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„Seid barmherzig mit mir“

KIRCHE_ÖSTERREICH

Der Wiener Dompfarrer Toni Faber ist über Wien hinaus bekannt.
Dass er seine Begleiterin zu öffentlichen Terminen mitnimmt, irritiert.
Und auch sonst geht er gerne ungewöhnliche Wege.

Ausgabe: 44/2026
27.10.2026
- Monika Slouk
Wiens Dompfarrer Toni Faber steht zu seinen Eigenheiten. Das gefällt nicht allen.
Wiens Dompfarrer Toni Faber steht zu seinen Eigenheiten. Das gefällt nicht allen.
© Slouk

Herr Dompfarrer, Sie stellen sich als Avatar zur Verfügung, der für Kunden und Kundinnen eines neuen Unternehmens Trauerreden hält. Sie werden die Inhalte zwar vor der Weitergabe prüfen, können aber durch den künstlichen Zwilling mehr Trauerreden halten als sonst. Sie sind nicht der einzige Avatar, den man wählen kann. Sind solche digitalen Angebote nicht eine Konkurrenz zu kirchlichen Riten?
Dompfarrer Toni Faber: Ich glaube, es ist ein Ergänzungsangebot für Menschen, die in ihrer Sehnsucht nach individuell gestalteten Begräbnissen, nach persönlich zugewandten Begräbnisformen, Qualität verlangen. Es ist höchstens eine Konkurrenz für diejenigen, die ein Begräbnis 08/15 ablaufen lassen, die nicht auf die Angehörigen und auf den Verstorbenen achten und sich vielleicht auch in ihrer Sprachfähigkeit, ob muttersprachlich oder fremdsprachlich, überfordert fühlen. Auch für sie kann es eine Ergänzung sein. Dieses Angebot möchte ich gerne mitentwickeln, weil mir viele Menschen von Begräbnissen erzählten, die fürchterlich waren.
Und zusätzlich ist es eine tolle Möglichkeit, über das verdrängte Thema Abschiednehmen mehr zu sprechen und Ältere zu ermutigen: Sprecht mit euren Kindern darüber, was eure Wünsche sind.

 

Solche Avatare können auch klerikale Muster verstärken. Wenn etwa in einer Pfarre die Pastoralassistentin Begräbnisse leitet, sagen manche Familien zunächst, „Wir wollen aber den Pfarrer!“ Möglicherweise würden sie den virtuellen Pfarrer einer echten Begräbnisleiterin vorziehen.
Faber: Angesichts des Todes sind die analoge Begleitung und das direkte Vor-Ort-Sein unersetzbar. Die Begleitung, das Trösten, das Handhalten, die Möglichkeit, sich aussprechen zu können, ein gutes Ohr und Herz anzubieten – wird immer analog bleiben. Die KI bietet hier nur ein zusätzliches Instrument.

 

Und aus der Sicht derer, die sich auf den Tod vorbereiten: Ist es nicht eine Verlängerung des Selbstoptimierungsdrucks, der uns ohnehin das ganze Leben begleitet? Jetzt müssen wir sogar perfekt Abschied nehmen, aussehen wie vor 30 Jahren.
Faber: Ja, das ist aber kein neues Thema. Ich habe zum Beispiel schon Priesterbegräbnisse gestaltet, bei denen der Verstorbene sein Primizbildchen oder ein Jugendfoto zur Verfügung gestellt hat. Das ist übertrieben. Ich selbst nehme inzwischen immer ein aktuelles Foto in mein Testament auf, wenn ich es Jahr für Jahr oder alle zwei Jahre neu schreibe – ein Foto aus der Gegenwart, das mir passt. Das sollen sie verwenden. 


Bis dahin gibt es hoffentlich noch ein paar Jahrzehnte.
Faber: Hoffentlich. Ich weiß nicht, wie lange mein Leben währt, aber jetzt bereite ich mich darauf vor, mein letztes Arbeitsjahr als Dompfarrer gut auszufüllen und mich am 31. August von diesem Lebensabschnitt zu verabschieden. Am Stephansplatz möchte ich danach weiterhin verfügbar und erreichbar bleiben und mit all dem, was mir möglich ist, dem Leben noch etwas abgewinnen und zum Leben beitragen: kraft meiner Erfahrung, kraft meiner Gottesverwurzelung und kraft meiner Liebe zu den Menschen. Diese Liebe nimmt nicht ab, auch wenn ich nicht mehr offizieller Geschäftsführer der Dompfarre sein werde.

 

Die Rolle als Promi-Seelsorger wird Ihnen wohl bleiben.
Faber: City-Seelsorger, Promi-Seelsorger – das wird alles bleiben. Was mir fehlen wird, ist die Tätigkeit als Schulseelsorger und Kindergartenseelsorger, die ich jetzt seit 35 Jahren ausübe, etwa als Nikolaus und am Fest des heiligen Martin. Das hat mir Freude bereitet.

 

Sie waren und sind mit Leib und Seele Dompfarrer. Gibt es etwas, das Sie nicht vermissen werden?
Faber: Natürlich: sehr viele Sitzungen, sehr viele geschäftliche Entscheidungen, die Personallast mit ihren Problemen und die finanziellen Sorgen, die man mittragen muss. Diese Sitzungen werde ich, glaube ich, nicht sehr stark vermissen.

