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Kosovo ist noch lange auf Hilfe angewiesen

Ein Jahr nach Beginn der NATO-Angriffe geht der Aufbau erst richtig los
Ausgabe: 2000/12, Kosovo, Soldaten, Frieden, Waffen, KFOR, KFOR-Soldaten, Linz, Friedensplatz, Aichern
21.03.2000
- Hans Baumgartner
Am 24. März 1999, vor genau einem Jahr, flogen zum ersten Mal Bomber der NATO über Serbien und die Krisenprovinz Kosovo. Mit Luftangriffen sollte die jahrelange Unterdrückung des albanischen Volkes durch serbische Nationalisten beendet werden. Die Folge waren Tote und Verletzte, vermehrte Vertreibung der Albaner, Vernichtung ihrer Dörfer, Flüchtlingselend und Greueltaten auf allen Seiten.

Erst nach Monaten lenkte die serbische Regierung ein und zog aus dem Kosovo ab. Seither sorgt die schwerbewaffnete KFOR-Streitmacht im Auftrag der UNO für Ruhe und Ordnung. Viele Flüchtlinge sind in ihre Heimat zurückgekehrt. Noch lange werden sie auf Hilfe von außen angewiesen sein. So engagiert sich derzeit „Nachbar in Not“ einmal mehr, diesmal mit der Aktion „Saatgut für den Kosovo“

. Die entscheidende Frage, deren Antwort heute aber niemand kennt, lautet: Wann wird im Kosovo eine Zukunft ohne Hass und Not möglich sein?


Caritas: Häuser für die Ärmsten im Kosovo


Trotz mancher Probleme wurde das Winter-Notprogramm durchgezogen

„Wir haben echt geschuftet, aber die Arbeit hat sich gelohnt“, sagt Georg Matuschkowitz zur Kirchenzeitung. Er ist für das Caritas-Wiederaufbauprogramm in Prizren/Kosovo verantwortlich.

Als DI Georg Matuschkowitz in den Kosovo kam, um den Wiederaufbau in den Bergdörfern rund um Prizren zu organisieren, war der Winter nicht mehr weit. „Wir standen unter einem riesigen Zeitdruck, in kurzer Zeit in möglichst vielen Häusern wenigstens einen Raum winterfest zu machen. Dank der Aktion ,Nachabr in Not‘ hatten wir für dieses Programm genug Geld zur Verfügung, ansonsten aber jede Menge Probleme. Es gab zeitweise große Schwierigkeiten, um die nötigen Baumaterialien, die zum Großteil aus dem Ausland eingeführt werden mussten, zu beschaffen. Und nicht nur einmal haben uns deshalb ungeduldige Vertreter aus den Dörfern regelrecht die Tür eingerannt. Dazu kamen große Transportprobleme. Nur durch die Zusammenarbeit mit deutschen und später auch österreichischen KFOR-Einheiten und mit der Unterstützung der Caritas-Amerika ist es uns gelungen, trotz der extrem schlechten Straßen das Baumaterial rasch in die Dörfer zu liefern“, berichtet Matuschkowitz. Obwohl es eine Zeit lang nicht danach ausgesehen habe, sei es dem Caritas-Team in Prizren gelungen, das geplante Projekt durchzuziehen. 2000 Häuser wurden so weit hergerichtet, dass die Leute darin den Winter verbringen konnten. „Möglich war das nur“, so Matuschkowitz, „weil die Dorfgemeinschaften wirklich gut funktionieren und sich die Leute gegenseitig helfen.“

Das Land liegt darnieder


Nach der Aktion Winternotquartier hat die Caritas Österreich in den Dörfern um Prizren mit dem Wiederaufbau von völlig zerstörten Häusern begonnen. „Dieses Programm“, so Matuschkowitz, „soll den ärmsten Familien zugute kommen. Meist handelt es sich dabei um Frauen mit Kindern, wo die Männer getötet wurden oder vermisst sind. Sie hausen oft in entsetzlichen Löchern und sind bei bestem Willen nicht in der Lage, sich selber zu helfen.“ Wie bei der Winteraktion liefert die Caritas Baumaterialien und Grundeinrichtungen. Nur dort, wo es durch die Dorfgemeinschaft und durch Verwandte keine ausreichende Hilfe gibt, sollen auch Arbeitskräfte zur Verfügung gestellt werden. Einige Mühe bereite derzeit der Papierkram, da die Leute beweisen müssen, dass die jeweilige Ruine ihr Haus war“, berichtet Matuschkowitz. Manchmal sei die Arbeit schon ziemlich aufreibend. „Fast jeden Tag erleben wir Dinge, von denen keiner dachte, dass es so etwas über- haupt gibt. Besonders schlimm ist es, wenn aus Frauen, die im Caritasbüro Hilfe suchen, plötzlich das ganze Elend herausbricht.“Ein großes Problem für die Arbeit aller Hilfseinrichtungen ist die völlig desolate Infrastruktur. Von der großen Wiederaufbauhilfe des Westens sei wenig zu merken, sagt Matuschkowitz. Die Straßen sind kaputt, Strom gibt es auch in den Städten nur wenige Stunden, Verwaltung und Müllentsorgung funktionieren praktisch nirgends.


ÜBERBLICK


Aktion Saatgut gestartet


Vor einem Jahr hat „Nachbar in Not“ begonnen, für die Opfer der brutalen Vertreibungen im Kosovo-Krieg zu sammeln. 580 Millionen Schilling wurden bisher gespendet. Mehrere Monate wurde damit das Übergangsflüchtlingslager in Shkodra finanziert. Jetzt dienen diese Mittel Wiederaufbauprogrammen von Caritas, Rotem Kreuz und weiteren fünf Hilfsorganisationen.

Das jüngste Kind von „Nachbar in Not“ ist die Aktion „Saatgut für den Kosovo“. Mit dieser neuen Spenden-initiative will man 150.000 Pakete hochwertiges Gemüse– saatgut kaufen und an die Bevölkerung im Kosovo verteilen. Bis zu 2000 Kilo Frischgemüse kann aus einem Samenpaket gewonnen werden. Damit soll nicht nur die Ernährungslage verbessert, sondern den Menschen auch neuer Mut zur Selbstinitiative gemacht werden. Schon bisher haben die Wiederaufbauprogramme der „Nachbar in Not“-Partnerorganisationen dazu geführt, dass neben der Selbsthilfe in den Dörfern auch kleine Handwerks- und Handelsbetriebe entstanden sind. Lichtblicke in einem Land, wo die Wirtschaft völlig darnieder liegt und sich die Menschen für jede Arbeit in Schlangen anstehen. Seit ihrem Engagement im Kosovo haben Caritas und Rotes Kreuz geholfen, 3500 Häuser winterfest zu machen; in Prizren und Istok betreiben sie dazu zwei Bauhöfe. 29 Schulen wurden renoviert, fünf allgemeine und eine gynäkoligische Ambulanz errichtet, ein Rehab-Zentrum für Minenopfer begonnen; 100.000 Tonnen Lebensmittel, Winterkleider, Öfen und Brennholz wurden verteilt. Geholfen wird den Albanern ebenso wie den Serben (rund um Istok) und den Roma.
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