Ernst Bräuer legt sein Amt in der Katholischen Aktion zurück
Ausgabe: 2000/08, Bräuer, KA
22.02.2000
- Matthäus Fellinger
Am 14. Februar hat Ernst Bräuer seinen Rücktritt als Geistlicher Assistent der Katholischen Aktion angekündigt, genau bei der Sitzung, bei der die Mehrheit des Präsidiums zur Demonstration in Wien aufrief. Doch sein Rückzug war seit langem geplant. Wir sprachen mit ihm.
KIZ: Sie treten in einer Phase hochgehender Wogen in der Katholischen Aktion zurück. Besteht ein Zusammenhang? Bräuer: Weder der Beschluss noch die Wogen sind der Anlass. Ich war 18 Jahre Geistlicher Assistent und habe das Gefühl, dass man bei vielen Dingen, von denen ich glaubte, da wären wir schon weiter, wieder neu anfangen muss. Vielleicht ist das auch gut so, aber man wird schön langsam zum Fossil, das immer davon redet, wie wir das und das einmal gemeint haben. Viele kennen die Ursprungsideen nicht mehr.Ich möchte festhalten, dass ich den Aufruf nicht für richtig halte und dass ich im Präsidium dagegen argumentiert und gestimmt habe. Einerseits stehen im Aufruf der Organisatoren Dinge, die jeder Christ unterschreiben kann, aber das ist dann eindeutig mit der Forderung verbunden nach den Rücktritt der blau-schwarzen Regierung. Das ist für mich eine parteipolitische Aktion. Die Katholische Aktion darf sich nicht als Werkzeug dafür benutzen lassen. Für mich ist die Regierung legitim, ob sie mir gefällt oder nicht. Sorgen halte ich für berechtigt, aber es ist auch legitim zu sagen, dass diese Regierung zuerst zeigen soll, was sie erreichen kann. Selbst wenn die Mehrheit im Präsidium anders denkt, die Katholische Aktion hat nicht das Recht, andere mit ihrer Einschätzung zu bevormunden.
Was wäre aus Ihrer Sicht jetzt notwendig? Bräuer: Was kirchliche Gruppen leisten können, ist Besonnenheit und Zuversicht einzubringen, dass man auf Parolen und plakative Verallgemeinerungen, die man anderen vorwirft, nicht mit Gegenparolen antwortet, sondern mit Argumenten.
Wird die Katholische Aktion ihrem Anspruch, Dialogstelle zwischen Kirche und Gesellschaft zu sein, noch gerecht? Die Stärke der Katholischen Aktion ist, dass in ihren eigenen Reihen Christen sind mit unterschiedlicher parteipolitischer Präferenz. Die Option für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ist das Gemeinsame. Wie diese umgesetzt wird, darüber gibt es berechtigt unterschiedliche Meinungen. In politischen Fragen, bei denen es unter Christen einen berechtigten Pluralismus gibt, soll sich die Katholische Aktion nicht auf bestimmte, die Vielfalt einschränkende Meinungen festlegen.
Was waren Ihre Ansprüche beim Antritt der Aufgabe in der KA – und was ist daraus geworden? Ein wichtiges Schlagwort damals war das Wort vom „mündigen Christen“, der nicht nur den Mund aufmachen, sondern sehen, urteilen und handeln soll. Da habe ich meinen Beitrag gesehen – beim Sehen, Urteilen und Handeln vom Evangelium her. Ich habe mich als einer verstanden, der sagt: „Moment, nicht so schnell!“ Als solcher ist man manchmal lästig, aber ich war in diesem Sinn gerne lästig. Wichtig war mir dann aber auch, dass mündige Christen nicht wieder andere bevormunden. In einer offenen Gesellschaft muss man respektieren: Es gibt welche, die aus guten Gründen anders denken. Es geht um Streit, aber doch in Respekt – obwohl das manchmal schon schwer fällt.
Die Diözese Linz hat in den letzten Jahren Weichenstellungen für die „Seelsorge in der Zukunft“ versucht. Was ist aus Ihrer Sicht dabei wichtig? Für mich ist das Kernwort „Seele“ wichtig. Ich meine damit die Ganzheit des Menschen, als Körper, Geist, Verstand und Gefühl, seine Bezogenheit auf andere und auf Gott.Wichtig ist, ob die Kirche mit dem, was sie überliefert, die Seelenlage des heutigen Menschen überhaupt versteht, teilt und trifft, und ob es ihr gelingt, dass die Menschen in ihrer Seelentiefe berührt, getröstet und herausgefordert werden.Was es braucht, ist Seelenstärke, nicht Sturheit und Härte, nicht klare Gesetze und Moralvorschriften. Seelenstärke heißt, dass Menschen Vertrauen haben und aufrecht gehen können, auch in einer unübersichtlichen Landschaft.In den 30er Jahren hat Romano Guardini den Satz geprägt: „Die Kirche erwacht in den Seelen.“ Die Folge war die Liturgische Bewegung und die Bibelbewegung, schließlich das Zweite Vatikanische Konzil. Heute meine ich: „Die Seele erwacht in den Kirchen“.
Sie sind Geistlicher in einer Laienorganisation. Wie sehen Sie die Rolle des Priesters heute? Kirche ist letztlich nicht etwas, das sich selbst entwirft. Die Weihe repräsentiert das Nichtgemachte, den Vorrang des Evangeliums vor dem Gesetz. – Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Kirche ist Antwort auf etwas, was von Gott gegeben ist. Ich sehe meine Aufgabe als Geistlicher nicht in einem Aktionismus. Wir müssen als Organisation nicht immer glänzen. Es liegt vielmehr ein Glanz auf allem, auch auf dem Unvollkommenen. Die KA muss nicht mit allem gleich in der Zeitung stehen, um nach außen zu glänzen. Dass es sie gibt, ist schon etwas.
Zur Person
Ernst Bräuer legt Funktion als Geistlicher Assistent der KA zurück18 Jahre hat Ernst Bräuer (57) die Katholische Aktion als Geistlicher Assistent begleitet. Mit Ende des laufenden Arbeitsjahres, also im Sommer, endet diese Lebensetappe des bekannten oberösterreichischen Geistlichen. Der heutige Rektor des Bildungshauses Schloss Puchberg war Seelsorger an der Katholischen Hochschulgemeinde in Linz und Geistlicher Assistent für die Laientheologen, als er die Aufgabe in der Katholischen Aktion übernahm. Seinen Rückzug aus der Katholischen Aktion hatte der langjährige Weggefährte von Eduard Ploier schon lange vor. Nach Ploiers Tod verschob er das Vorhaben, um so einen besseren Übergang zu ermöglichen.