Hannah Bilgeri MA ist Pastoralassistentin in Ausbildung in der Pfarre Bruder Klaus in Dornbirn Schoren.
Welche Fußball-Weltmeisterschaft Ihrer Kindheit und Jugend hat Sie besonders geprägt?
Rainer Maria Schießler: Da sticht natürlich die WM 1974 in Deutschland heraus. Dass wir 1974 Weltmeister wurden, war ein unglaubliches Gefühl. Vor allem habe ich als damals 14-Jähriger erlebt, was dieses sportliche Großereignis für die Generation meiner Eltern bedeutet hat. Sie waren vom Krieg gezeichnet, seelisch verletzt. Die WM hat ihnen ein Stück Würde zurückgegeben, das die Nazizeit geraubt hatte. Deshalb bin ich bis heute ein großer Verfechter solcher Veranstaltungen. Vielleicht war das sogar ein Baustein auf meinem Weg zur Berufung.
Sie meinen die Berufung zum Priester?
Schießler: Ja. Ich war als Jugendlicher sehr engagiert in meiner Gemeinde. Und dann gab es außerhalb meiner Pfarre dieses große Ereignis, bei dem ich erlebt habe, wie Menschen aus aller Welt aufeinander zugehen und miteinander feiern können.
Sie sprechen von der verbindenden Kraft des Fußballs. Hat Sie das auch später noch begleitet?
Schießler: Ja, absolut. Dieser positive Geist der Fußball-Weltmeisterschaften war mit ein Grund dafür, dass ich mich bei der deutschen Heim-WM 2006 als Freiwilliger gemeldet habe. Ich wollte einfach noch näher dran sein. Weil ich einen gültigen Taxischein habe, wurde ich Leiter der Abteilung Chauffeurdienste. Dadurch bin ich auch immer wieder ins Münchner Stadion zu den WM-Spielen gekommen. Was ich dort erlebt habe, war etwas Besonderes: diese Aura, diese Atmosphäre, dieses Gefühl, mitten unter den Menschen zu sein mit all ihren Erwartungen, ihrer Freude, ihrer Hingabe. Aber auch ihrer Hoffnung, ihrer Trauer und den gemeinsamen Gesängen. Das hatte etwas Liturgisches, etwas, das auch mit dem Glauben in Verbindung steht.
Sie sehen also auch Parallelen zwischen Fußball und Kirche?
Schießler: Ja, absolut. Das ist doch genau unsere Aufgabe als Kirche: Menschen Hoffnung, Gemeinschaft und Freude zu schenken. Als ich vor 40 Jahren Priester wurde, hat mir mein Vater noch etwas mit auf den Weg gegeben. Er hat gesagt: „Bua, wenn du am Sonntag übers Land fährst, dann schau dir die Leute an, die aus dem Wirtshaus kommen, und die, die aus der Kirche kommen. Wer schaut fröhlicher aus?“ Meistens seien es die aus dem Wirtshaus, meinte er. „Also streng dich an.“ Diesen Satz habe ich nie vergessen. Denn Kirche soll ein Ort sein, an dem Menschen gerne zusammenkommen. So wie ich das auch beim Fußball immer wieder erlebe.
Einige Fußballer bekreuzigen sich vor dem Spiel oder strecken nach einem Tor die Arme zum Himmel. Wie finden Sie es, wenn der Glaube öffentlich gezeigt wird?
Schießler: Ich finde, ein größeres Geschenk können uns diese Fußballer kaum machen, als offen zu zeigen, dass sie gläubig sind. Es ist großartig, wenn Leute, die bekannt sind und in der Öffentlichkeit stehen, auch mit ihrer Religion auftreten.
Ziel von Religion ist es, Erlösung zu finden. Gilt das auch für den Fußball?
Schießler: Ja, aber natürlich nicht im Sinne einer ewigen Erlösung. Was wir vom Fußball lernen können, ist: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Nach Rückschlägen gibt es immer eine neue Chance. Es geht nicht nur um Sieger und Verlierer. Eigentlich sind alle Gewinner, die dabei sein dürfen. Schauen Sie sich die kleinen Nationen an oder die Teams, die sich erstmals qualifiziert haben. Die jubeln oft schon über die Teilnahme, als hätten sie den Pokal gewonnen. Das ist für mich Erlösung. Gleichzeitig muss man sich aber immer wieder sagen: Es bleibt die schönste Nebensache der Welt. Aber warum brauchen wir sie trotzdem? Weil sie unser Leben bereichert.
Was kann die Gesellschaft Ihrer Meinung nach vom Fußball lernen?
Schießler: Nach 90 Minuten voller Kampf gehen die Spieler aufeinander zu, umarmen sich, reichen sich die Hände und gratulieren einander. Ich denke mir dann immer: So, liebe Welt, genauso geht man miteinander um.
In Ihrem Buch „Im Fußball-Himmel“ schreiben Sie über die Fußballspiele Ihrer Kindheit im Hinterhof. Was haben Sie dort fürs Leben mitgenommen?
Schießler: Vor allem, dass jeder seinen Platz finden muss. Es bringt nichts, sich in eine Rolle hineinzudrängen, die nicht zu einem passt. Auf dem Fußballplatz konnte ich herausfinden: Was kann ich? Wo bin ich gut? Wo kann ich mein Bestes geben? Und ich habe gelernt, dass man nie allein gewinnt. Auch der beste Stürmer ist auf die Flanken und auf die Leistungen in der Abwehr angewiesen. Außerdem lernt man auf dem Platz, Kritik auszuhalten und Rücksicht zu nehmen.
Darf man sich angesichts von Kriegen und politischen Spannungen und mit Blick auf Donald Trump überhaupt über die Fußball-WM freuen?
Schießler: Ich lasse mir die Freude an der WM von niemandem nehmen. Es wäre fatal, wenn solche Schädln wie Trump oder FIFA-Präsident Infantino den Sport bestimmen oder ihm seinen Sinn nehmen würden.
Natürlich findet das Ganze in einem Umfeld statt, in dem es oft um Geld und Macht geht. Gerade deshalb ist es umso wichtiger, dass wir uns den Fußball nicht kaputtmachen lassen. Es tut uns gut, uns durch die Fußball-WM wieder an die Leichtigkeit des Lebens zu erinnern. Das geht aber nur, wenn wir nicht alles zu einem Politikum aufbauschen.
Stimmen Sie den Gottesdienstplan bzw. auch pfarrliche Veranstaltungen auf die WM ab in dem Sinne, dass sich nichts überschneidet?
Schießler: Ich würde auf jeden Fall keine Gottesdienste ansetzen, wenn ich wüsste, das da ein Deutschlandspiel ist. Und sollte es doch zu irgendwelchen Überschneidungen kommen, gibt es legitime liturgische Tricks, den zweiten oder dritten Gang einzulegen, damit wir früher fertig sind.
Rainer Maria Schießler, geboren 1960, gilt durch unkonventionelle Seelsorge und medienwirksame Aktionen als einer der bekanntesten Kirchenmänner Deutschlands. Er ist Pfarrer in München. Am Montag,
13. Juli gastiert er in Linz, wo er an der Privaten Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz die Parallelen zwischen Fußball und Religion beleuchten wird.
Details und Anmeldung: www.dioezese-linz.at/ipf

Hannah Bilgeri MA ist Pastoralassistentin in Ausbildung in der Pfarre Bruder Klaus in Dornbirn Schoren.

Birgit Kubik, 268. Turmeremitin, berichtet von ihren Erfahrungen in der Türmerstube im Mariendom Linz. >>
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