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Der Jesuit Frater Gerald Baumgartner aus Münzkirchen (OÖ) über sein Leben in Syrien

Wo man Gott nicht sofort sieht

Weltkirche

Seit einem Jahr ist Frater Gerald Baumgartner Kinder- und Studierendenseelsorger in der syrischen Stadt Homs.

Ausgabe: 38/2022
20.09.2022
- Josef Wallner
Frater Gerald „Gerry“ Baumgartner SJ
Frater Gerald „Gerry“ Baumgartner SJ
© Baumgartner SJ

Der 28-jährige Jesuit und seine Mitbrüder bieten in ihrer Niederlassung wöchentlich mehr als 1.500 jungen Menschen eine Oase der Hoffnung.   

 

„‚Jetzt ist es schlechter als im Krieg. Da hatten wir wenigstens Wasser und Strom‘, klagen die Leute“, erzählt Frater Baumgartner, der in Homs Gerry genannt und gerne so angesprochen wird. Seit die Regierungstruppen vor acht Jahren Homs, die drittgrößte Stadt Syriens, wieder unter ihre Kontrolle brachten, wird nicht mehr geschossen, aber das ist auch schon alles. Von einer Wende zum Besseren keine Spur. Die wirtschaftliche Situation wird sogar von Jahr zu Jahr schlechter.

 

„Im Sommer haben wir alle sechs Stunden für dreißig bis 45 Minuten Strom, im Winter sind oft ganze Stadtviertel tagelang ohne Strom“, macht der junge Jesuit am Beispiel der Elektrizität die wirtschaftliche Lage deutlich. Ein durchschnittliches Gehalt beträgt rund 20 Euro im Monat. Brot ist von der Regierung zwar stark subventioniert, aber man muss sich dafür stundenlang anstellen. Und es ist knapp bemessen.

 

Kollektive Depression

 

„Die Stimmung, die in der Stadt herrscht, ist schwer zu beschreiben. ‚Kollektive Depression‘ trifft es am besten. Die Leute fühlen sich ausgeliefert und hoffnungslos.“ Dazu kommt die Gewalt, die Kinder und Jugendliche in ihren Familien erfahren. „Ich vermute, dass mehr als die Hälfte geschlagen wird“, betont Gerry. Es ist verständlich, dass die jungen Leute in Scharen in die Kommunität der Jesuiten kommen. Dort finden sie einen Platz, wo sie vor Gewalt sicher sind und wo sie „durchschnaufen“ können, wie Gerry in seinem oberösterreichischen Dialekt zu aufatmen und ausrasten sagt.

 

Da die Jesuiten eine Photovoltaikanlage mit Stromspeicher errichtet haben, können die Jugendlichen dort ihre Handys und Laptops laden – an Stromleisten mit zwanzig Steckern. „Im Winter versuchen wir, einen Raum zu heizen“, ergänzt Frater Baumgartner und weist auf die Bedeutung eines zweckfreien Ortes für die Besucher/innen hin. Denn Druck haben sie in Familie, Gesellschaft und Schule genug. 

 

Sehnsucht nach dem Ausland

 

Über den Universitäts-Studenten schwebt überdies die deprimiernde Aussicht auf den Militärdienst, der sie nach dem Studium erwartet: jahrelanger Dienst, ohne zu wissen, wann er tatsächlich endet. Man spricht von einer Dauer von bis zu acht Jahren. „Die Männer belegen an der Uni alles, was nur irgendwie geht, um die Einberufung hinauszuschieben“, erklärt Gerry: „Auswandern ist natürlich ein riesiges Thema.“ Er versteht die Sehnsucht der Jugendlichen nach dem Ausland. Manche betonen, dass sie auch nicht heiraten wollen, da sie in ihrer Heimat Syrien keine Basis für eine Existenz sehen. 

 

Regeln für alle

 

Mit Unterstützung von rund 150 Leiter/innen arbeiten die Jesuiten mit den 1.500 Kindern und Jugendlichen, die wöchentlich zu ihnen kommen, in kleinen Gruppen. „Wir legen Wert darauf, dass bei uns für alle die gleichen Regeln gelten –  für den obersten Gruppenleiter ebenso wie für ein beeinträchtigtes Kind.“ Was selbstverständlich klingt, ist für die meisten völlig fremd, „denn die Korruption im Land ist allgegenwärtig“, erläutert Gerry. Über die Kunst versuchen sie auch, den jungen Menschen zu helfen, dass sie ihre Traumata ausdrücken können, die sie durch den Krieg erfahren haben.


Herausfordernd und glücklich

 

Gerry beschönigt nicht: „Was diese Jugendlichen durchleben, ist das Kreuz“. Die Jesuiten bemühen sich, jeden ihrer Schützlinge als Person zu stärken, sie im Gebet zu begleiten und ihnen Hoffnungsperspektiven aus dem Glauben zu vermitteln. Frater Gerald Baumgartner erlebt die Arbeit in Homs als sehr schwierig und herausfordernd: „Es ist nicht leicht, aber ich möchte an keinem anderen Platz sein. Ich bin wirklich glücklich hier, denn das ist unsere Berufung als Jesuiten: dort Gott zu finden, wo er nicht auf den ersten Blick zu sehen ist.“ «

 

 

Initiative Christlicher Orient

 

Frater Gerald Baumgartner SJ war auf Einladung der Initiative Christlicher Orient  (ICO) am 19. und 20. September 2022 in Salzburg, um bei deren Jahrestagung über seine Arbeit in Syrien zu referieren. Die ICO hat im Vorjahr in  Syrien 22 Projekte mit 522.000 Euro unterstützt. Insgesamt konnte die ICO 2021 in den Ländern des Nahen Ostens mit 1,3 Millionen Euro helfen.

 

 

Zum Bild: Frater Gerald „Gerry“ Baumgartner SJ hat vor wenigen Tagen am letzten der 18 Kinder- und Jugendlager des heurigen Sommers teilgenommen, die die Jesuiten in Homs veranstaltet haben. Bei 11 von 18 war er dabei. Danach flog er zur ICO-Tagung nach Salzburg. Frater Baumgartner arbeitet als Jesuit in Ausbildung für mehrere Jahre in Homs.  

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Beate Mayerhofer-Schöpf ist Theologin 
und Referentin für Spiritualität im 
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