Am Beginn des Heiligen Jahres 2000 hat Diözesanbischof Maximilian Aichern in einem Bischofswort geschrieben: „Gott schenkt uns Zeit, viel mehr als wir sie nützen können.“ Im Fastenbrief führt er nun die Thematik fort:
Die Zeit ist ein Geschenk. Das kommt schon in dem Wort „Datum“ zum Ausdruck, das wir so oft verwenden, um einen Zeitpunkt zu bezeichnen. Datum bedeutet das Gegebene, das Geschenkte. Die Zeit als Geschenk Gottes lässt sich nicht mit der Uhr messen wie die Termine in unseren Kalendern. Sie ist ein Kapital, das wir nicht liegen lassen dürfen wie der nichtsnutzige Diener im Gleichnis Jesu vom anvertrauten Geld. Gott wird von uns Rechenschaft fordern, was wir mit diesem Kapital gemacht haben. Alles, was Gott schenkt, ist uns gegeben, damit wir es mit anderen teilen, auch die Zeit. Wenn jemand sagt „Ich habe keine Zeit“, bedeutet das manchmal auch: „Ich habe keine Zeit für dich; ich will mich deiner Sache nicht annehmen; ich will meine Zeit nicht mit dir teilen.“ Damit ist der Umgang mit der Zeit auch eine Frage der Liebe zu Gott und zum Nächsten.
Erfüllte Zeit
Im Evangelium hören wir das Wort Jesu: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ Diese Sätze fassen die Botschaft Jesu kurz zusammen und sagen in wenigen Worten, worum es ihm geht: um Gott und sein Reich. Jesus verzichtet auf alles Berechnen der Zeit und der Ankunft des Gottesreiches. Er sagt: Das Reich Gottes ist schon da. Es ist in ihm angekommen. Wer Jesus begegnet und an ihn glaubt, der wird sich von den Worten des Apostels Paulus leiten lassen: „Bedenkt die gegenwärtige Zeit: Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf.“ „Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade; jetzt ist er da, der Tag der Rettung.“ Wenn wir dennoch beten: „Dein Reich komme“, als wäre es noch nicht da, so bitten wir auf das Wort Jesu hin den Vater, dass das Reich Gottes in uns ankomme, dass wir an das Evangelium glauben und unser Leben danach ausrichten. Wir beten aber mit diesen Worten auch dafür, dass das Reich Gottes in seiner Fülle komme als „ein neuer Himmel und eine neue Erde“, wo „Gott herrscht über alles und in allem“.
Heilige Zeit
Eines der bedeutendsten Worte in der Bibel ist das Wort „heilig“; es bezeichnet das Geheimnis und die Majestät des Göttlichen. Dieses Wort erscheint in der Heiligen Schrift zum ersten Mal in der Schöpfungserzählung, wo es heißt: „Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig.“ In den herkömmlichen religiösen Vorstellungen galten vor allem Berge oder Quellen als Orte, an denen der Mensch dem Heiligen begegnet. In der Bibel aber steht an erster Stelle die Heiligkeit der Zeit.In einer Vision des Propheten Jesaja rufen die Engel vor dem Thron Gottes einander dreimal „Heilig“ zu. Dieses Lied der Engel wurde schon in der Synagoge am Sabbat beim Morgengottesdienst verwendet. Die Christen sangen es bei der Versammlung der Gemeinde. Sie lobten damit Gott als den „der war, der ist und der kommt“ und so unsere Zeit heilig macht. Wir beten oder singen (seit dem 5. Jahrhundert) dieses Lied bei jeder Messe, bevor der Priester spricht: „Ja, du bist heilig, großer Gott, du bist der Quell aller Heiligkeit.“ Er ist da – alle Tage unseres Lebens. Wir denken dabei auch an die Verheißung des auferstandenen Jesus Christus: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28, 20). Gott geht in Jesus unsere Wege mit; er lebt und wirkt in unserer Zeit. Deshalb ist jedes Jahr ein Jahr des Heiles, wenn auch in jedem Jahr Unglück geschieht und allerhand Unheil angerichtet wird. Der Anfang 1945 hingerichtete Jesuit Alfred Delp hat gesagt: „Trauen wir dem Leben, weil Gott es mit uns wagt.“Das ist eine Ermutigung für junge Menschen, die ihr Leben noch vor sich haben. Es gibt uns schwachen Menschen Kraft, nicht müde zu werden, Gutes zu tun. Es schenkt denen Vertrauen, die verzagt sind und nicht mehr weiter wissen. Es tröstet die Kranken und ist die Hoffnung der Sterbenden: Wenn ihre Lebenszeit zu Ende ist, sind sie für immer aufgehoben beim Herrn aller Zeit. Ja, Gott geht durch die Zeit. Das werden wir vor allem wahrnehmen, wenn auch wir Zeit für ihn haben. Jede Zeit, in der wir uns für ihn öffnen, ist eine heilige Zeit. Einige dieser heiligen Zeiten möchte ich für die Fastenzeit zu bedenken geben.
