ist Religionslehrerin und Pastoralassistentin im Südburgenland, derzeit in Elternkarenz.
In immer mehr Staaten wird eine rechtspopulistische Regierung mit autoritären Tendenzen gewählt, wie jüngst in Tschechien. Diese Regierungen sind prorussisch, und das auch in Ländern, die von der Sowjetunion stark eingeschränkt wurden, Stichwort Prager Frühling. Wie erklären Sie sich das?
Kristina Stoeckl: Wir erleben eine Hinwendung zu weitgehend illiberalen Systemen. Das heißt, dass die liberale Demokratie mit ihrer Garantiefunktion für Minderheiten und ihrem Anspruch auf universelle Menschenrechte in vielen Ländern nicht mehr als so erstrebenswert gilt. Russland hat sich seit den 2010er-Jahren an die Spitze einer Bewegung für illiberale Politik gestellt. Wladimir Putin hat von sich selbst gesagt, er führe eine „souveräne Demokratie“ und meinte damit Demokratie ohne echte Wahlen. Viktor Orbán bezeichnet sein Modell offen als illiberale Demokratie. Und auch Donald Trumps „MAGA“-Amerika steht für ein System, das sich selbst als demokratisch bezeichnet, aber keine liberale Demokratie mehr ist.
Die USA und Russland entwickeln eine enge „Freundschaft“. Das hätte man nach der Erfahrung des Kalten Kriegs nicht für möglich gehalten. Was geht hier vor?
Stoeckl: Im Kern geht es um einen Wertediskurs und um die Frage, ob Demokratie noch als erstrebenswerte Regierungsform gilt. Außerdem war der zentrale Konflikt des Kalten Krieges auch ökonomischer Natur: auf der einen Seite freie Marktwirtschaft, auf der anderen Planwirtschaft. Russland ist in eine Form von Marktwirtschaft eingestiegen, damit ist Russland kein ökonomischer Gegner der USA mehr. Und auf ideologischer Ebene gibt es viele Anknüpfungspunkte. Die Idee, eine Großmacht zu sein, existierte bereits zu Sowjetzeiten und war auch immer Teil des amerikanischen Selbstverständnisses. Heute erleben wir, dass die USA und Russland weltanschaulich und wirtschaftlich in vielen Punkten am gleichen Strang ziehen und sich mit ähnlichen Programmen identifizieren. Beide Systeme sind klar rechts positioniert, indem sie für moralkonservative Werte eintreten, dafür, dass eine christlich geprägte Kultur den Staat bestimmen soll, gegen internationales Recht, gegen Pluralismus und in weiten Teilen auch gegen Meinungsfreiheit.
Frau Prof. Stoeckl, Sie erforschen, wie sich Politik und Religion gegenseitig beeinflussen. Wie hängen die beiden zusammen?
Stoeckl: Religion und Politik haben gegenseitigen Einfluss aufeinander. Religion wird dabei vielstimmiger: Es gibt nicht mehr die eine Amtskirche, die für „die“ christliche Position spricht. Stattdessen existieren zahlreiche Bewegungen innerhalb und außerhalb der Kirchen, oft konfessionsübergreifend und international gut vernetzt. Wenn wir in westlichen Demokratien von „christlicher Kultur“ sprechen, gibt es innerhalb der Kirchen keine Einigkeit, was das ist. Manche Gruppen verstehen darunter traditionelle Werte, die Sichtbarkeit religiöser Symbole im öffentlichen Raum oder teilweise auch Ausschlussmechanismen gegenüber nichtreligiösen oder nichtchristlichen Menschen. Andere hingegen betonen Gastfreundschaft, Offenheit, soziale Gerechtigkeit und Armutsbekämpfung.
Die weltanschaulichen Gegensätze in der Gesellschaft spiegeln sich auch in den Kirchen wider. Stehen diese vor einer Zerreißprobe?
Stoeckl: Ja. In der orthodoxen Welt ist der Bruch evident. Der Krieg in der Ukraine und die Positionierung des Moskauer Patriarchats auf Seiten des Angriffs stehen dem Ökumenischen Patriarchat von Kons-tantinopel gegenüber, das für eine orthodoxe Tradition steht, die mit liberalen Demokratien kompatibel ist. Demgegenüber vertritt Moskau ein autokratisches Modell, das Repression und Einflusssphären legitimiert. Auch im Protestantismus ist die Spaltung zu erkennen. Westliche protestantische Kirchen haben sich über Jahrzehnte in eine progressive Richtung entwickelt, stehen aber zunehmend unter Druck durch evangelikale und fundamentalistische Strömungen, die politisch agieren und das politische System umgestalten wollen. Ähnliches gilt für den Katholizismus, wo sich ultrakatholische oder integralistische Gruppen von einem sozialethisch orientierten Katholizismus abgrenzen, für den etwa Papst Franziskus und Papst Leo XIV. stehen.
