Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.
Im vergangenen September war ich mit Vertreterinnen und Vertretern der Hilfsorganisation „Initiative Christlicher Orient“ (ICO) in Syrien. Die Situation im Land hat mich sehr erschüttert: die ganzen Ruinen, das große Leid der Bevölkerung, die Perspektivlosigkeit angesichts der kriegerischen Zustände und der internationalen Sanktionen. Wir haben Projekte besucht, die von ICO unterstützt werden.
So waren wir auch beim Abschlussfest eines Sommerlagers für die Kinder der Stadt Masskaneh, das von der örtlichen Pfarre gemeinsam mit der ICO durchgeführt wurde. Für diese Kinder war das Sommerlager die einzige Möglichkeit für ein bisschen Abwechslung im tristen Alltag Syriens. Spielerische, sportliche und kreative Aktivitäten sollen den Kindern, die alle Schlimmes erlebt haben, Freude vermitteln. „Wir lieben das Leben!“, haben uns die Begleiter der Kinder und Jugendlichen mehrfach gesagt.
Kinder haben uns Erwachsenen oft etwas voraus. Sie erleben die Welt intuitiv. Sie können im Moment verweilen und sich ins Spiel vertiefen. „Kinder an die Macht“ hat Herbert Grönemeyer gesungen und den kindlichen Zugang zur Wirklichkeit zum Ideal erhoben.
Viele werden es aber auch bestätigen können: Im Advent und zu Weihnachten sind es vor allem Kinder, die Erwachsene zur Krippe führen, die auf Jesus zeigen, die bei Erwachsenen etwas vom Staunen, von der Lebendigkeit, vom Vertrauen und Glauben wecken. Kinder führen uns ganz nahe heran an das Geschehen des Weihnachtsfests, an die Geburt von Jesus. Nicht wenige Erwachsene spüren in sich eine Sehnsucht, Weihnachten wie damals als Kind zu erleben. Weihnachten, das ist das Fest der Kinder, sagen manche.
Und tatsächlich steht da ein Kind im Zentrum von Weihnachten. Die Geburt des Retters, Jesus Christus, der als Kind in Windeln gewickelt in einer Krippe liegt, wird den Hirten von den Engeln verkündet (Lk 2,11–12). Und was sehen die Hirten dann? Sie sehen ein Neugeborenes, das in erbärmlichen Umständen zur Welt gebracht wird. Und trotzdem zweifeln sie nicht an der Besonderheit des Kindes.
Warum nicht? Vielleicht ist es den Hirten ergangen, wie es vielen von uns ergeht, wenn sie einen Säugling sehen. Wie gerne beugen wir uns nieder zu neugeborenen Kindern! Wie beglückt sind wir vor dem Wunder des beginnenden Lebens! Kann es sein, dass uns in diesen Momenten bewusst wird, welche Besonderheit jedem Leben zukommt? Dass Leben zerbrechlich ist und beschützt werden muss? Dass jedes Leben Würde und Respekt verdient? Und ich bin mir sicher: Die Hirten haben beim Kind dazu noch die Nähe Gottes erfahren.
Weihnachten ist aber nicht nur ein Fest der Kinder oder ein Familienfest, es ist noch mehr ein Beziehungsfest. Beziehungen werden gefestigt und erneuert. Jede Weihnachtsfeier, jedes familiäre Beisammensein am Heiligen Abend, jeder liebe Besuch oder jeder Weihnachtsgottesdienst stärkt Beziehungen.
Aus Sicht des Glaubens ist Weihnachten ein Beziehungsfest, weil Gott mit uns Menschen in eine einzigartige Beziehung tritt. In Jesus wurde Gott Mensch. Gott ist in Jesus und seiner Botschaft unmittelbar erfahrbar. Diese Beziehung kann man auch so ausdrücken: Gott kann die Menschen gut leiden. Er sympathisiert mit uns.
Von Weihnachten kann also viel an „Herz“, viel an „Sympathie“ ausgehen. Das wirkt heilend in Familien hinein. Das wirkt sich auch aus auf die Bereitschaft zu Solidarität in unserem Land und mit den Menschen in anderen Ländern. Wir Menschen müssen zu einer neuen Form der des Miteinanders, des gemeinsamen Denkens, Fühlens, Redens und Handelns kommen. So können wir Wachstum des Lebens ermöglichen. Zusammenhalt in jeder Form gehört zu den besten Erfahrungen, die Menschen machen können.
Für unseren Besuch in Syrien habe ich von vielen Seiten große Dankbarkeit wahrgenommen. Die Menschen spürten ein klein wenig, dass sie nicht vergessen sind, dass mit ihnen mitgefühlt, dass zusammengehalten wird.
Zudem habe ich erlebt, dass die wenigen Christinnen und Christen ihren Glauben als besonders wichtig und wertvoll erfahren. Es gibt auch die kleinen Pflanzen der Hoffnung. Es gibt die Kraft des Gebets, es gibt den Mut zum Leben und es gibt die Kraft zum Neuanfang. Ich habe nicht einmal, sondern oft gehört: „Beten Sie für uns. Denken Sie an uns.“
Die Verbundenheit mit diesen Menschen kommt mir zu Weihnachten besonders in den Sinn. Das Kind in der Krippe, in dem die Liebe Gottes zu uns Menschen sichtbar wurde, möge Hoffnung schenken, möge Lebenskraft schenken. Damit wir das Leben lieben können wie die Kinder.
+ Manfred Scheuer,
Bischof von Linz

Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.
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