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Wie aus einer Lehrerin ein Flüchtling wurde

GESELLSCHAFT_SOZIALES

Die Rosen, die sie in der Ukraine zurücklassen musste, will sie nun in Österreich pflegen. Nadja V. lebt mit ihren zwei Töchtern seit bald vier Jahren hier –
länger, als sie es je für möglich hielt.

Ausgabe: 08/2026
17.02.2026
- Monika Slouk
Ein Schnappschuss aus dem „früheren Leben“: Nadja V. und Tochter Daria beim Frühstück auf dem Balkon in der ukrainischen Stadt Butscha, die 2022 durch Kriegsverbrechen bekannt wurde.
Ein Schnappschuss aus dem „früheren Leben“: Nadja V. und Tochter Daria beim Frühstück auf dem Balkon in der ukrainischen Stadt Butscha, die 2022 durch Kriegsverbrechen bekannt wurde.
© Nadja V.

„Um 5 Uhr in der Früh hat mich eine Bekannte aus Kiew angerufen und gesagt: Nadja, du musst sofort weg!“ Nadja erinnert sich an den 24. Februar 2022. Sie lebte mit ihren Töchtern Miroslava und Daria in einer Neubauwohnung in Butscha, unweit von Kiew. Lange hatte sie auf die Wohnung in grüner Umgebung mit Blick auf einen See gespart. Wer dem Lärm der Hauptstadt entkommen wollte, suchte sich eine Wohnung im ehemaligen Luftkurort Butscha. Nadja V. war Englischlehrerin am Gymnasium der Kleinstadt, ihre Kinder besuchten hier Schule und Kindergarten. Die Warnung ihrer Bekannten aus Kiew wollte sie nicht verstehen, obwohl es nicht die erste war. Bereits am Vorabend war Nadja V.s Ex-Mann vorbeigekommen. „Er sagte, wir sollen beten – und das, obwohl er nicht an Gott glaubte. Auf die Frage, warum, sagte er nur: damit nichts passiert.“ Er war als Ingenieur für große Firmengebäude zuständig und die ganze Nacht damit beschäftigt, Gebäude abzusichern, den Strom abzuschalten. Als er um 6.30 Uhr wieder zu Najda und den Kindern kam, hielt er sie für verrückt, weil sie noch im Pyjama waren. Er füllte Wasser in Kanister und brachte sie in sein Auto. Wer ein Auto hatte, fuhr weg, erinnert sich Nadja V. „Die anderen Nachbarn brachten ihre Wasserkanister und Decken in den Keller.“

 

Die Fllucht im Auto richtung Westen


Noch vor dem Aufbruch hörten sie Explosionen. Die dumpfen Knallgeräusche kamen von einem kleinen Flughafen in 2 km Entfernung. Erst später erfuhren sie, dass zu dieser Zeit bereits russische Fallschirmjäger dort gelandet waren. Doch Nadjas Ex-Mann Dmitro hatte vorgesorgt. Mit mehreren Kanistern Benzin im Auto starteten sie um 7 Uhr Richtung Westen und fuhren hunderte Kilometer, ohne anzuhalten. Die Autobahnen waren bereits voller Autos, vor jeder Tankstelle standen lange Schlangen. „Bei Schytomyr kamen uns fünf Panzer entgegen, wir konnten nicht erkennen, welche.“ Erst gegen Mitternacht erreichten sie die Wohnung von Dmitros Mutter in der Westukraine. Dmitro kehrte am nächsten Tag nach Kiew zurück, während Nadja, Miroslava und Daria V. drei Wochen in der Nähe von Drohobytsch blieben. Auch hier gab es Luftalarme. „Wir versteckten uns im Keller, der stammte noch aus der Habsburgerzeit und war sehr tief gebaut“, erzählt Nadja V. in sprudelndem Deutsch.

 

Zu Fuß über die Grenze


Dann meldete sich eine Freundin bei ihr und fragte sie, ob sie nicht nach Österreich kommen wolle. Nein, sagte Nadja, sie wollte zurück in ihre schöne Wohnung nach Butscha. Doch Freundin Margarita ließ nicht locker. Eigentlich war es ein seltsamer Zufall gewesen, dass Nadja und Margarita einander kurz vor dem Krieg wieder begegnet waren. Sie kannten einander aus einer freikirchlichen Gemeinde in Kiew, waren damals beide alleinerziehende Mütter gewesen, beteten gemeinsam für die Kinder und deren Väter. Doch erst Jahre später trafen sie einander wieder, weil Nadja zum Begräbnis einer Verwandten in die Westukraine fuhr, während Margarita fast gleichzeitig in der Westukraine einen Amerikaner heiratete. Und das alles in den letzten Wochen, bevor Russland den Krieg gegen die Ukraine auf das gesamte Land ausdehnte. Margarita überzeugte Nadja, die seit dem Studium und einem Au-pair-Aufenthalt in Deutschland Deutsch konnte, dass sie mit ihren Sprachkenntnissen in Österreich bei Übersetzungsarbeiten nützlich sein könnte. Das nächste Abenteuer begann. Nadja machte sich mit den Kindern, die 5 und 14 Jahre alt waren, auf den Weg zur polnischen Grenze. In das Futter der Kinderkleidung hatte sie Adressen von Verwandten eingenäht, falls ein Kind verloren gehen sollte. 

