Für die Menschen in St. Georgen an der Gusen ist die Prüfung nach dem Ende der Brandserie noch nicht ausgestanden
Ausgabe: 2000/06, St. Georgen, Brandserie, Prüfung, Krise, Zeitlhofer, Benezeder
08.02.2000
- Judith Moser
St. Georgen an der Gusen war wochenlang in den Schlagzeilen. Inzwischen ist es ruhiger geworden. Die Gefühle, die durch die Brandserie entstanden sind, müssen erst verarbeitet werden.
„Nach der Aufklärung der Brände ist in der Pfarre viel an Gefühlen sichtbar geworden“, so Pfarrer Franz Benezeder. Einen Grund sieht er in der Aussage des Direktors einer betroffenen Versicherung, dem mutmaßlichen Brandleger den Schaden von etwa 20 Millionen Schilling bis auf einige hunderttausend Schilling zu erlassen. Vor allem die von der Brandserie Betroffenen haben das nicht verstanden, so der Pfarrer.
Pfarre bietet Forum
In einer gemeinsamen Veranstaltung von Pfarre und politischer Gemeinde Ende Jänner erhielten vor allem diese Menschen die Möglichkeit, öffentlich zu reden. Mehr als hundert Personen sind der Einladung gefolgt. Es wurde deutlich, dass die Betroffenen das Gefühl hatten, nicht mehr gesehen zu werden. „Nur“ der Verdächtige und dessen Familie sei für alle wichtig. Wie es denen geht, die neben dem materiellen Schaden auch psychisch einiges durchzumachen hatten, schien unbedeutend. Für Pfarrer Benezeder ist dieses Forum eine Möglichkeit für die Pfarre, einen Beitrag zur Bewältigung zu leisten.
Die Betroffenen
Der Brand bei Familie Zeitlhofer Anfang November war der erste in einem landwirtschaftlichen Anwesen. Das Schlimmste war für die Zeitlhofers, dass der Sohn dringend verdächtigt wurde, den Brand gelegt zu haben. Eltern und Sohn wurden einzeln mehrere Stunden verhört und das Haus beobachtet. Als dann eine Woche später der Wirtschaftstrakt des Bauernhauses der Familie Burger brannte, wurde wieder der 25-jährige Jungbauer verdächtigt. „Diese Verleumdung ist schwer zu ertragen“, meint Elisabeth Zeitlhofer. Auch Karl Zeitlhofer ist überzeugt, dass sein Sohn deshalb noch verbittert sei. Den Zeitlhofers fehlt vor allem eine Entschuldigung.
Zeit macht ruhiger
Für Rosa Burger ist das Wichtigste, dass in der Familie über den Brand geredet wird. Anfangs haben alle Familienmitglieder (Eltern und drei Töchter) in einem Zimmer geschlafen, weil sie in der Nacht Angst hatten. Der Wirtschaftsteil des Hauses ist total ausgebrannt. Eigentlich hätte sich die Familie gern einen ruhigen Sommer gegönnt. Jetzt muss der Wirtschaftstrakt völlig neu aufgebaut werden.Rosa Burger ist vor allem dankbar für das „viele Gute“, das sie in dieser Zeit erlebt hat, und das wieder Mut macht. Sie hat psychische Hilfe in Anspruch genommen. Auch Gespräche mit Verwandten, Bekannten und den Nachbarn haben ihr sehr geholfen. „Abgeschlossen wird das für uns aber lange noch nicht sein“, sagt Rosa Burger.Ende Dezember brannte das Haus der Familie Prammer. Johann Prammer jun., Vizebürgermeister in St. Georgen, erzählt, dass in dieser Zeit allgemein ein Gefühl der Bedrohung herrschte: „Wenn jemand in der Nacht seine Runden ums Haus gemacht hat, hat er bestimmt den Nachbarn getroffen.“ Mit der Aufklärung war eine „totale Entspannung“ bemerkbar. Neben dem materiellen Schaden ärgert ihn vor allem, dass der Brand „Ärger und Umstände“ bedeutet.
In Solidarität tragen
Die Rolle der Pfarre und Kirche ist in einer Situation wie in St. Georgen sehr wichtig. „Für mich war das selbstverständlich, etwas zu tun“, meint Pfarrer Benezeder, „Ich kann mich nicht zurückziehen in meine Sakristei und beten. Ich versuche, mit dem Glauben und dem Evangelium einzuwirken.“ Von ihm wurde besonders viel Einfühlungsvermögen verlangt. „Jedes Wort kann bei jedem Menschen anders ankommen“, ist ihm bewusst.Es hat sich aber auch gezeigt, dass „viel Besonnenheit und Reife“ in der Pfarre ist, wie Benezeder das ausdrückt: „Auf eine derartige Herausforderung ist niemand vorbereitet. Ich vertraue auf diese Besonnenheit und Reife der Menschen. Wir als Pfarre müssen das in Solidarität tragen und ertragen.“