„Die weltweite Aufregung um die Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamian ist eine Heuchelei“, sagt Dr. Michael Schodermayr. 1990 brachte der Arzt aus Steyr die ersten Kinder aus Afghanistan zur Behandlung nach Österreich.
Wenn auch mit der Zerstörung der gigantischen Buddha-Statuen in Bamian ein kulturelles Erbe der Menschheit unwiederbringlich vernichtet wurde. Die Aufregung rund um die beiden aus Stein gehauenen Figuren kann Michael Schodermayr nicht ganz verstehen: „Dahinter steckt so wahnsinnig viel Heuchelei“, meint der Arzt aus Steyr. „Der Westen ist mitverantwortlich, dass die Taliban das Land unterdrücken. Und wenn jedes Jahr Tausende Kinder verhungern, dann ist das keine Meldung wert.“
Zweite Lebenschance
Der Westen, so Schodermayr, besonders aber die USA haben nach dem Sowjet-Einmarsch 1979 in Afghanistan versucht, mit allen Mitteln den Widerstand zu unterstützen. 1989, nach deren Abzug, ist das Land in einem Bürgerkrieg versunken. Seit 1994 eroberten die Taliban, radikal-islamische Koranschüler, das Land am Hindukusch. Heute beherrschen sie zwar 95 Prozent Afghanistans, ihr Gottesstaat jedoch ist international isoliert.
Die Entwicklungen seit 1990 hat Michael Schodermayr persönlich erfahren. Mehrfach war der ärztliche Leiter von Friedensdorf International in Kabul, um schwer kranke Kinder nach Österreich zu bringen. 316 Mädchen und Buben hat der Verein seither zu einer zweiten Lebenschance verholfen. Die letzten 14 kamen erst am 6. März aus Kabul.„Früher waren es Minenopfer. Heute leiden die jungen Patienten an schwerer Knochenmarkseiterung“, erklärt Thomas Wöhrer von Friedensdorf. Die tödliche Krankheit gilt als Indiz, dass es weder Ärzte noch Medikamente gibt. „Kinder müssen sterben, weil eine Mittelohrentzündung unbehandelt bleibt“, sagt Wöhrer.Doch dem Verein Friedensdorf aus Steyr, eine der wenigen internationalen Hilfsorganisationen, die in Afghanistan noch tätig ist, macht die Taliban-Regierung das Helfen auch nicht leicht. Jüngstes Beispiel, der für 22. Februar geplante Transport von 130 Kindern aus Kabul nach Düsseldorf. 48 Stunden vor Abflug hieß es im Ministerium für Luftfahrt: Der Flug ist gestrichen. Die Maschine der staatlichen Airline ARIANA wird für Mekka-Pilger benötigt.
Schwer kranke Kinder, die unter härtesten Bedingungen bereits zum Flughafen gebracht worden waren, mussten nach Hause zurück. Mühsam organisierte Betten für 19 Kinder in neun Krankenhäusern Österreichs blieben leer. Und Friedensdorf musste erneut mit den Vereinten Nationen (UNO) verhandeln. Denn seit November 1999 unterliegt das Land einem UN-Boykott, jeder Flug muss in New York genehmigt werden.
Riesenglück
Nach zähem Ringen konnte der Flug zehn Tage später doch durchgeführt werden. Im Jahr zuvor hatten es die Helfer noch schwerer. Am Tag vor Abflug entführten Luftpiraten jene Boeing 727 nach London, die das Friedensdorf gechartert hatte. Die Kinder mussten Wochen warten.Für fünf Kinder hatte die von den Taliban verursachte Flugverzögerung eine lebensgefährliche Folge: Trotz Radioansagen kamen sie am 5. März nicht zum Abflug.
Riesenglück hingegen hatte ein Kind aus Gasny, 70 Kilometer vor den Toren Kabuls. Der Vater gelangte mit dem Fahrrad noch auf das Rollfeld, als die Triebwerke schon liefen.
Trotz des weltweiten Aufschreis ließ die radikal-islamische Taliban-Regierung die gigantischen Buddha-Standbilder völlig zerstören. Im Bamian-Tal soll von den 55 und 38 Meter hohen Figuren nichts mehr zu sehen sein. 400 Meter voneinander entfernt, wurden sie vor mehr als 1500 Jahren aus dem Sandstein-Felsen gehauen. In der Zeit vor der Islamisierung Afghanistans galt die Klostersiedlung Bamian als Zentrum des Buddhismus. Von der ehemaligen Anlage existieren noch viele kleinere Höhlentempel.
Wer die Zerstörung noch verhindern wolle, komme zu spät, sagte vergangene Woche in Kandahar ein Sprecher des obersten Taliban-Geistlichen, Mullah Mohammed Omar. Der Emir von Afghanistan hatte am 26. Februar die Zerstörung aller Statuen angeordnet, weil diese nicht mit dem Islam vereinbar seien.
Die in den letzten Jahren mehrfach angekündigte Zerstörung steht in Zusammenhang mit der Verschärfung der UN-Sanktionen gegen die Taliban am 19. Jänner. Darauf hatten die USA und Russland gemeinsam gedrängt. Kabul sollte veranlasst werden, den von den USA als Terroristen gesuchten saudi-arabischen Islamisten Osama bin Laden auszuliefern. Und Moskau gilt er als einer jener „Rebellen“, gegen die in Tschetschenien Krieg geführt wird.