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Das Jahr 2026 wurde von der oberösterreichischen Kulturpolitik zum Bauernkriegsgedenkjahr erklärt. In keiner anderen Region Österreichs und auch im angrenzenden europäischen Raum wird von so vielen Bauernrevolten berichtet wie in Oberösterreich. Zwischen 1356 und 1849 wurden insgesamt 62 gewalttätige Auseinandersetzungen gefunden. Vollständig ist die Liste sicher nicht. Sie beginnt mit einem Aufstand im Jahr 1356 gegen das Kloster Kremsmünster und endet knapp vor dem Jahr 1848, in welchem die grundherrschaftliche Abhängigkeit der Bauern von ihren Grundherren endgültig beseitigt wurde. Die drei größten Aufstandswellen in den Jahren 1525, 1595 bis 1597 und 1626 sind als erster, zweiter und dritter oberösterreichischer Bauernkrieg bekannt.
Eigentlich war nur der besonders blutige „dritte“ Aufstand im Jahr 1626 ein wirklicher Krieg. Von etwa 40.000 bäuerlichen Kämpfern kamen rund 12.000 ums Leben. Für ein so kleines Gebiet wie Oberösterreich, das damals ohne das Innviertel nicht einmal 250.000 Einwohner hatte, sind fünf Prozent Tote in einem halben Jahr ein extrem hoher Blutzoll, vergleicht man das mit Schätzungen für den großen deutschen Bauernkrieg von 1525, wo man für das gesamte damalige Deutsche Reich von weniger als einem Prozent ausgeht. Aber man könnte auch mit dem Zweiten Weltkrieg vergleichen: Etwa fünf Prozent der Bevölkerung beträgt der Anteil aller militärischen und zivilen Toten in Österreich zwischen 1938 und 1945 inklusive der ermordeten Juden und sonstigen Opfer des NS-Regimes. Auch das lässt die Opferzahl des Jahres 1626 so außergewöhnlich erscheinen.
1625/26 trafen mehrere äußere Ursachen zusammen: erstens die sogenannte kleine Eiszeit, eine Kälteperiode, die um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreicht hatte und Missernten und Hungersnöte zur Folge hatte, zweitens die durch den Dreißigjährigen Krieg ausgelöste Hyperinflation und Wirtschaftskrise und drittens die als „Gegenreformation“ bekannte Unterdrückung und Vertreibung der Protestanten. Dass der Kaiser, um die horrenden Kriegskosten zu finanzieren, Oberösterreich an den bayerischen Kurfürsten verpfändet hatte, brachte das Fass zum Überlaufen.
Um die Rekatholisierung der größtenteils protestantisch gewordenen Bevölkerung zu erzwingen, nicht nur der Bauern, sondern auch der Adeligen und Geistlichen, verfügte Kaiser Ferdinand II. im Oktober 1624 die Ausweisung aller evangelischen Prediger und Schulmeister. Der bayerische Statthalter Adam Graf Herberstorff sollte das durchsetzen. Die Einsetzung katholischer Geistlicher stieß jedoch auf heftigen Widerstand. In Frankenburg wurde der neue, aus Italien geholte katholische Pfarrer verprügelt und verjagt und anschließend der Sitz des Pflegers belagert. Graf Herberstorff entschloss sich zu einer grausamen Strafe. Am 15. Mai 1625 versammelte er die Ortsbevölkerung der Märkte Frankenburg und Vöcklamarkt auf dem Haushamerfeld und ließ 36 als Drahtzieher verdächtigte Vorsteher und Bürger paarweise um ihr Leben würfeln. 16 Verlierer wurden an Ort und Stelle hingerichtet und an den Kirchtürmen von Frankenburg, Neukirchen an der Vöckla und Frankenmarkt aufgehängt. Diese als Gottesurteil getarnte Folter ließ die Erbitterung unter den Untertanen immer größer werden.
