Haltestellen der öffentlichen Verkehrsmittel sind Orte unterschiedlichsten Verhaltens. Die Haltestelle hält, was sie verspricht. Ein Unter Uns von Ernst Gansinger.
Ausgabe: 2014/16, Unter Uns
22.04.2014
- Ernst Gansinger
Die einen halten Abstand, damit niemand ihre Aura stört. Die anderen halten sich, vor allem am Morgen, ruhig, halten quasi ein Nach-Nickerchen. Da hält sich jemand über andere auf, dort unterhalten sich zwei über Dritte. Die einen halten Taschen, andere Reden.
Auch ich kann mich dem Halten nicht entziehen und behalte einen Raucher im Auge. Die Straßenbahn naht, hastig zieht er an der Zigarette; sie muss vor dem Einsteigen noch zu Ende glühen. Dann wirft er sie auf den Boden, wo schon eine ganze Stummel-Versammlung ist. Der moderne Mensch wirft weg, was er vorher nutzte und ihm jetzt nichts mehr nützt. Er behält nichts unbrauchbar Gebrauchtes. Darum müssen alle die Mahnmale der Entsorgungs-Haltung aushalten: Stummel-Teppiche oder zerlesene Reste von Gratisblättern, mit denen an den Haltestellen nicht hinter dem Berg gehalten wird.
Haltung bewahren, denke ich mir. Oder sollte man die Menschen doch dazu anhalten, Ordnung zu halten? Wie so oft halte ich an der Haltestelle aber meinen Mund. Und bin ungehalten.