Beate Mayerhofer-Schöpf ist Theologin und leitet das Referat für Spiritualität im Pastoralamt der Erzdiözese Wien .
Missbrauch kommt und kam verbreitet vor. Seit einigen Jahren wird in Gesellschaft und Kirche darüber gesprochen. Immer noch wird ein Teil unter den Teppich gekehrt. Ob das Wort „Missbrauch“ richtig ist oder vielmehr „sexuelle Gewalt“, „sexualisierte Gewalt“ oder auch „spirituelle Gewalt“ genannt werden soll, wird diskutiert. Tatsache ist: Unter dem Begriff „Missbrauch“ wissen inzwischen die meisten Menschen, was gemeint ist. Oder auch nicht – denn welche Abhängigkeiten und Leiden damit verbunden sind, ist von außen schwer vorstellbar.
Immer mehr rückt ins Bewusstsein, dass es verschiedene Formen von Missbrauch gibt. Neben sexueller oder allgemein körperlicher Gewalt bzw. Aufdringlichkeit gibt es auch psychischen und spirituellen bzw. geistlichen Missbrauch. Dieser sei juristisch sehr schwer zu definieren, meint der Experte für Missbrauchsprävention und Safeguarding, P. Hans Zollner SJ. Er leitet das Institut für Anthropologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, ein Institut für interdisziplinäre Studien zur Menschenwürde und zur Sorge für Schutzbefohlene. Letzte Woche war Pater Zollner in Österreich. Im Gespräch verwendet er den Ausdruck „Safeguarding“ statt des auch gebräuchlichen Wortes „Missbrauchsprävention“. Der Begriff Safeguarding soll deutlich machen, dass das Anliegen größer ist: sichere Räume für Kinder, Jugendliche und alle Menschen in vulnerablen Situationen zu gestalten. Missbrauch zu verhindern, ist Teil davon. Safeguarding soll Menschen ermöglichen, sich sicher zu entfalten, zu wachsen und das zu leben, was ihren Fähigkeiten und ihrer Würde entspricht.
Ein wenig bekannter Aspekt ist, dass die größte Zahl von Missbrauch, die an Kindern und Jugendlichen geschieht, von Kindern und Jugendlichen verübt wird, erklärt der Safeguarding-Experte: „Jugendliche, die Jugendliche missbrauchen. Kinder, die Kinder missbrauchen. Sexuell, psychisch, mit Mobbing. Das ist zahlenmäßig über dem, was Erwachsene Kindern und Jugendlichen antun.“ Ob man es auch unter Jugendlichen Missbrauch nennen könne? Ja, sagt Hans Zollner SJ, Autorität könne auch unter Gleichaltrigen ausgenützt werden, zum Beispiel mithilfe von Drohungen.
Sexualisierte Gewalt, gibt der Experte zu bedenken, ist ein Thema, das die Menschheit seit zwei Millionen Jahren begleitet, und lässt sich schwer überwinden. Und doch lohnt sich jeder Versuch.
Pater Zollner, letzte Woche wurde bekannt, dass der österreichische Kabarettist Günther Paal alias Gunkl ein Kleinkind missbraucht und an die tausend Dateien mit kinderpornographischem Inhalt besessen habe. Können sich pädophile Missbrauchstäter bessern?
P. Hans Zollner SJ: Pädophilie nennt man die sexuelle Fantasie oder Aktivität mit Kindern vor dem Beginn ihrer Pubertät über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten. Pädophil in diesem Sinn ist nur ein kleiner Teil der Missbrauchstäter. Wenn Menschen ausschließlich von Kindern sexuell erregt werden, spricht man von fixierter Pädophilie, von der heute Psychiater sagen, dass sie unheilbar ist. Das betrifft in jeder Gesellschaft dieser Welt ungefähr 1,5 Prozent der Bevölkerung.
Welche Verantwortung haben kirchliche Expert:innen, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten? Missbrauch gibt es ja nicht nur in der Kirche.