 

Mit Ihrer Begleiterin Natalie Nemec treten Sie öffentlich auf. Das verärgert manche Menschen in und außerhalb der Kirche. Was sagen Sie diesen Menschen?
Faber: Ich sage: Seid barmherzig mit mir, so wie ihr auch anderen Lebensformen von Pfarrern gegenüber barmherzig seid, die halt nicht am Opernball tanzen. Seid barmherzig mit euch selbst und bittet darum, dass ihr von anderen nicht strenger beurteilt werdet, als ihr selbst andere beurteilt.
Meine persönliche Privatsphäre ist mir, auch wenn ich in der Öffentlichkeit lebe, wichtiger, als von jedem und jeder geliebt zu werden. Ich denke mir, dass ich im Konzert der vielfältigen Möglichkeiten genug für die Kirche und für die Menschen geleistet habe, um viele zu erreichen, die wir sonst nie erreichen würden. Gönnt mir Privatheit und die Beziehungswirklichkeit, die nie einfach ist. Bei keinem einzigen Priester, von dem ich weiß, dass er einen schwulen Freund hat oder dass eine Freundin ein engeres oder weiteres Verhältnis zu ihm hat. Seid wirklich barmherziger mit dem, was ihr sagt, was ihr tut und was ihr andere spüren lasst. Für 99 Prozent der Menschen ist meine Lebensform kein Problem. Heilig bin ich nicht. Es gibt Ideale, die man anstrebt und in verschiedenen Lebensphasen auf unterschiedliche Weise zu leben versucht.

 

Wollten Sie durch die Provokation auch die Diskussion über Zulassungsbedingungen zum Priestertum anstoßen?
Faber: Das war mir eigentlich nie so wichtig, aber es liegt auf der Hand, dass vieles davon reformbedürftig ist. Da bin ich übrigens mit Erzbischof Josef Grünwidl einer Meinung: Wir müssen die Zölibatsfrage unbedingt umfassend diskutieren. Auch die Zulassung von Frauen zur Weihe müssen wir diskutieren. Ich geniere mich dafür, dass wir Frauen gegenüber nicht weiter sind. Es ist nicht die einzige Frage, von der die Existenz und Relevanz der Kirche abhängen, aber es ist eine wesentliche, die wir irgendwann einmal klären müssen.

 

Was ist Ihnen noch wichtig?
Faber: Wir sind relevant für eine Gesellschaft, wenn wir menschlich sind, wenn wir dem Leben dienen und wenn wir nicht nur alte Zöpfe verwalten. Ihr werdet in dieser Welt gebraucht – nicht nur Priester, nicht nur Pastoralassistentinnen und Pastoralassistenten, sondern jeder einzelne Christ.
Und zu meinem persönlichen Kampf: Möge der liebe Gott mich vor Scheinheiligkeit bewahren. Bitte, seien wir in dieser Gesellschaft nicht scheinheilig.   

 

 

 

 

Selbstbestimmtes Abschiednehmen

 

Nein, hier geht es nicht um assistierten Suizid. Hier geht es darum, dass man den eigenen Hinterbliebenen eine stimmige Abschiedsbotschaft für die einstige Trauerfeier vorbereitet.
 

So ganz wie Toni Faber sieht er noch nicht aus. Und auch, was er sagt, klingt noch etwas wirr. Aber es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis der „Fabertar“ in Aussehen und Inhalt dem Wiener Dompfarrer gleicht. Der „Fabertar“ ist eine Neuschöpfung eines findigen KI-Unternehmens, das sich darauf spezialisiert, Menschen bei der Vorbereitung ihrer eigenen Trauerfeierlichkeiten zu unterstützen. Ein „Avatar“ ist eine künstliche Figur, die einen echten Menschen im digitalen Raum vertritt. „Fabertar“ ist eine Kombination aus „Faber“ und „Avatar“, weil Faber bei diesem Unternehmen als Trauerredner engagiert werden kann. Also: nicht der echte, den muss man schon noch in der Pfarrkanzlei „buchen“. Aber zum Geschäftsmodell des Unternehmens gehört es, dass man noch zu Lebzeiten die Trauerrede für das eigene Begräbnis vorbereiten kann – KI-gestützt.

 

Individuelle Trauerrede

Mit der Rede kann man eine virtuelle Figur beauftragen (eine davon ist der Fabertar), oder man kann sich selbst von den Hinterbliebenen verabschieden. Das könnte man auch jetzt schon: ein Video von sich aufnehmen und den Angehörigen für die Trauerfeier mitgeben. Wozu also das neue Angebot, den Abschied KI-unterstützt zu gestalten? Damit habe man mehr Möglichkeiten, erklärt Philipp Berkessy, einer der Gründer des Grazer Unternehmens „Lebensstimmen“. Erstens könne die KI-optimierte Persönlichkeit je nach Internationalität der Trauergemeinde in mehreren Sprachen sprechen. Zweitens könne man sich ein „jüngeres Ich“ wählen, oder ein weniger von Krankheit gezeichnetes.

 

Toni Faber betrachtet seinen Avatar.
Toni Faber betrachtet seinen Avatar.
© Slouk
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