Myanmar – das goldene Land. Seit 2011 öffnet sich der Staat langsam. Von Demokratie kann jedoch noch keine Rede sein. Zu den größten Herausforderungen im Land zählt, die Qualität des Bildungsniveaus zu heben. Ein Job für die Kirche in Myanmar.
Auswendiglernen. In den Schulen Myanmars ist das gang und gäbe. Fragen dürfen nicht gestellt werden. Will ein Kind mehr wissen, bleibt es auf der Strecke. Auf dem Land sind 80 Schüler/innen in einer Klasse und nur zwei Lehrer, die sie unterrichten, keine Seltenheit.
Verstaatlichte Schulen
Das Bildungssystem Myanmars hat unter der Militärdiktatur mehr und mehr an Niveau verloren. Das Volk wurde bewusst nicht gefördert. Gebildete Menschen stellen eine Gefahr dar, sich gegen die Junta zu stellen. 1962 ordnete General Ne Win an, kirchliche Privatschulen zu verstaatlichen. Innerhalb von 24 Stunden mussten Priester und Nonnen ihre Bildungseinrichtungen verlassen. Ländereien und Privatschulen durfte die katholische Kirche nicht mehr besitzen und ihre Arbeit wurde erschwert und kontrolliert.
Bildungsniveau heben
Erlaubt war es den Ordensfrauen und -männern allerdings, sich in Häuser einzumieten. Die Jesuiten gründeten auf diese Art zwei Englisch-Sprachinstitute, in Yangon und Taunggyi. Derzeit versucht die Kirche, ihre Schulen von der Regierung zurückzubekommen. „Myanmar braucht dringend ein neues Schulsystem, mehr Lehrer/innen, mehr Ausbildungsstätten und Programme, die das Bildungsniveau heben. Die Kirche ist dabei, hier Verbesserungen anzugehen“, sagt Valerio Rireh. Er ist Lehrer am „Pyinya Sanye Institute of Education“ (PSIE) in Yangon, eine kirchliche Einrichtung des „Infant Jesus“-Missionsordens, die ehrenamtliche Lehrer/innen ausbildet.
Unterricht in Dörfern
Problematisch ist in Myanmar zudem, dass Kinder oft keinen Zugang zu Bildung haben, weil es in ländlichen Regionen an Schulen fehlt, obwohl es die allgemeine Schulpflicht gibt. Dazu kommt die weit verbreitete Armut, die es Eltern unmöglich macht, ihren Kindern Bücher und Schuluniformen zu kaufen. Mädchen und Buben arbeiten deshalb großteils auf den Höfen ihrer Eltern mit. Hier setzt das PSIE-Institut an. „Wir vermitteln jungen Lehrer/innen in einer zweijährigen Ausbildung pädagogische und soziale Kompetenzen. Danach werden sie in entlegene Gebiete in ganz Myanmar geschickt, um Kinder zu unterrichten und auch die familiären Hintergründe der Schüler/innen kennenzulernen. Wichtig ist, Diskussionen und Gruppenarbeiten zu fördern und spielerische Elemente einzubauen“, so Valerio Rireh. Der 35-Jährige ist Katholik und zählt zur christlichen Minderheit im Land, die insgesamt 1,1 Prozent der 56 Millionen Einwohner Myanmars ausmacht.
Konflikte
In Myanmar ist seit 2011 eine vage Öffnung des Landes vor allem in den großen Städten spürbar. „Von einem Wandel in Richtung Demokratie sind wir aber noch weit entfernt. Es herrscht große Armut, es fehlt an Infrastrukturmaßnahmen, an Strom, am Ausbau des Kommunikationsnetzes. In einigen Regionen wie in meiner Heimatstadt Dee Maw Soe, einem Dorf im Kayah-State an der Grenze zu Thailand, kann man nach 22 Uhr nicht auf die Straße gehen und nicht die Grenze passieren, da die Gefahr groß ist, von den Militärs erschossen zu werden“, erzählt der Lehrer. Kayah-State hieß bis 1951 noch Karenni-State. Er ist einer der sieben ethnischen Staaten Burmas. Die Rebellengruppen der verschiedenen ethnischen Minderheiten kämpfen seit 1948 um ihre Unabhängigkeit. Die Dörfer werden von den Militärs kontrolliert. Nach wie vor kommt es zu Menschenrechtsverletzungen und Zwangsumsiedlungen.
Zur Person
Valerio
Sie mussten ihr Zuhause in Myanmar verlassen, Valerio Rireh und seine Familie. Damals, als es 1988 im Zuge des Volksaufstands für mehr Demokratie zu Konflikten kam. Viele Studierende wurden dabei von den Militärs getötet. Auch in Valerios Dorf. „Jedes Mal, wenn geschossen wurde, packte ich meine Schultasche und rannte zwischen den Kugeln nach Hause“, erzählt der Lehrer. Und dann wurde das Dorf von den Militärs zwangsumgesiedelt. „Das waren harte Erfahrungen in meinem Leben.“ Der Grund für die Vertreibungen: Die begehrten Ressourcen des Landes befinden sich in den Regionen der ethnischen Minderheiten. Edelhölzer, Gold und Erdgas werden ins Ausland exportiert. Doch die Gewinne kommen nicht dem Volk zugute.
Was Valerios eigene Ausbildung betrifft, so hatte er Glück. Sein Vater war Lehrer und Leiter einer Grundschule. So konnten er und seine sieben Geschwister zur Schule gehen. Die zwei Ältesten mussten die Schule allerdings abbrechen, um der Mutter in der Landwirtschaft zu helfen. Später wurde Valerio von den Jesuiten unterrichtet, er ging auf die Philippinen und nach Singapur, studierte und wurde selbst Lehrer. Im Ausland hat er auch Bücher von Aung San Suu Kyi gelesen und über ihren Einsatz für eine gewaltlose Demokratisierung in Myanmar erfahren. „Noch vor kurzem war es in meiner Heimat verboten, von ihr ein Buch zu besitzen. Dafür konnte man ins Gefängnis kommen.“ Zurück in Myanmar, ist Valerio Rireh nun dabei, Lehrer/innen zu fördern. „Damit sie für den Wandel gewappnet sind.“
Weltmissions-Sonntag 2013
Am Weltmissions-Sonntag (20. Oktober) wird weltweit in allen Pfarren für Bedürftige gesammelt und gebetet. Beispielland von Missio ist heuer Myanmar. www.missio.at