Gebetszeit
Das Gebet ist eine heilige Zeit. Paulus hat der Gemeinde in Thessalonich geschrieben: „Betet ohne Unterlass!“ (1 Thess 5,17). Das meint, in einer Haltung des Gebetes und des Kontakts mit Gott zu leben, wie er der Gemeinde in Korinth geschrieben hat: „Ob ihr esst oder trinkt oder etwas anderes tut: tut alles zur Verherrlichung Gottes! (1 Kor 10,31). „ Wir brauchen aber darüber hinaus auch eigene Zeiten für das ausdrückliche Gebet. Der erste Gedanke am Morgen soll Gott gehören, der uns einen neuen Tag schenkt. Der letzte Gedanke am Abend soll ein Dank für alles sein, was der Tag Gutes gebracht hat, und eine Bitte um Vergebung für das, was wir nicht richtig gemacht haben. Jeder muss selbst herausfinden, wie er am besten beten kann. Das schönste Gebetbuch ist die Bibel, vor allem die Psalmen. Das Gebet ist eine Antwort auf das Wort Gottes, das die Heilige Schrift enthält. – Manche sprechen gerne Gebete nach, die viele Menschen vor ihnen schon gebetet haben, etwa die Grundgebete, wie sie am Anfang des „Gotteslob“ stehen (das Vaterunser, das „Gegrüßet seist du, Maria“, das Glaubensbekenntnis usw.). Andere beten lieber mit eigenen Worten, oder sie verharren in wortloser Anbetung.Die Stille des Kirchenraumes lädt manche Besucher ein, ihre Gedanken zu ordnen und ihre Gefühle abklingen zu lassen, mit sich selbst und Gott wieder ins Reine zu kommen, ihre Freuden und Sorgen in ein Gebet zu fassen. Jede christliche Familie braucht auch das gemeinsame Gebet und feste Gebetszeiten, wie es den jeweiligen Verhältnissen und dem Alter der Kinder entspricht. In diesen Zeiten ist Jesus Christus wie bei jedem Wortgottesdienst in der Gemeinde in besonderer Weise gegenwärtig.Von unseren Kirchtürmen künden Glocken das Lob Gottes und erinnern an Gebetszeiten: zum „Engel des Herrn“ oder zum Gedenken an die Todesstunde Jesu am Freitag. Sie erklingen bei einer Hochzeit, bei einer Taufe oder einem Begräbnis. Sie läuten die großen Feste ein. Im Gebet zur Weihe der Glocken heißt es: „Sie sollen deine Gemeinde zum Gottesdienst rufen, die Säumigen mahnen, die Mutlosen aufrichten, die Trauernden trösten, die Glücklichen erfreuen und die Verstorbenen auf ihrem letzten Weg begleiten.“
Spirituelle Zeiten
In der Mehrzahl unserer Dekanate wurden für die Fastenzeit Einladungen zu gemeinsamer Anbetung, zu Andachten und Exerzitien im Alltag, zu Glaubensseminaren und Bußfeiern vorbereitet. Die Texte zeigen einen unterbrochenen Ring: Sie laden ein zu Zeiten der Unterbrechung des Alltags und der Öffnung für die Wirklichkeit des Reiches Gottes. Sie können uns helfen, in der Fastenzeit dieses Heiligen Jahres dem Geheimnis näher zu kommen, das wir zu Ostern feiern.