Fastenzeit und Advent sind geprägt von Buße und Umkehr. Besinnung und Nachdenken ist angesagt. Es ist aber bezeichnend, dass gerade in diesen Zeiten jeweils ein Sonntag ausdrücklich die Freude zur Sprache bringt. Es ist der 3. Adventsonntag (Gaudete) und der 4. Fastensonntag (Laetare). Der Eingangsvers fordert auf: „Freue dich, du Stadt Jerusalem! Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr traurig wart!“ (Jes 66, 10). Grund zur Freude ist die Wende, die Erfahrung, dass es nach trüben Tagen wieder hell wird, dass Not und Fremde nicht das letzte Sagen haben, weil Gott da ist. Dies „veranschaulichen“ die Texte des Sonntags. Der eine Blick gilt der Vergangenheit, die einmal war und die zum Hoffnungsmodell der Zukunft wird. Man denkt an die Befreiung aus Ägypten (1. Lesung). Nach der Zeit der Knechtschaft sind sie endlich in der Freiheit: Sein im eigenen Land, sich frei bewegen dürfen und essen dürfen von den eigenen Früchten. Das Leben ist ein anderes geworden. „O welche Lust“ jubeln die Gefangenen in Beethovens Fidelio, als die ersten Sonnenstrahlen der Freiheit ihre Gesichter erhellen. Ich erinnere mich noch an die Träume meiner Mutter, ein eigenes Heim zu haben, und ich erinnere mich an die unsägliche Freude, als es endlich so weit war. Diese Freude kann nicht für sich bleiben, sie muss die miteinbeziehen, die – wie immer – „gefangen“ sind und fremd. Ansonsten bliebe jede Feier („Pascha“ als Fest der Freiheit) eine Farce.Der zweite Blick gilt der Geschichte, die Jesus erzählt: „Ein Mann hatte zwei Söhne …“ Die Geschichte kennen wir gut, oft genug haben wir sie gehört. Trotzdem rührt sie jedes Mal wieder an.
Wahrscheinlich deswegen, weil sie etwas anspricht, was zutiefst in uns schlummert: so etwas wie Sehnsucht nach Heimat, nach einem Platz, wo ich sein darf – in allen Irrungen und Wirrungen Sehnsucht nach einem Raum der Liebe. Der Vater des Evangeliums bietet ihn. Er nimmt das Risiko auf sich, seinen Sohn der Freiheit zu überlassen. Von den schmerzlichen Begleiterscheinungen solcher Vorgänge wissen Eltern ein Lied zu singen. Aber „wie eine Frau ihr Kind nicht vergisst, eine Mutter nicht ihren leiblichen Sohn“ (vgl. Jes 49, 15), so finden beide Söhne Heimat zuhause. Das ist doch wohl ein Grund zum Feiern.
Die Liturgie verwendet für das Wort Fastenzeit den Begriff der „österlichen Bußzeit“. Dieses vorangestellte Wort „österlich“ prägt nicht nur die 40 Tage vor Ostern, sondern unser Leben überhaupt. Was wir „österlich“ nennen, kann uns nur geschenkt werden. Aber gerade deswegen macht es Mut: In aller Mühsal und Last des Alltags, in den Abgründen und den Dunkelheiten des Lebens – vergiss die Freude nicht!
P. Felix Gradl, Franziskaner in Innsbruck, lehrt Erstes Testament an der Religionspäd. Akademie der Diözese Innsbruck in Stams.