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Anatomie eines kranken Systems

GESELLSCHAFT_SOZIALES

Lange war das Gesundheitssystem für breite Bevölkerungsschichten ein Garant für Wohlstand und sozialen Aufstieg. Der Gesundheitsjournalist Martin Rümmele beobachtet, dass sich das Schritt für Schritt ändert. „Es brodelt“, sagte er bei einem Vortrag in der Arbeiterkammer.
 

Ausgabe: 17/2026
21.04.2026
- Andrea Mayer-Edoloeyi
Es braucht eine „Beziehungsmedizin“.
Es braucht eine „Beziehungsmedizin“.
© fizkes / Adobe Stock

Wer eine Knieprothese braucht, wartet im Schnitt 44 Wochen, teils bis zu zwei Jahre, hat die Arbeiterkammer OÖ erhoben. Eine Langzeituntersuchung zeige, dass die Zufriedenheit der Patient:innen mit dem Gesundheitssystem deutlich sinke. 

 

Mythos Kostenexplosion

 

Oft höre man, das System sei bald unbezahlbar. Rümmele nimmt die bestehenden Probleme wie das massiv angestiegene Defizit der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) wahr, widerspricht aber den Prophezeiungen eines Kollapses. Tatsächlich würden die staatlichen Ausgaben für Gesundheit im Vergleich zur gesamten Wirtschaftsleistung nur moderat ansteigen: der Anteil am BIP stieg seit 2015 von 11,1 auf 12,2 Prozent. Die Beitragssätze in der Höhe von 7,65 Prozent des Gehalts blieben gleich.


Die soziale Krankenversicherung wird in Österreich fast ausschließlich über Abgaben auf Löhne und Gehälter finanziert – ihre Finanzierungsbasis sei krisenanfällig, weil die Einnahmen sofort sinken, wenn die Arbeitslosigkeit steigt oder gut bezahlte Arbeitsplätze, etwa in der Industrie, verloren gehen. Als Finanzierungsmöglichkeiten bringt Rümmele die Erhöhung der Höchstbeitragsgrundlage in der Krankenversicherung, die Verbreiterung der Finanzierungsbasis über die reine Lohnarbeit hinaus und die Bekämpfung von Steuerbetrug ins Gespräch. 


Ein großes Problem ist für den Experten zudem, dass Milliarden in teure Beratungen fließen, während Krankenhausstationen wegen Personalmangel schließen müssen. 

 
Warum Ärzt:innen gehen

 

Besonders der Mangel an Kassenärzt:innen und die Verlagerung des Angebots auf Wahlarztpraxen macht vielen Sorgen. Laut Rümmele liege das nicht an einer „faulen“ jungen Generation, sondern der administrative Druck und die „Fließbandmedizin“ treibe erfahrene Mediziner:innen aus dem System. Ähnliches gelte für die Pflege, wo der Druck extrem zunehme. Er fordert mehr Wertschätzung für die Beschäftigten. 

 

Falle „Industrialisierung“

 

Martin Rümmele kritisiert, dass Medizin heute wie eine Fabrik funktionieren soll. Patient:innen würden dabei oft nur als „Objekte“ gesehen, die man schnell reparieren muss. Er warnt vor der Effizienzsteigerung zum Selbstzweck und fordert stattdessen eine „Beziehungsmedizin“: „Zeit ist in der Medizin nicht ein lästiger Verbrauch, sondern eine zentrale Investition.“

 

Soziale Faktoren

 

Die Sorge, dass das Gesundheitssystem wegen der alternden Gesellschaft zusammenbreche, entkräftet der Experte. Die höchsten Kosten würden  am Lebensende anfallen – das sei unabhängig davon, wie alt jemand werde.

 

Gesundheit und Lebenserwartung hingen in Österreich untrennbar mit dem Einkommen, dem Bildungsniveau, dem sozialen Status und der Wohnsituation zusammen. Hier seien die großen Hebel, die auch entscheidender seien als Appelle für individuelle Prävention.

 

„Einem Menschen mit geringem Einkommen und hoher familiärer Belastung einfach nur ‚neue Laufschuhe‘ oder eine bessere Ernährung zu empfehlen“, greife laut Rümmele zu kurz. Unter Berufung auf die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärt der Gesundheitsjournalist, dass es die Aufgabe von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft sei, Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb derer das Individuum erst in die Lage versetzt wird, für sich selbst Sorge zu tragen.


Buchtipp: Martin Rümmele, Krank gespart: Wie Konzerne, Berater und Politik unser Gesundheitswesen ausbluten lassen, Ampuls Verlag 2025, € 24,90

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