Maria Fellinger-Hauer bespricht die beiden neuen Bücher von Monika Helfer und Radek Knapp.
Ausgabe: 19/2017
09.05.2017
- Maria Fellinger-Hauer
Schau mich an, wenn ich mit dir rede
„Wie heißt deine neue liebe, liebe Mama? Ich vergesse ihren Namen immer, weil er so blöd ist.“ Die Ich-Erzählerin in Monika Helfers neuem Roman beobachtet in der U-Bahn eine Szene zwischen einer Frau und einem etwa 11-jährigen Kind, zwischen denen sich dieser Dialog abspielt. Sie phantasiert sich daraus eine Familiengeschichte zusammen, wie sie heute in einer Großstadt gar nicht selten vorkommen kann. Im Kopf der Erzählerin entsteht ein Beziehungsgeflecht von höchst unterschiedlichen menschlichen Charakteren, die trotz Trennung miteinander verbunden sind und unterschiedlichste Erwartungen aneinander haben, die vornehmlich zur Befriedigung eigener Sehnsüchte herhalten müssen. Die Personen sind Sonja, die Mutter, schön, aber etwas verwahrlost, weil süchtig, Sonjas Freund und Retter Eric, das Kind Vev, Milan, der Vater, der als Hausmann agiert und vom Geld seiner Mutter profitiert, seine neue Frau Nati, die „fast alles richtig macht“ und trotzdem (oder deswegen) von Milan nicht geliebt wird, Natis Töchter und ihre Freundin Eva, die eine schonungslose Ehrlichkeit auszeichnet.
Mit großem psychologischen Geschick und ebensolcher Lebenserfahrung zeichnet Monika Helfer die handelnden Personen und konstruiert eine Geschichte, in der nichts Spektakuläres passiert, aber spürbar jeden Augenblick passieren könnte. Ein beeindruckender Familienroman. Monika Helfer, Schau mich an, wenn ich mit dir rede, Salzburg: Jung und Jung 2017, 179 Seiten, ISBN 978-3-99027-094-3
Der Mann, der Luft zum Frühstück aß
Keiner erzählt so wie Radek Knapp. Witzig, pointiert, komisch – und immer von einer tiefen Melancholie durchzogen. Gleichermaßen zum Lachen wie zum Weinen. In seiner neuen Erzählung – und man ist dem Verlag dankbar, dass er nicht Roman darüber geschrieben hat – geht es um Walerian (benannt nach einem Schlafmittel), der unfreiwillig im Alter von 12 Jahren von Polen nach Wien verpflanzt wird. Das neue Leben beginnt mit der Bürde der Schule, wo Walerian schnell begreift, dass man entgegen anderslautender Behauptungen dort nicht fürs Leben lernt. So endet seine Schulkarriere mit dem Hinauswurf. Und auch die Mutter setzt ihn nach ein paar Jahren auf die Straße. Er schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch und dringt in immer tiefere Schichten des Wiener Lebens vor. Dort stößt er auf wenig Sympathie für Menschen von jenseits der Grenze und lernt einiges über die Grenzen des guten Geschmacks und der Legalität. Irgendwann versteht er, dass „zuhause“ überall sein kann – wenn es ihm gelingt, seinen eigenen Weg zu finden. Walerian ist auf dem besten Weg dazu. Soviel darf verraten werden. Radek Knapp, Der Mann, der Luft zum Frühstück aß. Erzählung, Wien: Deuticke im Paul Zsolnay Verlag. 122 Seiten, ISBN 978-3-552-06336-5