 

Schokolade im Bus


„An der Grenze waren schrecklich viele Menschen, sie hatten Babys mit, Haustiere, alte Leute.“ Drei Stunden dauerte das Überqueren der Grenze zu Fuß in diesen Menschenmassen. Doch es war alles gut organisiert, erinnert sich die Frau, die unverhofft von einer Lehrerin zu einem Flüchtling wurde. Sie übernachtete mit Daria und Miroslava in einer Schule, bevor sie mit einem Kleinbus aus Österreich abgeholt wurden. „Mir war das suspekt. Ich bin so aufgewachsen, dass nichts kostenlos sein kann. Ich habe die Ausweise der zwei jungen Männer geprüft, noch eine andere Frau um Rat gefragt.“ Schließlich hat sie vertraut und ist eingestiegen. Essen konnte sie während der Fahrt nichts, so groß war der Stress. Auch die 14-jährige Miroslava hatte Angst, nur die 5-jährige Daria war guten Mutes. „Der Busfahrer hat mir Schokolade angeboten“, erinnert sich die bald Neunjährige heute noch. „Doch kurz darauf musste ich mich im Bus übergeben.“

 

Ankommen im Labyrinth


Um 22 Uhr erreichten sie bei Dunkelheit Salzburg, wo sie im Kapuzinerkloster Aufnahme fanden. „Es war wie in einem Film. Wir hatten keine Erfahrung mit einem Kloster, auch nicht mit der katholischen Kirche. Die alte Architektur. Beim Eingang ein riesiges Kruzifix. Dann verwinkelte Gänge, wie ein Labyrinth. Allerdings waren wir so müde, dass wir sehr schnell eingeschlafen sind.“ 10 Monate blieben die drei im Kloster, erlebten das Osterfest, Weihnachten und Silvester dort. Die nächste Herausforderung war die Wohnungssuche.
Nadja V. hat mittlerweile ein unbeirrbares Gottvertrauen. Sie bezieht mit ihren Töchter eine kleine Wohnung. Zu ihrem Ex-Mann hält sie Kontakt, macht sich Sorgen. Er ist im Krieg. Eines Tages die Nachricht. Er hat einen Angriff knapp überlebt. Zwei Männer neben ihm sind tot, weitere zwei haben Körperteile verloren. Dmitros Ohr wurde durch einen Streifschuss verletzt. Der, der nicht an Gott glaubt, sagt: Ich bin sicher, dass mich jemand beschützt hat. Nadja besucht ihn im Krankenhaus. „Es war schrecklich. Die jungen Leute. Sie konnten nicht schlafen in der Nacht, schrien, es war die Hölle.“ Nicht nur die Soldaten sind traumatisiert, ist Nadja V. überzeugt, auch die Pflegekräfte. Ihr eigener Vater, der Chirurg ist, hilft noch mit 77 Jahren bei Operationen mit, so viele Verwundete kommen in die Krankenhäuser.

 

Es nimmt kein Ende


Immer wieder hat Nadja V. gehofft, dass sie in die Ukraine zurückkehren könnte. 2025 haben ihre Töchter einige Monate beim Vater in Kiew gelebt. Doch dann wurden die Angriffe aus Russland wieder stärker, und Nadja konnte die Sorge um ihre Kinder nicht mehr ertragen, brachte sie wieder nach Österreich, in Sicherheit. Wieder musste sie sich eine neue Wohnung suchen, was nur schwer gelang. Doch Miroslava ist inzwischen erwachsen, hat eine WG mit einer Freundin. Auch Nadja und Daria haben es wieder geschafft. Von außen sieht das Haus noch verwahrlost aus, aber in der kleinen Wohnung haben sie es gemütlich. Und was Nadja am meisten freut: Wenn der Frühling kommt, kann sie sich um ein Stück Garten kümmern. „Als ich die Rosenstöcke hier sah, habe ich geweint vor Freude!“ In der Ukraine musste sie Rosen zurücklassen, die sie selbst gepflanzt hatte. Nun möchte sie den Garten auf Vordermann und die Rosen zum Blühen bringen.

 

Vier Jahre Krieg

 

Vor vier Jahren, am 24. Februar 2022, griff Russland seinen Nachbarstaat Ukraine umfassend an, nachdem es 2014 bereits die Krim annektiert und Teile des Donbass besetzt hatte. Trotz wiederholter internationaler Bemühungen ist ein Ende des Großangriffs nicht in Sicht. Auch die Münchner Sicherheitskonferenz (13.–15. Februar) konnte daran nichts ändern. In Österreich leben derzeit etwa 88.000 ukrainische Staatsangehörige. Bis 4. März 2027 haben sie ein vorübergehendes Aufenthaltsrecht.

Nadja V. und ihre Tochter Daria freuen sich auf den Frühling.
Nadja V. und ihre Tochter Daria freuen sich auf den Frühling.
© Slouk
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