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Der Lockdown im Lockdown

Gesellschaft & Soziales

Lockdown bedeutet wörtlich „Sperrung“. Für jene, die schon eingesperrt sind, bringt die Coronakrise eine unverschuldete „Strafverschärfung“ – und für die Gefängnisseelsorge schwierige Arbeitsbedingungen.
 

Ausgabe: 52/53 2020
21.12.2020
- Heinz Niederleitner
Wenn Samy Schrittwieser kommt, gehen im Gefängnis Türen auf.
Wenn Samy Schrittwieser kommt, gehen im Gefängnis Türen auf.
© Robert Newald / picturedesk.com

Gefangene zu besuchen ist human, sinnvoll und für Christ/innen biblisch begründet (Matthäus 25,36). Soweit die Theorie. Praktisch macht das Corona heuer schwer.  „Beim ersten Lockdown im Frühjahr war es am schlimmsten“, sagt Samy Schrittwieser, Gefangenenseelsorger in Wels und Referent für Gefangenenseelsorge in der Diözese Linz. „Wir durften nicht in die Gefängnisse, mit Ausnahme meines Kollegen in Garsten, der von der Justiz angestellt ist. Ich konnte durchsetzen, dass uns die Gefangenen anrufen konnten. Die Gefangenen haben aber nur eine beschränkte Anzahl freigeschalteter Telefonnummern und die sind verständlicherweise jene der Angehörigen. Deshalb habe ich nur wenige Anrufe bekommen. Es gab aber Fälle, in denen mich die Angehörigen kontaktierten“, erzählt der Diakon.

 

Seelsorge

Im zweiten Lockdown im Spätherbst war es besser: Zwar waren keine Gottesdienste möglich, aber die Seelsorger konnten hinter die Gitter gehen. Freilich: „Gefangenenseelsorge ist nachgehende Seelsorge. Früher ging ich in die Abteilungen, wo sich Gespräche ergaben“, erzählt Schrittwieser. Heuer war ein Gespräch nur mehr über schriftlichen Antrag des Gefangenen möglich. Dabei ist die Barrierefreiheit das Um und Auf der Gefangenenseelsorge: „Die Insassen wissen: Wir schreiben von den Gesprächen nichts auf und reden mit niemandem darüber. Wir nehmen die Gefangenen in ihrer Würde ernst.“
Die Würde der Gefangenen nimmt auch das Strafvollzugsgesetz ernst. Dort sind z. B. Besuche geregelt. Aber da hakt es heuer, wie Samy Schrittwieser berichtet: „Es gibt ‚Scheibenbesuche‘, beobachtete ‚Tischbesuche‘ und die ‚Kuschelzelle‘. Letzteres ist ein unbeobachteter Besuch über mehrere Stunden in einem eigenen Raum, der nur selten ermöglicht wird. Bei ‚Scheibenbesuchen‘ sind Besucher und Insasse durch eine Scheibe getrennt, bei ‚Tischbesuchen‘ nicht. Derzeit sind nur ‚Scheibenbesuche‘ möglich. Die Insassen leiden unter der Isolation.“
Übrigens sind manche Vorstellungen über die „Kuschelzelle“ zu entschärfen. Dass es auch jenseits von Intimkontakt, der nicht ausgeschlossen ist, wertvoll ist, Angehörigen einen längeren Zeitraum ohne Kontrolle nahe zu sein, sollte nicht übersehen werden.

 

Nähe

Eine Zeit der menschlichen Nähe wäre Weihnachten – nur nicht im Gefängnis. „Bei den Weihnachtsgottesdiensten brechen ‚harte‘ Männer in Tränen aus: Es fehlt die Familie, es kommen Kindheitserinnerungen hoch, es kommt viel zusammen“, sagt Samy Schrittwieser. Da heuer kein großer Weihnachtsgottesdienst möglich ist, stellt er sich wenigstens mit Geschenken ein. „In vielen Fällen sind das Zigaretten. Natürlich kann man das hinterfragen, aber man muss wissen: Im Gefängnis ist eine Zigarette oft ein Hauch von Freiheit, eine Ablenkung von dem Rädchen, das im Hirn läuft.“ 
Letztlich kommt man um eine Feststellung nicht herum: Wer nie im Gefängnis war, kann kaum ermessen, was das bedeutet. „Was den Gefangenen am meisten abgeht, ist die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen. Sie können nicht einmal die Tür selbst aufmachen. Noch schwieriger ist es, wenn mehrere Menschen in einer Zelle untergebracht sind. Da kann der Seelsorgerbesuch Freiheit bedeuten, denn wenn ich komme, geht die Tür auf“, sagt Schrittwieser. Langfristig habe sich der Strafvollzug gebessert, schildert er. Aber es gebe auch Rückschritte. „Die Gefängnisse sind übervoll und es gibt zu wenig Betreuer. In Österreich entschieden die Richter des Verfassungsgerichts 1973, dass Strafentlassene die Chance haben müssen, wieder in der Gesellschaft anzukommen. Das nennt man Resozialisation. Nur: Bei vielen geht es um eine erstmalige Sozialisierung. Dafür braucht es Sozialarbeiter, Psychologen und Seelsorger. Es ist nicht populär, für Gefangene Geld in die Hand zu nehmen. Auch die Kirche hinkt ihrem Anspruch hinterher. Das ist sehr kurzsichtig: Bis auf wenige Ausnahmen kommen alle Insassen irgendwann wieder ‚raus‘. Deshalb kann man im Gefängnis nicht dahinwurschteln. Tatsache ist: Je weniger gut betreut ein Gefangener ist, desto höher ist das Rückfallsrisiko.“
Und wie ist das mit den Gefängnis-Gottesdiensten? „In Wels, wo ich arbeite, sitzen rund 150 Menschen ein, von denen 25 den Gottesdienst besuchen. Das ist über der Quote ‚draußen‘. Es kommen nicht nur die Katholiken. Klar ist es auch eine Unterbrechung des Gefängnisalltags. Aber mir erzählen die Gefangenen die Predigten der anderen Gottesdienstleiter nach. Das setzt Beschäftigung damit voraus“, sagt Schrittwieser. Jenseits des „Corona-Jahrs“ wäre es sehr wichtig, mehr ehrenamtliche Seelsorger/innen zu haben.

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