Beate Mayerhofer-Schöpf ist Theologin
und Referentin für Spiritualität im
Pastoralamt der Erzdiözese Wien
Die Bibel genoss in der katholischen Kirche nicht immer den hohen Stellenwert, der ihr gebührt. Während es besonders zur Zeit der Gegenreformation häufig verboten war, eine deutsche Bibelübersetzung zu besitzen oder darin zu lesen, war ihr Ansehen auch in späteren Jahrhunderten noch zweifelhaft. Man traute den Gläubigen nicht zu, aus der Lektüre des Originaltextes die richtigen Schlüsse zu ziehen und setzte lieber auf Vermittlung durch Priester in ihren Predigten.
Es war ein Klosterneuburger Chorherr, der sowohl für das Verständnis der Liturgie als auch der Bibel neue Maßstäbe setzte: Pius Parsch. Mit der Gründung eines „Klosterneuburger Bibelapostolats“ legte er einen Grundstein, der von seinem Mitbruder Herrn Norbert Höslinger aufgegriffen und vom Linzer Bischof Franz Zauner in der Bischofskonferenz gefördert wurde. So gelang es, aus dem regional beschränkten Bibelapostolat ein österreichweites Bibelwerk zu formen. Als Kardinal Franz König am 1. September 1966 das Gründungsdekret des „Österreichischen Katholischen Bibelwerks“ unterzeichnete, bezog er sich auf einen Beschluss der Bischofskonferenz vom Oktober 1965.
Die Entstehungsgeschichte des Bibelwerks legte nahe, das 60-Jahr-Jubiläum im heurigen Jahr an seinem Ursprungsort zu feiern, nämlich im Stift Klosterneuburg. Das Bibelwerk mit Direktorin Elisabeth Birnbaum lud daher zu einem Festakt nach Klosterneuburg ein, im Rahmen dessen die Bibelwissenschafterin, Sängerin und Kabarettistin auch einige ihrer beliebten und inhaltsreichen Lieder zum Besten gab.
Immer wieder bezog sich Elisabeth Birnbaum in ihrem Festvortrag auf ein Bild für die Bibel, das sie in einer Publikation detailgetreu gezeichnet hatte: die Bibel als Wald. Ein Wald ist als Naherholungsgebiet zu verstehen, das aufatmen lässt, „ein lebendiger, schützenswerter Kulturraum mit einem ganz eigenen Mikroklima“. Leider würden viele Menschen diesen Naherholungsraum nicht nützen, bedauerte die Bibelexpertin. Manche würden sogar ein großes Lob auf den Wald aussprechen, ihn selber aber nie betreten, zeichnet Birnbaum ein Bild für die Bibellesegepflogenheiten so mancher Katholik:innen. „Sie ist so ein schönes Buch“, singt Birnbaum schwungvoll vor versammeltem Publikum. „Bei jeder Messe liest man viele Seiten, und darf erst dann die Kommunion bereiten. Und so ein Bibeltext ist schwer verständlich, mit einem Wort: Ich langweil mich unendlich!“ So gelingt es Elisabeth Birnbaum, manche Botschaft mit Humor und Augenzwinkern zu transportieren.
Wenn sie das Bild des Waldes weiter ausführt, erklärt sie: „Ein Wald ist ein Lebensraum, in dem unterschiedlichste Pflanzen wachsen. Wer sich damit auch nur ein bisschen auskennt, weiß, dass man mit Efeu anders umgehen muss als mit einer Birke, oder dass man Heilkräuter einzeln pflücken kann, aber Tannen nicht.“ Was sie damit sagen möchte ist, dass die Bibel aus mehreren Teilen mit unterschiedlichen Textsorten besteht, die jeweils anders verstanden werden müssen. „Eine Urgeschichte ist kein Gebot, ein Psalm keine Nachrichtensendung“, sagt sie, was einleuchtend klingt und doch oft verwechselt wird. Als Gefahr sieht Birnbaum dabei die fundamentalistische Brille. Zur Melodie des Radetzkymarsches singt sie, wieder mit Ironie: „In der Bibel steht nur, was historisch ist, was tatsächlich genauso geschehen ist, wer die Bibel liest, wird da Spezialist – ich bin Fundamentalist!“ Mit Wissenschaft müsse man nicht die Zeit verschwenden, so eine nicht ernst gemeinte Bemerkung über Menschen mit der fundamentalistischen Brille.
Dass ein Eichhörnchen den Wald anders betrete als ein Maulwurf und ein Schmetterling sich diesem Lebensraum anders nähert als ein Specht, klingt einleuchtend. Und so könne man auch den Bibelwald unterschiedlich begehen, darauf weist die Bibelwerks-Direktorin hin. Das sei wünschenswert, jeder und jede solle doch den eigenen Zugang finden und nützen. Das Bibelwerk wolle die verschiedenen Zugänge unterstützen. Doch spricht sich Elisabeth Birnbaum gegen Plünderungen im Wald aus. „Direkt gesagt: Die moralische, politische oder sonstige Instrumentalisierung der Bibel, um andere niederzumachen und die eigene Unbarmherzigkeit zu verbrämen, erfüllt uns mit Sorge und Widerwillen. Wahlwerbung mit ‚Euer Wille geschehe‘ in Österreich, ein amerikanischer Präsident, der sich biblischer Botschaften zur Legitimierung des eigenen Größenwahns bedient ... das ist eine Form von Bibelumgang, der leider wieder modern ist.“
Zum Gratulieren waren Bibelexpert:innen aus allen Diözesen gekommen, wie Christian Kopf aus Feldkirch, Andreas Vonach aus Innsbruck, Karin Hintersteiner, Szidónia Lörincz und Andrea Taschl-Erber aus Linz oder Mario Bachhofer aus Eisenstadt. Erhard Lesacher, Leiter der Theologischen Kurse, nannte die Bibel einen „Stachel im Fleisch von theologischen Einheitskonzepten. Die Bibel ist vielstimmig, mitunter widersprechen sich einzelne Stimmen … Die Bibel ist ein Buch, besser Bücher im Dialog … im gemeinsamen Ringen um den unbegreiflichen Gott. Ein starkes Fundament für Einheit in der Vielfalt!“

Beate Mayerhofer-Schöpf ist Theologin
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