorge-Arbeit und damit verbundene weibliche Pensions-Armut. Doch trotz der nach wie vor bestehenden Ungleichheit wächst die antifeministische Gegenbewegung in den letzten Jahren an. Der Feminismus hätte es übertrieben, lautet das Paradigma, Frauen würden bevorzugt. Männer definieren sich hier selbst als Opfer, deren Ziel es ist, die Kontrolle wiederzugewinnen.
„Manosphere“ ist der Überbegriff für den Bereich des Internets, in dem sich Männer gegenseitig in ihrem Frauenhass bestärken. Teilweise ist damit auch eine gehörige Portion Selbsthass verbunden, wie bei den sogenannten „Incels“. Das Wort steht für „involuntary celibats“, also unfreiwillig zölibatär Lebende. Ihre Unzufriedenheit mit dem Leben, mit ihrer Rolle als Single, projizieren sie auf Frauen, die an allem schuld seien. In ihren Foren üben sich Incels in menschenverachtender und selbstzerstörerischer Sprache. „Wenn ich euch nicht haben kann, Mädels, dann zerstöre ich euch“, ist ein Gedanke, von dem viele Incels besessen scheinen und der ein Nährboden für Gewalt bis hin zu Femiziden (Frauenmorden) im echten Leben sein kann.
Solche Szenen sind extrem, kommen aber aus der Gesellschaft selbst, ist Susanne Kaiser überzeugt – und drängen immer mehr Richtung Mainstream und Durchschnitt. Incels und ihre Tötungsfantasien etwa findet man nicht nur im Darknet, sondern auf Plattformen wie TikTok, wo sie auch viele junge Männer erreichen. Soziale Medien dienen nicht mehr als neutrale Orte der Meinungsfreiheit, erklärt die Journalistin, sondern als Radikalisierungsorte, deren Regeln von wenigen Tech-Milliardären bestimmt würden. Diese stehen der rechtsautoritären und antidemokratischen Politik nahe. Dagegen sei es schwer anzugehen. Die Heftigkeit des Backlashs würde aber auch darauf hinweisen, wie erfolgreich der Feminismus bisher schon war. Sonst würde die Gegenbewegung nicht so verbissen agieren.
Gegen die unregulierte Frauenfeindlichkeit auf großen digitalen Plattformen empfiehlt Susanne Kaiser für die Zukunft eine neue, nicht kommerzielle Form von Sozialen Medien, die ähnlich wie ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk funktioniert. Ingrid Brodnig rät vorerst, Entgleisungen anderer Kommentator:innen bei der Online-Plattform zu melden, auch wenn es kompliziert ist. Jeder und jede habe Macht im Internet, deshalb solle man im Fall eines Shitstorms schauen, ob man selbst etwas Positives dazu sagen könne. Man soll sich außerdem bewusst sein, dass ausgesprochene Frauenhasser zwar schrill, aber doch in der Minderheit wären. Neben der politischen und regulatorischen Ebene gibt es auch eine individuelle Verantwortung: Wohin man klickt, entscheidet man immer noch selbst. Und ganz entscheidend ist, mit echten Menschen in Kontakt zu bleiben, auch außerhalb des Internets.
Ingrid Brodnig: Feindbild Frau, Wie Politikerinnen im Netz bedroht, beleidigt und verdrängt werden – und was wir alle dagegen tun können. Brandstätter
Verlag 2026, 208 S. | € 25,00
Susanne Kaiser: Backlash, Die neue Gewalt gegen Frauen. Tropen Verlag 2023, 224 S. | € 22,70 (Hardcover), € 17,90 (eBook)
Ö1: Sonntag, 8. März, 9.05 Uhr, Gedanken – Ingrid Brodnig: Feindbild Frau
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