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Bischof Scheuer: Innovation braucht Freiheit

KIRCHE_OÖ

Ein Gespräch mit Bischof Manfred Scheuer zum Semesterende: 
über Universitäten, Wissenschaft und „generative Persönlichkeiten“.

Ausgabe: 27/2024
02.07.2024
- Die Fragen stellte Heinz Niederleitner
Bischof Manfred Scheuer wirbt für mehr Wertschätzung für Wissenschaft und Forschung.
Bischof Manfred Scheuer wirbt für mehr Wertschätzung für Wissenschaft und Forschung.
© Kienberger/Diözese Linz

Absolvent:innen, so heißt es manchmal etwas zynisch im Hinblick auf wirtschaftliche Notwendigkeiten, seien der „Output“ der Universitäten. Wie sehen Sie das?

 

Scheuer: Einst sprach man an den Universitäten von den Artes liberales, den freien Künsten. Eine universitäre Ausbildung hat mit Freiheit zu tun und ist mehr als beispielsweise reine Technik. Zur Wissenschaft gehören Interdisziplinarität, der Blick über das eigene Fach hinaus, Kooperation aus verschiedenen Blickwinkeln, Kreativität, Innovationen. Die entstehen ja gerade dort, wo Freiheit zum Denken ist.

 

Gleichzeitig ist eine lebensweltliche Verankerung wichtig: Wissenschaft ist keine Selbstbeschäftigung. Insgesamt braucht es heute mehr Wertschätzung für die Wissenschaft und die Forschung. Ich halte es für grob fahrlässig, wie teilweise in der öffentlichen Meinung damit umgegangen wird.

 

Man kann also von Hochschul- und Uni-Absolvent:innen erwarten, dass sie sich und ihr Handeln reflektieren können? 

 

Scheuer: Ja, aber Kritikfähigkeit allein macht es nicht aus, denn sie ist für sich noch nicht Urteilskraft und Entscheidungsfähigkeit. Die sieht man zum Beispiel im Dreischritt von Kardinal Joseph Cardijn: sehen, urteilen, handeln.

 

Die Tatsachen allein reichen nicht aus; sie sind, wie Ludwig Wittgenstein formuliert hat, erst die Aufgabe, nicht schon die Lösung. Der frühere Rektor der Kepler-Universität, Meinhard Lukas, hat gesagt, Wissenschaft müsse sexy sein. Für sie braucht man nicht nur Sitzfleisch, sondern auch Leidenschaft.

 

Die Hochschullandschaft in Oberösterreich war lange sehr technisch-naturwissenschaftlich und wirtschaftswissenschaftlich geprägt. Die Entwicklung und die inhaltliche Verbreiterung der Katholischen Privatuniversität (KU) stärkten den theologisch-philosophischen und kunstwissenschaftlichen Bereich. Jetzt soll es eine Digitaluni in Linz geben, die IT:U. Was erwarten Sie sich da? 

 

Scheuer: Die Entwicklung der KU ist eine Erfolgsgeschichte, zu der auch die Kooperation mit anderen Universitäten in Linz gehört. Auch hier ist, wenn auch nicht in allen Bereichen gleich, vieles gelungen. Das müssen wir auch hinsichtlich der Digitaluni im Auge behalten.

 

Ich habe eben erst wieder persönlich gesehen, wie Digitalisierung und künstliche Intelligenz (KI) für Menschen mit Beeinträchtigung oder Behinderung hilfreich sein können – gerade im Hinblick auf gesellschaftliche Teilhabe. Natürlich habe ich kritische Fragen in Bezug auf KI, hier braucht es die Unterscheidung der Geister. Sie hat auch Grenzen: Sie kann nicht lieben, sie gibt uns keine Sinnstiftung ... Aber ihre guten Früchte sollten wir nicht übersehen. 

 

Die Diözese setzt mit dem geplanten Campus für Bildung, Wissenschaft und Menschlichkeit einen Schwerpunkt. Was ist hier mit „Menschlichkeit“ gemeint? 

 

Scheuer: Bildung im Sinne Wilhelm von Humboldts ist die Emporhebung zur Menschlichkeit bzw. Humanität: Freiheit, Selbstgestaltung, Aufklärung. Dafür braucht es die Fähigkeit zu vertrauen und die Empathie. Statistiken leiden nicht, Menschen schon. Mit dem Zweiten Vatikanum kann der Mensch verstanden werden als ein Geheimnis oder eine Frage, die er allein in sich nicht beantworten kann.

 

Die urchristliche Überzeugung, dass wir auf Gott hin und von Gott her geschaffen sind, setzt hier an. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was muss ich tun? Was darf ich hoffen? Diese Fragen sind heute nicht so unwichtig, wie sie manchmal erscheinen.

 

Also ist der Campus als Dienst an der Gesellschaft gedacht? 

 

Scheuer: Das ist die Grundüberzeugung, denn Bildung ist eine Grundfunktion der Kirche. Wir machen das nicht allein, sondern in Kooperation, und ich bin allen dankbar, die das jetzt fördern.

 

Mir ist klar, dass wir bei diesem Projekt „antizyklisch“ vorgehen, da wir heute als Kirche weniger werden und sparen müssen. Aber woher sollen künftig die Menschen kommen, die sich in der Bildung und der Seelsorge einsetzen? Wir können in diesen Bereichen keine Computer hinstellen: Kirche und Gesellschaft brauchen generative Persönlichkeiten – Menschen, die Freude am Wachsen, Blühen, Reifen anderer Menschen haben und sich dafür einsetzen.

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