Fast 32 Jahre war Johann Weber Bischof von Graz. Am Mittwoch letzter Woche trat er sein Amt an Egon Kapellari ab. Fritz Csoklich würdigt die Arbeit von Bischof Weber.
Mit Wehmut nehmen in diesen Tagen die Menschen in der Diözese Graz-Seckau Abschied von Johann Weber, „ihrem“ Bischof. Länger als dreißig Jahre hat er hier regiert, ohne dass seine Regentschaft je drückend oder lästig empfunden worden wäre. Allein schon eine so lange Zeitspanne schafft Vertrautheit ebenso wie Vertrauen und Geborgenheit. In den vergangenen drei Jahrzehnten besuchte der Bischof beinah jede Pfarre mehrmals, er war mit Anhängern und Funktionären aller politischen Parteien ebenso wie mit den Amtsbrüdern aller christlichen Konfessionen in einem ausgesprochen herzlichen Kontakt.
Man könnte also meinen, dass sich Bischof Weber nunmehr mit dem Gefühl, seine Sache getan zu haben, in die Pension verabschiedet. Doch Weber war nie ein Mann der glatten Oberfläche, der sich mit äußerlich glänzenden Erfolgen zufrieden gab. Der steirische Bischof, der als KAJ-Seelsorger in pastoral schwierigen Industriegebieten begonnen hatte, und dann als aufgeschlossener Stadtpfarrer in einem eher ärmlichen Arbeiterviertel in Graz tätig war, hat durch diese Arbeit früh erkannt, wie komplex sich die ideologische und soziologische Struktur der Steiermark darstellt.
Über den Wandel
Denn in diesem Land, das ein altes Bauernland war, dessen Erbe sich aber jetzt immer schneller aufzulösen beginnt, ist nicht nur eine säkularisierte, von Generation zu Generation weitergegeben deutschnationale und sozialistische Vergangenheit aufzuarbeiten. Es ist auch die Mentalität eines traditionellen Industrielandes zur Kenntnis zu nehmen, das es immer schwer hatte und immer wieder aufs Neue den Schock der Arbeitslosigkeit und Armut überwinden musste. Derzeit sieht es sich den Anforderungen und auch Hoffnungen einer neuen Industrialisierungswelle – etwa in der Gestalt des gewaltigen steirischen Automobil-Clusters – ausgesetzt. Diese Strukturwandlungen kehren im steirischen Land das Unterste zu oberst. Und die Kirche, die sich in Österreich in einem Stadium verbreiteter Ratlosigkeit befindet, muss in dieser Situation gerade in der Steiermark – nicht wegen, sondern trotz ihres offenen und sympathischen Oberhirten – nicht geringe Einbußen in Form von Kirchenaustritten zur Kenntnis nehmen. Allein schon dieses Phänomen hat Bischof Weber in den letzten Jahren so manchen Kummer bereitet.Auf der anderen Seite hat der steirische Bischof immer wieder mit Freude registriert, wie viele Menschen in den Pfarrgemeinden, in der Katholischen Aktion und anderen kirchlichen Gruppierungen aktiv tätig sind. „Noch kaum je zuvor haben wir in der Kirche unseres Landes eine solche Bereitschaft zur Mitarbeit feststellen können“, sagte Weber wiederholt. In seiner Neigung zur Nachdenklichkeit sah er freilich auch die andere Seite der Medaille: Dass es nämlich bei dieser Mitarbeit vieler Laien in den Pfarren und kirchlichen Gruppen nur allzu leicht zu einer Abschotung der Christen von den „anderen Menschen“ kommen kann.
Über die Kirchenmauern
Um solchen Tendenzen vorzubeugen, hat Johann Weber im Lauf der Jahre, in denen er als Bischof wirkte, mit allen Kräften versucht, dem treuen Kirchenvolk einen ausgeprägten Sinn für die Menschen und Entwicklungen außerhalb der Kirchenmauern zu vermitteln. Schon 1981 gab er dem damaligen steirischen Katholikentag die Devise „Ein Fest der Brüderlichkeit“, die zur Grenzüberschreitung anspornen wollte. 1993 folgte der „Tag der Steiermark“ mit vielen Tausenden Teilnehmern aus allen gesellschaftlichen Schichten – und diesmal wurde der Festtag zusammen mit den anderen christlichen Kirchen vorbereitet. Diese Linie wurde fortgesetzt, als es nicht zuletzt durch Webers Engagement zur „Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung“ in Graz kam. Schließlich gelang im Herbst 2000 ein Schritt in absolutes Neuland, als die feierliche Eröffnung der mit Hilfe der Stadt wiederaufgebauten jüdischen Synagoge in Graz dank der intensiven Vorbereitung durch die christlichen Kirchen ein überraschend breites und positives Interesse der Bevölkerung fand.
