Antonio sitzt vor dem Hotel und schlürft einen Cafezinho, drinnen läuft der Fernseher. Es ist heiß und trocken. Wir steigen wieder in den Jeep, über holprige Landstraßen geht es zum nächsten Projekt. Der Tag beginnt: Bon Dia!Am Anfang ist es alles andere als heiß. Bei der Ankunft in Salvador regnet es. Alles ist feucht. Meine Kollegin Waltraud aus Kärnten und ich schauen noch mal ins Reiseprogramm unserer – vom Österreichischen Entwicklungsdienst organisierten – Projektreise. Da ist doch ständig von einem „Dürregebiet“ die Rede, wundern wir uns. Die ÖED-Mitarbeiter vor Ort klären uns auf: „Zur Zeit haben wir Regenzeit, aber das wird sich ändern.“
Salvador, die Hauptstadt des Bundesstaates Bahia (mit fast 600.000 km2 ungefähr so groß wie Frankreich) war im 16. Jahrhundert der Umschlagplatz für Sklaven aus Afrika und ist heute die heimliche Hauptstadt der schwarzen Brasilianer/innen: Zwei Drittel der insgesamt 2,5 Millionen Einwohner/innen sind schwarz. 44 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. An die 16.000 Kinder und Jugendliche verbringen ihr Leben ganz oder teilweise auf der Straße. Im Kinder- und Jugendzentrum von „Projeto Axe“ werden 1500 Kinder betreut: vom Kindergarten bis zur Modeschneiderei reicht das Angebot. Finanzielle Unterstützung erhält „Projeto Axe“ von der Regierung und vonGeldgebern im In- und Ausland (u. a. UNICEF, Amnesty International, EU), berichtet ÖED-Mitarbeiter Schned, der in diesem Projekt die Lehrwerkstätte der Modeschneiderei leitet.
Mode ... und Religion spielen in Brasilien eine große Rolle. Auffallend ist die religiöse Vielfalt in diesem Land. Im Verborgenen haben sich über Jahrhunderte hindurch religiöse Traditionen aus den afrikanischen Ursprungsländern gehalten und so existieren heute die Heiligen der katholischen Kirche neben den Gottheiten afro-brasilianischer Kulte. Diese Gemeinschaften mit einer geheimnisvollen Mythologie, vielen Riten und Tänzen nennen sich „Candomblé“ oder „Umbanda“. Auch die zahlreichen evangelikalen Gruppierungen befriedigen das Bedürfnis nach Stimmung und Gefühl oft besser, als dies der katholische Kirche gelingt.
Soziale Apartheid
Obwohl es Rassismus in Brasilien offiziell nicht gibt, ist nicht zu übersehen, dass vierzig Prozent der nicht weißen Bevölkerung Analphabet/innen sind und das durchschnittliche Einkommen eines Schwarzen nur ein Drittel dessen beträgt, was ein Weißer monatlich verdient. Die Schlüsselstellen in Politik und Wirtschaft sind so besetzt, dass einige wenige Weiße das Sagen haben. Wenn es bei Wahlen darauf ankommt, erhalten diese auch wieder die nötigen Stimmen, denn Wahlzuckerl und Wahlkampfbetrug erreichen in Brasilien unvorstellbare Größen. So kommt es z.B. vor, dass der „Tankwagen des Bürgermeisters“ in Dürrezeiten eben nur in jenen Dörfern Halt macht, in denen seine Partei auch bei der nächsten Wahl mit einer breiten Zustimmung der Bevölkerung rechnen kann. Dass mit den bereits zugesagten finanziellen Mitteln der Regierung, die aber oft in dunklen Kanälen versickern, schon längst ein Brunnen in diesem Dorf stehen könnte, verschweigt der Bürgermeister tunlichst. Mit dem Bau von Zisternen und der Umstellung von Rinderzucht auf Ziegenhaltung, wird die Lebensqualität der Kleinbauern gesteigert und die Abhängigkeit vom Bürgermeister gering gehalten, beschreiben Mag. Johann Gnadlinger und DI Harald Schistek von „I.R.P.A.A.“ – einem ländlichen Fortbildungsinstitut in Juazeiro – die positiven Auswirkungen ihrer Beratertätigkeit.
„Nicht alle Politiker sind korrupt, nicht alle Großgrundbesitzer schlecht“, warnt Entwicklungshelfer Mag. Martin Mayr davor, sich in Pauschalurteilen zu verlieren. Mayr lebt mit seiner Familie in Cotegipe und unterstützt Siedlerfamilien, die von der Regierung ein Stück Land erhalten haben, beim Aufbau ihrer Dörfer. Von der kulturellen Verschiedenheit profitieren Einheimische und ÖED-Mitarbeiter gleichermaßen, so Mayr: „Zum Lernen gibt es viele Portionen an Lebensmut oder einfach das Leben als schön zu nehmen.“ Denn: „Tudo bem“ (alles o. k.), sagen die Brasilianer/innen in fast jeder Lebenslage und zu jeder Zeit.
Zur Information:
2174 Großgrundbesitzer gehören jeweils bis zu 10.000 Hektar Land. 48 Prozent der Fläche wird für Viehzucht genutzt. Zum Vergleich: 12 Millionen Bauernfamilien besitzen keinen einzigen Hektar. Die 1995 von der Regierung ins Leben gerufene Landreform soll Landlosen und Kleinbauern ein Stück Grund und Boden sichern. Dieser Prozess geht aber nur schleppend voran.
OÖ. Entwicklungshelfer:
Hilfe zur Selbsthilfe
Der ÖED betreibt acht Projekte in Brasilien, mehr als die Hälfte davon werden von Oberösterreichern betreut.Projekt „Abfallverwertung“: DI Markus Spitzbart arbeitet im Stadtviertel „Plataforma“ in Salvador. Menschen am Stadtrand leben unter chaotischen Zuständen, was die Abwasser- und Abfallentsorgung betrifft. Spitzbart will die Bevölkerung auf die Umweltproblematik aufmerksam machen und gemeinsam mit den Bewohnern die Wohn- und Lebensqualität verbessern. Neueste Errungenschaft: eine Kompostierungsanlage. Kollege Mag. Helmut Schned ist im Kinder- und Jugendprojekt „Projeto Axe“ (Salvador) engagiert, dort wird erzieherische Arbeit für Kinder auf bzw. von der Straße geleistet.
Mag. Hans Gnadlinger und DI Harald Schistek arbeiten in Juazeiro. Dort wurde 1991 das „Institut für Angepasste Kleinbauernlandwirtschaft – I.R.P.A.A.“ gegründet. Durch den Bau von Zisternen und die Umstellung in der Landwirtschaft konnten beachtliche Erfolge erzielt werden.
Mag. Martin Mayr unterstützt seit 1999 Siedlerfamilien, die im Rahmen der Landreform der Regierung ein Stück Land erhalten haben, bei organisatorischen Fragen jedoch alleine gelassen wurden.