Streitpunkte sind Genderfragen, Migration, Islam oder Abtreibung. Geht es dabei noch um Inhalte oder nur um die Abgrenzung?
Stoeckl: Es geht nur noch um Schlagwort-Auseinandersetzungen. Ich spreche von „moral conservative readymades“ (moralkonservativen Fertigprodukten, Anm.). Man kann ein antifeministisches oder anti-homosexuelles Narrativ in sehr unterschiedlichen Gesellschaften aktivieren, weil es dafür fast überall einen Resonanzraum gibt. Das zentrale Thema ist Gender. Beim Thema Islam ist es anders: In der orthodoxen Welt oder in globalen Netzwerken christlicher Rechter sind Muslime eher Verbündete als Feindbilder, weil ähnliche autoritäre und antifeministische Werte vertreten werden.
Wie gefährlich ist der Einfluss frauenfeindlicher Netzwerke für die liberale Demokratie?
Stoeckl: Gefährlich wird es, wenn der Grundsatz aufgegeben wird, dass in einer Demokratie die Menschen gleich viel gelten. Sobald man eine, wie Aristoteles sagte, „natürliche“ Ordnung wie das Patriarchat als gottgegeben nimmt und daraus eine politische Ordnung ableitet, verlässt man den Boden der Demokratie. Aristoteles unterschied zwischen einer politischen Ordnung, in der alle gleich sind, und einer natürlichen Ordnung, in der es Unterschiede gibt. Das Problem ist, dass christliche Rechte heute die politische Ordnung durch die „natürliche“ ersetzen wollen.
In der Ukraine wird der Kampf um Freiheit seit fast vier Jahren existenziell geführt. Sehen Sie Friedenschancen für 2026?
Stoeckl: Ich bin Religionssoziologin und keine Militäranalystin. Ich meine aber, Russland braucht keinen Frieden und will vielleicht auch keinen Frieden. Die Ukraine braucht Frieden, will aber einen gerechten Frieden. Insofern bin ich pessimistisch, ob das zu erreichen ist.
Welche Vision kann für 2026 Mut machen?
Stoeckl: Ich gehe motiviert ins Jahr 2026, weil ich ein neues Forschungsprojekt beginne. Da wird es nicht um religiösen Fundamentalismus gehen, sondern um religiöse Mäßigung. Nicht um antiliberale, antidemokratische religiöse Akteure, sondern um demokratische religiöse Akteure. Und um die Frage, was sich innerhalb der Kirchen tut gegen den Andrang von rechts, gegen die Inbesitznahme von bestimmten religiösen Themen durch rechte Akteure und Akteurinnen. Ich glaube, dass man, wenn man den Blick in eine andere Richtung richtet, auch wieder mehr positive Anzeichen sieht.
Die österreichische Professorin Kristina Stoeckl lehrt in Rom Soziologie. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Religionssoziologie und Politische Soziologie, besonders intensiv hat sie sich mit Russland beschäftigt. 2026 beginnt sie ein neues internationales Forschungsprojekt, das sich nicht den religiös Extremen, sondern den religiös Moderaten, der religiösen Mitte widmet.
Über Staats- und Konfessionsgrenzen hinweg wächst eine politisch rechte, christlich-moralkonservative Bewegung, beobachtet die Soziologin Kristina Stoeckl.
Für die Kirchen sei das Engagement christlich-rechter Bewegungen eine gefährliche Einengung, meint Kris-tina Stoeckl. Solche Gruppen gebe es sowohl in den katholischen als auch in den evangelischen und orthodoxen Kirchen. Sie agieren über Konfessions- und Staatsgrenzen hinweg. Die großen Kirchen sind den christlichen Rechten zu „moderat“. Während Vertreter der offiziellen Kirchen großteils für Menschenrechte eintreten, stellen christlich-rechte Gruppen häufig Menschenrechte in Frage. Und obwohl sie zu einer Minderheit gehören, hätten sie doch politischen Einfluss, „und zwar heute mehr als vor zehn Jahren“, analysiert Kristina Stoeckl. Sie seien nicht alleine an ihrer Ideologie zu erkennen, sondern in Kombination damit, dass sie zu bestimmten (internationalen) Organisationen gehören und gemeinsame Strategien und Ziele verfolgen. Sich selbst würden sie als bedrohte Minderheit in der säkularen Mehrheitsgesellschaft darstellen. Ihre Interpretation der Gegenwart ist der „zivilisatorische Verfall“ (wie sie etwa die jüngste US-Sicherheitsdoktrin in Europa verortet). Die weltanschauliche und theologische Schnittmenge der christlich-rechten Gruppen sei sonst klein, weshalb sie sich auf in weiten Kreisen akzeptierte Formeln wie „die traditionelle Familie“ konzentrieren würden, die viele Menschen teilen.

ist Religionslehrerin und Pastoralassistentin im Südburgenland, derzeit in Elternkarenz.
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