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Das Leben in Hallstatt: Viel Trubel, wenig Ruhe

Kirche OÖ

Jahr für Jahr pilgern zehntausende Touristinnen und Touristen nach Hallstatt und verändern das Ortsbild nachhaltig. Auch die Pfarre und ihre Mitglieder bleiben davon nicht verschont. Vom Leben und Leiden mit den Gästen erzählen Pfarrgemeinderatsobmann Reinhard Kerschbaumer und Diakon Fritz Pichler.
 

Ausgabe: 41/2019
08.10.2019
- Lisa-Maria Langhofer
Tausende Touristinnen und Tourisenen aus aller Welt kommen täglich nach Hallstatt.
Tausende Touristinnen und Tourisenen aus aller Welt kommen täglich nach Hallstatt.
© KiZ/Langhofer

Eisig kalter Wind schneidet durch die T-Shirts und die kurzen Hosen der mehr als hundertköpfigen Reisegruppe und lässt sie frösteln. Es ist zwar Sommer, doch dieser Tag beginnt mit unheilschwanger wirkendem Himmel und Regentropfen. Die Reisegruppe, gerade frisch aus dem Zug gestiegen, lässt sich davon nicht beirren und marschiert vom Bahnsteig einen schmalen Pfad hinunter zur Bootsanlegestelle. Von hier aus wollen die mit Selfiesticks und Kameras ausgestatteten Touristinnen und Touristen hinüber auf die andere Seite des Hallstätter Sees, zu ihrem wahren Ziel: Hallstatt. 
Nach wenigen Minuten angespannten Wartens tuckert das Boot heran, aufgeregt schnatternd gehen die Passagierinnen und Passagiere an Bord und drücken schon jetzt wie wild auf die Auslöser ihrer Fotoapparate und Handys. 
Jeden Tag pilgern mehrere Tausend Gäste in die Gemeinde Hallstatt, die rund 750 Einwohnerinnen und Einwohner zählt. Im Sommer mehr, im Winter weniger. „Bevor Hallstatt 1997 das Weltkulturerberecht bekam, gab es hier zwar auch Tourismus, aber nicht in dem Ausmaß wie jetzt“, sagt Pfarrgemeinderatsobmann Reinhard Kerschbaumer über seine Theorie, warum Hallstatt eine solche Faszination ausübt. Auch der chinesische Nachbau habe einiges dazu beigetragen. „Viele, allen voran die Asiaten, machen häufig einen Welterbetrip.“ Ein Blick hinunter zur Seestraße, die sich am Ufer entlang durch den gesamten Ort zieht, genügt als Bestätigung seiner Worte: Es herrscht dichtes Gedränge von Chinesen und Koreanern, unter die sich gelegentlich eine indische Familie mischt. 

 

(Fehlender) Respekt

Die kleine katholische Pfarrkirche hat sich einen erhöhten Platz direkt auf dem Berg ausgesucht. Nicht jeder erklimmt die Stufen bis hinauf zum Gotteshaus, die meisten Besucher/innen kommen wegen des berühmten Beinhauses. Der Großteil der Gäste benehme sich pietätvoll, aber es gebe auch einige, die sich der Würde des Ortes nicht bewusst seien. „Das Schlimmste waren einmal zwei Schüler, die im Beinhaus Fußball gespielt haben“, erzählt Kerschbaumer. 
Ein Problem, das jedoch stark nachgelassen habe, seien die ferngesteuerten Drohnen. Immer wieder ließen Gäste diese vor die Fenster der Hallstätter fliegen, bis schließlich Verbotsschilder aufgestellt wurden. Gelegentlich „verirrt“ sich auch einmal jemand in einen privaten Garten, aber „insgesamt achten wir darauf, mit den Gästen gut auszukommen“, sagt der PGR-Obmann. „Jeder und jede kann die Kirche besuchen. Nur manchmal müssen wir den Gästeschwung einbremsen, etwa bei heiligen Messen, bei denen wir eine Hinweistafel vor der Kirche aufstellen.“ 
Auch bei Trauungen oder Begräbnissen werden ähnliche Maßnahmen ergriffen, damit die Familien in Ruhe feiern und trauern können. Das werde manchmal respektiert, manchmal nicht. Wer als Tourist absolute Ruhe möchte, müsse „zwischen null und zwei Uhr in der Früh“ kommen, wie Diakon Fritz Pichler mit einem Augenzwinkern erklärt. 
Eigene Touren veranstaltet die Pfarre keine, bietet aber interessierten Gruppen die Möglichkeit, in der Kirche Gottesdienst zu feiern. Besonders Südkoreaner/innen würden dies mehrmals im Jahr nutzen. „Sie müssten sehen, wie andächtig die in der Kirche sitzen und wie aktiv sie am Gottesdienst teilnehmen – da sind wir um einiges verhaltener.“ 

 

Zukunftswunsch für Hallstatt

Grundsätzlich lassen sich die Hallstätter/innen durch die Touristen nicht vom Messbesuch abhalten, das Problem liege eher anderswo, sagt Pichler. „Viele sind weggezogen, aber weniger wegen der Touristen, sondern wegen der fehlenden Arbeitsmöglichkeiten. Du kannst ins Gastgewerbe gehen, aber dann ist der Ofen bald aus.“ 
Kerschbaumer hat einen klaren Wunsch für die Zukunft: „Es geht mir nicht um den Tourismus, sondern um meine Pfarre. Ich möchte, dass die Leute wieder lebendiger am Pfarrleben teilnehmen und öfter zu uns kommen. Aber wie wir das schaffen, ist für mich mit einem großen Fragezeichen verbunden.“ 

 

Zur Sache

Gemessen an der Einwohnerzahl ist Hallstatt laut Reinhard Kerschbaumer touristisch mehr belastet als Venedig. Hier ein paar Zahlen von 2018 zum Vergleich:

 

HALLSTATT
754 Einwohner/innen
411 Katholikinnen und Katholiken
Fläche: rund 60 Quadratkilometer, davon etwa 35 % bewaldet
6.000 bis 10.000 Tagesgäste
19.400 Busse
190.000 Pkws
140.000 Nächtigungen

 

VENEDIG
260.000 Einwohner/innen (Festland)
85 % Katholikinnen und Katholiken
Fläche: 157 Quadratkilometer (Stadt plus Vororte)
Fläche Altstadt: 5,2 Quadratkilometer
18 Millionen Tagesgäste
10 Millionen Nächtigungen

Reinhard Kerschbaumer, Pfarrgemeinderatsobmann
Reinhard Kerschbaumer, Pfarrgemeinderatsobmann
© Pichler
Diakon Fritz Pichler hat einen Geheimtipp: Hallstatt besuchen nach Mitternacht.
Diakon Fritz Pichler hat einen Geheimtipp: Hallstatt besuchen nach Mitternacht.
© Pichler
Die Pfarrkirche Hallstatt, an den Berg geschmiegt
Die Pfarrkirche Hallstatt, an den Berg geschmiegt
© KiZ/Langhofer
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