Lesende Menschen sind grundsätzlich sehr tolerant, sagt Aloisia Altmanninger. Das hat sie auch bei den Literarischen Fernkursen erlebt. Sie bieten den Raum, Literatur zu lesen, zu verstehen und mit Gleichgesinnten darüber zu sprechen.
Du öffnest ein Buch, das Buch öffnet dich. Unter diesem Motto stehen die Literarischen Kurse. Die drei Fernkurse, die jeweils acht Monate dauern, gehören seit über 60 Jahren zum Bildungsangebot der Erzdiözese Wien. Sie wurden ins Leben gerufen, weil die Beschäftigung mit Literatur für Kirche und Gesellschaft unverzichtbar ist, so die Begründung. Unverzichtbar ist Literatur auch für Aloisia Altmanninger. Deshalb hat die Bibliothekarin der Pfarrbibliothek Laakirchen gleich an allen drei Fernkursen teilgenommen. Und dabei ihre Fähigkeit gestärkt, andere Welten zu entdecken.
Handwerkszeug und Hausaufgaben
„Ich dachte, ich komme mit meinem Gymnasialwissen nicht weit“, erzählt Aloisia Altmanninger. „Dabei geht es um die vielfältigen Zugänge zu Literatur, wie jemand liest und wie er das Gelesene verarbeitet.“ Monatlich erhalten die Kursteilnehmenden ein Leseheft mit Beiträgen namhafter Autorinnen und Autoren. Die Hefte bieten sorgfältig aufbereitet u.a. Methoden für die Texterschließung, Hintergrundwissen über den Buchmarkt und Literaturbesprechungen. Jedes Heft beinhaltet Fragestellungen. Sie können den eigenen Talenten entsprechend ausgewählt werden, wie das Aufspüren afrikanischer Schriftsteller/innen im Internet, ein Brief an einen Autor, an eine literarische Figur oder eine Buchbesprechung. Die Ergebnisse werden schriftlich an die Expert/innen der Literarischen Kurse geschickt. Und in jedem Fall kommt eine wertschätzende Antwort zurück. Denn der Dialog steht im Fokus der Kurse.
Lesen ist ein aktives Geschehen
„Lesen ist keine Einbahnstraße zwischen Buch und Lesenden. Es ist ein aktives Geschehen“, sagt Mag. Helene Thorwartl. Der Leiterin der Literarischen Kurse mit Sitz am Wiener Stephansplatz liegt vor allem der Austausch am Herzen. Deshalb geht es beim Kursabschluss nicht um die Abfrage von Wissen, sondern um das Gespräch. Zwei Mal jährlich wird zu Tagungen in Wien und in einer deutschen Stadt geladen – besondere Wochenenden für Helene Thorwartl, weil hier die unterschiedlichsten Menschen über Literatur sprechen. Lesen erweitert den Horizont, das hat auch Aloisia Altmanninger beeindruckt: „Gemeinsam ist allen die große Toleranz gegenüber dem Leben und Tun anderer Leute.“
Die Kraft der Literatur
Ich kann jetzt besser sagen, warum mir ein Buch gefällt – das ist eine der Rückmeldungen, über die sich Helene Thorwartl nach den Kursen freuen kann. Sie ist überzeugt, dass Lesen das Verhältnis zu sich selbst und zur Welt verändert. Was 1951, im Gründungsjahr der Kurse, gültig war, ist es noch heute, sagt Helene Thorwartl: „Gerade in der Buchreligion des Christentums sollten wir auf die Kraft und Fantasie, die die Literatur in sich trägt, nicht verzichten.“
Der nächste Fernkurs mit Literatur aus Afrika, Asien, Lateinamerika und dem arabischen Raum startet im Oktober. Anmeldeschluss ist am 30. September 2015, www.literarischekurse.at