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In der Armee eines Diktators kämpfen und auf die eigenen Mitmenschen schießen müssen. Oder alles zurücklassen: die Familie, Freunde und die Heimat. Vor dieser folgenschweren Entscheidung stand Omar Khir Alanam, bevor er aus Syrien floh.
14 Jahre ist das her. In Österreich fand er nach einer zweijährigen Flucht-Odyssee im Jahr 2014 eine neue Heimat, Frieden und eine Stimme. Alanam, der in Syrien bereits als Jugendlicher seine ersten Texte verfasste, schaffte es in kurzer Zeit, Deutsch zu lernen und zu perfektionieren. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, in denen er humorvoll die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der arabisch-österreichischen Kultur behandelt. Darüber hinaus arbeitet er regelmäßig an Schulen, wo er Workshops mit Kindern und Jugendlichen leitet. Aus dieser Tätigkeit ist sein jüngstes Werk hervorgegangen, das sich an Kinder ab 10 Jahren, aber auch an Erwachsene richtet. Darin beschäftigt er sich mit Themen, die ihm besonders am Herzen liegen: Frieden in der Welt, im Internet, im Klassenzimmer und in einem selbst. Eine der zentralen Botschaften von „Frieden ist unsere Superkraft“: Frieden ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine bewusste Entscheidung und tägliche Aufgabe.
Krieg bedeutet für Alanam eben nicht erst, dass Bomben fallen und Soldaten marschieren. Auch Ausgrenzung, Mobbing, psychische Gewalt und die Bereitschaft, Gewalt einzusetzen, sind Formen eines unfriedlichen Zusammenlebens. „Frieden beginnt deshalb im Kleinen: mit der Entscheidung, friedlich zu handeln und Gewalt nicht als Mittel zur Konfliktlösung zu akzeptieren“, sagt Omar Khir Alanam im Gespräch mit der Kirchenzeitung.
Den Kindern und Jugendlichen will er vermitteln, wie man mit Gefühlen umgehen kann. „Ich habe das früher selbst so eingetrichtert bekommen, dass richtige Männer nicht weinen“. Alanam will diese problematische Haltung überwinden. „Ich glaube, jedes Gefühl, das nicht ausgelebt wird, wird in uns verstaut und bricht auf eine ungesunde Art und Weise wieder aus“, sagt Omar Khir Alanam. Angst, Wut und Verletzlichkeit anzunehmen und ihnen Raum zu geben, ist für ihn ein wichtiger Schritt zu einem gesünderen Umgang mit sich selbst und anderen.
Alanam hat selbst erlebt, wie sehr traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit das eigene Selbstbild prägen können. Wenn man etwa selbst ständig den Druck spürt, dass man als Mann immer dominant und laut sein muss. Heute versteht er Stärke anders: Sie zeigt sich darin, Mitgefühl und Empathie zu zeigen, bei Mobbing nicht mitzumachen und andere nicht auszugrenzen. Er ist überzeugt: Jeder Mensch kann diese Form von Größe zeigen, unabhängig von körperlichen Merkmalen oder seiner Herkunft.
Auch als Vater zweier Söhne möchte er überholte Vorstellungen nicht ungeprüft an die nächste Generation weiterreichen. „Nicht immer hatten die Eltern oder Erwachsenen recht oder wussten alles besser“, betont Alanam. Manchmal hätten sie bestimmte Dinge einfach weitergegeben, weil sie es selbst nicht anders gelernt hatten oder nie die Möglichkeit hatten, darüber nachzudenken und sie zu hinterfragen. Und genau da liegt der entscheidende Punkt: „Ich kann sagen: Moment, jetzt liegt es in meiner Macht, diese Dinge nicht weiterzugeben. Ich kann diese Kette durchbrechen und meinen Kindern etwas anderes vermitteln“.
Ein besonderes Anliegen ist Omar Khir Alanam auch der Friede im Internet. Hass und Beleidigungen könnten auch Menschen verletzen, die nach außen hin gelassen wirken. Er kann selbst davon ein Lied singen, nachdem er in der Vergangenheit immer wieder im Internet angefeindet wurde. „Ich glaube, es gab eine Zeit, in der ich versucht habe, cool damit umzugehen. Ich wollte so tun, als würde mich das gar nicht berühren. Aber natürlich war mir das nicht egal, ich war verletzt“, sagt Omar Khir Alanam. „Dabei ist es eigentlich total wichtig, sich einzugestehen: Das tut mir nicht gut“. Alanam plädiert dafür, sich Unterstützung zu holen, wenn Hass im Internet zur Belastung wird – gerade für Jugendliche. Hilfe anzunehmen, sei keine Schwäche, sondern eine Stärke.
Mit politischen Bewertungen hält sich Alanam im Interview mit der Kirchenzeitung bewusst zurück. Was die aktuelle militärische Aufrüstung in Europa und Österreich betrifft, will er keine Stellungnahme abgeben, was er davon hält. In der Neutralität Österreichs sieht er jedoch eine mögliche Stärke: Ein neutrales Land könne eine vermittelnde Rolle einnehmen und dazu beitragen, Konflikte diplomatisch zu lösen.
Wenn es um Frieden geht, lässt sich bei Omar Khir Alanam auch die aktuelle Lage in Syrien nicht ausklammern. Nach 15 Jahren Krieg und Jahrzehnten der Diktatur stehe Syrien vor einer enormen gesellschaftlichen Herausforderung, sagt Alanam. Er beschreibt, dass Menschen durch die Diktatur zwar nebeneinander gelebt, einander aber oft nicht wirklich kennengelernt hätten. Ein friedliches Zusammenleben müsse daher erst aufgebaut werden.
Für ihn ist klar: Rache würde die Spirale aus Gewalt und Leid nur weiterdrehen. Deshalb sagt er: „Frieden schließt man nicht mit Freunden, sondern mit Feinden.“ Neben dem Wiederaufbau der Infrastruktur brauche es jedenfalls vor allem gesellschaftliche Aufarbeitung, Bildungsarbeit und Räume für Begegnung. Die Politik trage dafür eine große Verantwortung.
Seine persönliche Haltung fasst er dabei in drei Gedanken zusammen: sich mit dem versöhnen, was war, der Trauer den nötigen Raum geben und versuchen, im Jetzt friedlich zu leben.
In seinem neuen Buch „Frieden ist unsere Superkraft“ zeigt Omar Khir Alanam, warum Frieden im Kleinen beginnt und eine bewusste Entscheidung ist. Im Buch gibt es dazu Übungen zum Mitmachen sowie viele anschauliche Beispiele.
Bei dem Buch, das eine klare humanistische Botschaft hat, fällt auch positiv auf, dass der Autor sehr nah an seiner Zielgruppe schreibt.
Omar Khir Alanam: Frieden ist unsere Superkraft
Stark ist, wer für einander da ist – für ein besseres Miteinander in der Welt, in der Klasse und im Netz. Leykam 2026, 144 Seiten
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