Zollner: Es ist schwer, darüber von uns aus zu sprechen. Aber es gibt tatsächlich mittlerweile Nachfragen an katholische Stellen, wie geht denn ihr mit solchen Situationen um? Ich weiß zum Beispiel aus Bayern, dass staatliche Stellen nachgefragt haben, wie geht ihr denn mit solchen Anschuldigungen um? Was tut ihr da? Und im Juni wurde ich von der Gemeinschaft der evangelischen Kirchen Europas nach Warschau eingeladen zu einer Tagung zum Thema Safeguarding. Es gibt also diese Nachfragen, auch aus nichtchristlichem Hintergrund. Aber durch all das, was an Unheil durch Institutionen und Institutionenträger, Bischöfe, Provinziale, angerichtet wurde, weil sie nicht das getan haben, was sogar im Kirchenrecht stand und steht, abgesehen davon, was sie an seelsorglichen Aufgaben gehabt hätten, die sie nicht wahrgenommen haben, nämlich den Betroffenen zuzuhören – wenn ich das in Rechnung stelle, muss ich sagen, ich hoffe sehr, dass wir nicht zu schnell anfangen, von unseren eigenen Verbrechen und Fehlern abzulenken.
In Wien zeigt eine Einzelausstellung Werke des verurteilten und 2013 verstorbenen Sexualstraftäters Otto Mühl. Was sagen Sie dazu?
Zollner: Ich glaube, dass so eine Ausstellung statthaft ist, wenn sie sich mit dem Thema aktiv auseinandersetzt und zu einer konstruktiven Auseinandersetzung führt. Also wenn das Thema benannt wird und wenn es auch von den Ausstellungsbetreibern aktiv betrieben wird. Wie weit das ernsthaft passiert, kann ich in diesem Fall nicht sagen, aber ich finde, es gibt gute Argumente, dass zum Beispiel Kunst von Tätern nicht einfach abgedeckt wird, weil es wiederum eine Verdrängung ist. So wie es eine Verdrängung war, nicht hinzuschauen, als diese Täter missbraucht haben, so kann es jetzt eine Verdrängung sein, zu sagen, jetzt schauen wir auch auf die Kunst nicht mehr hin, und damit räumen wir das Thema ab.
Dem ehemaligen Jesuiten und aktiven Priester Marko Rupnik, der teure Mosaike für große und kleinere kirchliche Gebäude gestaltete, werfen mehrere Ordensfrauen unabhängig voneinander vor, er habe sie spirituell, sexuell oder körperlich misshandelt. Dennoch scheint der Prozess gegen ihn im Vatikan seit langem zu stocken. Wie gibt es das?
Zollner: Dazu muss man wissen, dass Betroffene bei vielen kirchlichen Gerichtsverfahren nicht befragt werden, genauso wenig wie Beschuldigte befragt werden. Das läuft alles über schriftliche Stellungnahmen, und das ist eines der Hauptprobleme, der Hauptmankos. Der kirchliche Strafprozess und das kirchliche Rechtswesen insgesamt sind mit dem eines staatlichen Apparates nicht wirklich zu vergleichen.
Und man muss wissen, dass der Eindruck, den wir Nichtkirchenrechtler vom Kirchenrecht haben, in der Definition des Kirchenrechts nicht gedeckt ist, weil sich das Kirchenrecht nicht wie ein Strafgesetzbuch versteht. Das Kirchenrecht ist nach Aussage der Kirchenrechtler selbst ein pastorales Instrument, wo es darum geht, Menschen zu helfen, ihren Glauben besser zu leben.
Marko Rupniks Mosaike in Lourdes wurden bereits 2025 verdeckt. So bleibt das nun auch während des vielbeachteten Papst-Besuchs in Frankreich. Rechnen Sie mit erhöhter Aufmerksamkeit für das Thema?
Zollner: Nein, ich glaube, der Papst ist auch der Meinung, jetzt müssen wir warten, was dieser Prozess bringt. Ich bin sehr gespannt, wie das zu Ende geht und wie es dann kommuniziert wird, was das Ergebnis sein wird. Also, sollte es sich um einen Freispruch handeln, aus welchem Grund auch immer, Verjährung oder Mangel an Beweisen oder Mangel an überzeugenden Beweisen oder so, wird es natürlich einen riesigen Aufruhr geben. Wenn es zu einer irgendwie gearteten Verurteilung kommt, wird das Strafmaß entscheidend dafür sein, wie die Reaktionen ausschauen.
Zum Foto: P. Hans Zollner leitet das Institut für Anthropologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und ist Experte für Missbrauchsprävention und Safeguarding. In Österreich sprach er vergangene Woche über den Stand der Forschung und die Arbeit seines Instituts. Barbara Neuhold (rechts) ist Absolventin des Instituts und neue Beauftragte der Österreichischen Ordenskonferenz für Gewaltprävention innerhalb von Ordensgemeinschaften.

Beate Mayerhofer-Schöpf ist Theologin und leitet das Referat für Spiritualität im Pastoralamt der Erzdiözese Wien .
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