Den unmittelbaren Anlass zum landesweiten Aufstand im Jahr darauf gab am 17. Mai 1626 in Lembach im Mühlkreis eine Wirtshausrauferei, bei der sechs bayerische Soldaten ums Leben kamen. Bald hatte man rund 40.000 zum Kampf bereite Bauern und Knechte beisammen. Stefan Fadinger, Bauer aus Parz bei St. Agatha, wurde zum Anführer im Hausruck- und Traunviertel und sein Schwager, der Gastwirt Christoph Zeller aus St. Agatha, zum Befehlshaber im Mühl- und Machlandviertel gewählt. Die Städte Wels, Steyr, Vöcklabruck und Gmunden konnten sie kampflos in ihre Gewalt bringen. Freistadt wurde nach langer Belagerung erobert. Aber an Linz scheiterten sie. Stefan Fadinger, der mit dem Ruf der Unverwundbarkeit prahlte, wurde durch eine Kugel schwer verwundet und starb am 5. Juli 1626. Nachdem am 18. Juli auch Christoph Zeller gefallen war, fehlten die charismatischen Führer. Ab nun gab es für die Bauern nur mehr Niederlagen: in Neuhofen-Gschwendt, Leonfelden, Gmunden und Vöcklabruck. Besonders verlustreich waren die Schlachten im Emlinger Holz bei Eferding am 9. November mit rund 3.000 und in Pinsdorf am 15. November 1626 mit etwa 2.000 Toten. Der letzte Kampf fand am 19. November in Wolfsegg statt. Die Schwäche der Bauern lag in ihrer Organisation. Während den Bauern auf der Seite des Adels trainierte Berufsheere gegenüberstanden, versammelten sie selber sich in recht ungeregelten „Haufen“, ohne strategische Führung, ohne soldatische Erfahrung und nur dann, wenn ihnen die Erntearbeiten gerade Zeit ließen.
Die verhängten Strafen waren schrecklich. Ein im Heimatmuseum Freistadt aufbewahrtes Flugblatt zeigt sie: Abschlagen der Hände, Abschneiden der Nasen und Ohren, Pfählen, Hängen und Köpfen, ganz abgesehen von der Vertreibung und Zerstörung und Beschlagnahme der Besitzungen. Die Unruhen ebbten auch nach dem 1627 vollzogenen großen Strafgericht nur langsam ab. 1632 bis 1636 konnte der Bauernführer und religiöse Sektierer Martin Eichinger, genannt „der Laimbauer,“ neuerlich zahlreiche Anhänger im Machland und in der Riedmark um sich versammeln. Doch dieses Mal waren es anders als 1626 nicht so sehr Männer, sondern vor allem Frauen und Kinder. Etwa 300 wurden 1636 durch die Truppen der Oberösterreichischen Stände bei der Kirche auf dem Frankenberg, Gemeindegebiet Langenstein, eingekesselt und danach in Linz gefoltert und hingerichtet.
Der englische Diplomat Thomas Howard Earl of Arundel, der zufällig anwesend war, lieferte einen drastischen Bericht: „Nachdem der Laimbauer auf das Schafott gebracht und sein Gesicht verhüllt worden war, hielten ihn zwei Männer am Block fest. Dann kam der Henker mit einem Paar rotglühenden Zangen, zwickte ihn an beiden Brüsten, heftete seine rechte Hand an einen Block und schlug sie ab. Darauf schlug er ihm das Haupt ab ... Anschließend kamen die nächsten an die Reihe, und zuletzt auch ein vierjähriges Kind, angeblich Laimbauers Sohn, welcher in gleicher Weise behandelt wurde.“
Was interessiert uns heute noch an Bauernkriegen, ausgenommen ein pietätsvolles oder vielleicht auch schauriges Erinnern an solche Grausamkeiten? Klimawandel, Seuchen, Kriege und Inflation bildeten auch damals ein an gegenwärtige Zustände erinnerndes Ursachenbündel. Beschwerden gab es viele: hohe Abgaben und Steuern, steigende Belastungen durch Robotdienste, Jagdschäden und immer wieder durch das Fehlverhalten einzelner Beteiligter. Sowohl die marxistische Geschichtsschreibung wie auch die faschistische Blut-und-Boden-Ideologie suchten die Aufstände auf ihre Art zu erklären und für ihre Ziele zu instrumentalisieren. Aber auch die politische Mitte pflegte und pflegt immer noch die Bauernkriegsgeschichte. Die Wehrhaftigkeit der Bauern von damals dient als Rechtfertigung für eine wehrhafte Bauernpolitik heute. Aber die Zeit der Kriege sollte vorbei sein. In diesem Sinn hat man das Bauernkriegsjahr unter das Motto „Mut machen“ gestellt: Mut zur Versöhnung – Mut zum Miteinander – Mut zum Frieden – Mut zur Zukunft! Nicht nur ohne Bauernkriege, sondern ohne alle Kriege. Aber zwischen Kleinmut und Übermut kann die Bandbreite recht groß sein. Roman Sandgruber
Der Autor ist emeritierter Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Johannes Kepler Universität Linz, Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie Autor erfolgreicher Bücher wie zum Beispiel „Habsburg. Die wichtigste Dynastie der Welt“ (Molden).
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