Über den Rückzug
So nahm das Wort und der Begriff Versöhnung, noch einige Jahre zuvor ein unerforschtes Land, in der grünen Mark allmählich Gestalt an – und der Name Johann Weber ist mit dieser Entwicklung untrennbar verbunden. Hat er doch fast ein Leben lang gemahnt, das Christentum nicht in den Kirchenräumen einzusperren, sondern hinaus wirken zu lassen in alle Bereiche des Lebens. In die Weber’sche Sprache übersetzt, heißt dann das so: „Es scheint mir jetzt an der Zeit zu sein, die Augen und Türen aufzumachen und den Schatz unseres Glaubens zu öffnen. Aus vielen Gründen sind wir immer mehr unter uns geblieben. Wir haben uns immer mehr mit uns selber beschäftigt, manchmal mit einem gewissen Missmut. Wir haben dabei sicher vorbeigelegt an den Tränen und am Lachen unserer Mitmenschen, auch an den Ratlosigkeiten und den wunderbaren Aufbrüchen, die es überall gibt.“Die Besorgnis, die Christen unserer Tage könnten sich still und unbemerkt in ein selbst gewähltes Getto zurückziehen, hat Weber jedenfalls sehr beschäftigt. Und der Umstand, dass die große Vision des steirischen Bischofs, einen Dialog für Österreich über alle Grenzen hinaus in Gang zu setzen, durch die Angriffslust leidenschaftlicher Gegner und durch die vorsichtige Zurückhaltung mancher Freunde vorerst gestorben ist, beunruhigt Weber, der sonst ein unerschütterlicher Optimist ist, im Hinblick auf die Zukunft sehr.
Über die Irrwege
Doch in seinem schier unerschöpflichen Sprachdepot fand der steirische Oberhirte zukunftsweisende Formulierungen, welche die üblichen innerkirchlichen Floskeln vermeiden und die durch ihren Gehalt und ihre Originalität neuen Mut und neue Kraft geben: „Lachen kann man, befreit lachen kann man, wenn man draufkommt, dass man sich verrannt hat und dann wieder auf den richtigen Weg findet. Solche Irrwege gibt es auch bei uns Katholiken: Geheimnistuerei und Geheimpolitik sind der Kirche unwürdig. Denkverbote haben sich seit 2000 Jahren nicht bewährt. Vermeintliche Reformen nach rückwärts, etwa hinter das Konzil zurück, erneuern nichts, sondern machen verkalkt und schwerhörig. Lasst uns vielmehr fröhlichen Herzens zurückkehren auf den Weg, der Christen und der Kirche angemessen ist. Er kann heißen: Dialog voll Vertrauen und Mut.“ Solche Worte aus dem Mund eines Bischofs, Marke Weber, werden uns allen künftig abgehen.
Der Autor war viele Jahre Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“ (Graz) , er war Präsident der Katholischen Aktion in der Steiermark und auch in anderen Funktionen der Kirche verbunden.
Das Geschehen:
Ein neuer Bischof in Graz
Am Mittwochmittag vergangener Woche gab Rom die Ernennung von Dr. Egon Kapellari zum Diözesanbischof von Graz-Seckau bekannt. Noch am selben Tag legte Kapellari dem Grazer Domkapitel sein Ernennungsschreiben vor und übernahm damit die Amtsgeschäfte. Gleichzeitig trat Bischof Johann Weber von seinem Amt zurück. Er hatte bereits im Juli letzten Jahres den Papst gebeten, ihn vor Erreichen der Altersgrenze – Weber wird am 26. April 2002 75 Jahre alt – von seinem Amt zu entbinden. Bis zur Ernennung eines neuen Bischofs in Gurk leitet Kapellari seine bisherige Diözese als „Administrator“ weiter.
Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem Nachfolger begründete Weber noch einmal seinen vorzeitig eingebrachten Rücktritt. Er wollte der Diözese „eine zu lange, schädliche Unruhe“ mit Spekulationen, Gerüchten und Interventionen ersparen. Er habe einen fließenden Übergang gewollt, durch den der „bisherige Weg organisch weitergeführt“ werden kann, „bereichert durch die neue Art“ des Nachfolgers.
In einem ORF-Interview äußerte sich Weber kritisch zum Vorgehen Roms. Er habe das Datum seines Rücktritts und den Namen seines Nachfolgers erst am Montagmittag erfahren, was für eine derart wichtige Entscheidung nicht ideal sei. Einen Schritt wie die Übergabe des Bischofsamtes könne man ja nicht im stillen Kämmerlein abwickeln. Weber sprach sich dafür aus, bei Bischofsernennungen in Zukunft neue Wege zu gehen. Dazu gehöre auch mehr Transparenz und das Mitdenken und Mitwissen der betroffenen Diözese. Er bedauerte, dass in Rom das Grazer Modell zur Kandidatenermittlung bewusst „falsch dargestellt“ worden sei.
Zur Person:
- Johann Weber: Geboren am 26. 4. 1927 in Graz/St. Veit; fünf Geschwister. Studium der Germanistik; Wechsel zur Theologie. 1950 Priesterweihe, Kaplan in Kapfenberg und Köflach, ab 1956 KAJ-Seelsorger, ab 1962 Pfarrer in Graz. 10. Juni 1969: Ernennung zum Bischof von Graz-Seckau. Von 1995 bis 1998 Vorsitzender der Bischofskonferenz. - Egon Kapellari: Geboren am 12. Jänner 1936 in Leoben, zwei Geschwister. Jus-Studium bis 1957, anschließend Theologie. 1961 Priesterweihe, Kaplan in Graz. Ab 1964 Hochschulseelsorger, später auch Geistl. Assistent der KA. 7. 10. 1981: Ernennung zum Bischof von Gurk-Klagenfurt; 14. 3. 2001: Bischof von Graz.
Zur Sache:
Der neue Grazer Bischof Egon Kapellari nannte den Begriff „Miteinander“ als Schlüsselwort für seinen bischöflichen Dienst in der Steiermark. „Miteinander“ als ProgrammIn seinem Hirtenwort an die steirischen Katholiken verwies Kapellari darauf, dass er sich in Kärnten beharrlich um das Miteinander der Menschen in der Kirche und in der zivilen Gesellschaft bemüht habe. Das wolle er auch in Weiterführung des Wirkens seines Vorgängers Weber in der Steiermark so halten. Kapellari, der trotz herzlicher Begrüßung durch Altbischof Weber, Caritas-Direktor Küberl und KA-Präsident Wilhelm nicht auf dem zuletzt von der steirischen Diözesanversammlung geheim ermittelten Dreiervorschlag gestanden sein dürfte, meinte zu seiner Ernennung. „Ich habe alle erdenkbaren Gründe dagegen in Gespräch gebracht, aber der Papst wollte die Leitung einer der größten Diözesen Österreichs einem Bischof mit langer Erfahrung anvertrauen.“ In der Weltkirche sei der Wechsel von Bischöfen aus kleineren in größere Diözesen durchaus keine seltene Ausnahme.
Zu seinem Programm für die Steiermark betonte Kapellari, er komme nicht als „Besserwisser“ und auch nicht mit einem „Auftrag aus Rom“, etwas zu ändern. Er wolle „nichts zerstören, was da ist“ und setze auf große Kontinuität. Deshalb habe er auch den bisherigen Generalvikar, Helmut Burkard, gebeten zu bleiben. Zu seiner kirchlich-theologischen Position sagte Kapellari, er sei ein „Mann der Mitte“ – wobei Mitte für ihn „kein Ort billigen Ausgleichs, sondern ein Ort schwieriger Synthese“ sei. Als besonderes Anliegen nannte Kapellari die Frage der Priesterberufungen.