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Friedenspädagogin Christin Sumaya Farhat-Naser über den Nahostkrieg

Einander in Liebe ertragen

WELTKIRCHE_

Die Friedenspädagogin und palästinensische Christin Sumaya Farhat-Naser ist auf Einladung des Weltgebetstags der Frauen und von Pax Christi derzeit auf Vortragsreise in Österreich und spricht auch über die Lage im Nahostkrieg.

Ausgabe: 45/2023
07.11.2023
- Susanne Huber
Sumaya Farhat-Naser (75) war Universitätsdozentin u. a. für Botanik in Palästina, leitete das palästinensische Jerusalem-Zentrum für Frauen und lehrt zum Thema Gewaltfreiheit. Zudem ist sie Autorin und Trägerin zahlreicher internationaler Auszeichnun
Sumaya Farhat-Naser (75) war Universitätsdozentin u. a. für Botanik in Palästina, leitete das palästinensische Jerusalem-Zentrum für Frauen und lehrt zum Thema Gewaltfreiheit. Zudem ist sie Autorin und Trägerin zahlreicher internationaler Auszeichnun
© J. Wallner

Sie sind seit 25 Jahren Friedenspädagogin. Was sagen Sie zu den massiven Raketenschlägen der radikalislamischen Hamas auf Israel, das in Folge den Kriegszustand erklärte?  
Farhat-Naser: Ich verurteile jede Art von Gewalt, egal von welcher Seite sie kommt. Was hier passiert, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Vor allem die Zivilbevölkerung leidet darunter. Sie nun mit Gewalt zu vertreiben – die Palästinenser:innen aus dem Gazastreifen und die Israelis rund um dieses Gebiet –, ist keine Lösung. Es muss sofort beschlossen werden, das Töten und die Angriffe aufeinander zu stoppen und Verhandlungen einzuleiten. Alle Geiseln müssen freigelassen werden. Verantwortung haben sowohl die Palästinenser als auch die Israelis. Und wer Macht hat, muss diese nun anwenden, um Frieden zu bringen und nicht, um den Krieg anzuheizen.

 

Wer hat diese Macht?  
Farhat-Naser: Die USA und Europa sind dazu fähig, weil sie Israel schützen wollen. Das können sie nur, wenn sie dafür sorgen, dass Israel mit den Angriffen aufhört. Und die Hamas muss dazu gezwungen werden, das Töten zu beenden. Auf beiden Seiten gibt es schon zahlreiche Opfer. Durch dieses Massaker hat Israel so viele Zivilisten verloren wie nie zuvor. Ich bin strikt gegen solch ein Vorgehen und lehne es ab, dass man darauf besteht, mit Aggression gegen Israel vorzugehen und umgekehrt Israel gegen die Hamas. Nicht die Gewalt bringt uns den Frieden. Es braucht die Einsicht, dass das Überleben der israelischen und palästinensischen Bevölkerung nur davon abhängt, dass beide miteinander Frieden schließen. Wenn ich sage, ich will gut leben, muss ich auch das Leben der anderen schützen und dafür sorgen, dass sie ebenfalls in Frieden leben können. Und das hat gefehlt. Die Politik der letzten 30 Jahre war darauf gerichtet: Entweder, oder. Wir oder ihr. Das darf nicht sein. Das Land gehört uns gemeinsam.  

 

Wie konnte es so weit kommen?  
Farhat-Naser: Der Streit zwischen Israel und Palästina um Territorium ist nach wie vor ungelöst. Die Politik der israelischen Besatzung lässt seit 56 Jahren Menschen verzweifeln. Es ist nun der fünfte Krieg im Gazastreifen. Und es werden noch brutalere folgen, wenn sich die Lebensbedingungen für die Palästinenser:innen nicht ändern. Sie müssen wissen, dass sie das Recht auf würdige Existenz in diesem Land haben. Doch während der palästinensische Präsident Mahmud Abbas und die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) seit 30 Jahren jegliche Gewalt ablehnen, sich für friedliche Verhandlungen verpflichten und Israel anerkannt haben, hat die israelische Seite die Landnahme in den Palästinensischen Autonomiegebieten fortgesetzt. Und seit zehn Jahren lässt Israel keine Gespräche mit den Palästinensern über Frieden und die Lösung der Probleme zu. So konnte die Hamas stark werden. Ihre Politik setzt auf Gewalt. Obwohl der Großteil der Bevölkerung Palästinas diese Vorgehensweise ablehnt, nimmt die Bewunderung für die Hamas leider zu.   

 

Sie leben mit Ihrer Familie im Westjordanland, 30 Kilometer von Jerusalem entfernt. Vor dieser Eskalation sind Sie nach Deutschland gereist und konnten dann nicht mehr zurück. Wie geht es Ihrer Familie vor Ort? 
Farhat-Naser: Ich sorge mich sehr um sie und telefoniere täglich mehrmals mit ihnen. Mein Sohn ist Arzt und arbeitet in Jerusalem. Er fährt mit seinem Auto mit palästinensischem Kennzeichen jeden Tag dorthin. Immer wieder werden Palästinenser von bewaffneten israelischen Siedlern überfallen, gefangen genommen und auch erschossen. Auf der anderen Seite werden Israelis bedroht, haben jede Minute Angst, dass eine Rakete auf sie niedergeht, dass jemand eine Bombe legt oder dass sie auf der Straße erstochen werden. Das ist eine Situation, die man nur aufhalten kann, indem man sagt: Stopp. Jetzt wollen wir miteinander verhandeln und einen Weg finden, um erst einmal nebeneinander und dann miteinander gut leben zu können. Das ist möglich. Es braucht nur den Willen dazu.

 

Anlass Ihres Besuchs in Österreich ist der Weltgebetstag der Frauen. Die Liturgie dazu kommt am 1. März 2024 von Frauen aus Palästina. Die Botschaft dahinter ist angesichts des Krieges in Nahost dringlicher denn je ... 
Sumaya Farhat-Naser: Ja. Vor dem Hintergrund des Israel-Palästina-Konflikts wollen wir aufzeigen, dass Friede das Band ist, das uns alle zusammenhalten kann, und was es bedeutet, einander in Liebe zu ertragen. Was heißt ertragen? Miteinander auskommen, aufeinander zugehen. Es bedeutet nicht, hinzunehmen, dass Unrecht geschieht. Das gilt für alle, für Israelis und Palästinenser. Gerade jetzt sind wir wegen der schrecklichen Ereignisse mehr denn je gefordert, aufeinander zuzugehen. Und das Gebet stärkt uns in der Hoffnung, dass Friede möglich ist – wenn wir akzeptieren und respektieren, dass wir unterschiedlich sind, dass wir einen anderen Glauben haben, andere Lebensweisen. Doch trotz Verschiedenheit gibt es ein Ziel: gemeinsam in Frieden zu leben. Das ist unsere Botschaft.  

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