Die meisten Menschen, denen es möglich ist, eine der großen Wüsten unserer Erde kennen zu lernen und zu erleben, sind normalerweise begeistert und fasziniert. Abgesichert durch Wasservorräte, moderne Ausrüstung und perfekte Organisation können Weite (nichts als Weite!), Kargheit, Hitze und Kälte, großartige Naturschauspiele tatsächlich zu einer bleibenden Erfahrung werden. Und immer wieder zieht es die Menschen in diese Faszination.
Auch in den Angeboten geistlichen Lebens hat die Wüste längst Einzug gehalten: „Wüstentage“ sind das Stichwort zahlreicher Einladungen zu Besinnung fernab von allem Unnötigen und Überflüssigen. Das für Körper und Geist wirklich Wichtige ist gefragt.Ich selbst habe das „Erlebnis Wüste“ nur ein klein wenig am Rande miterlebt – und in einem anderen Zusammenhang. Berufsbedingt war es mir geschenkt, einige Reisen in Länder in der Sahelzone mitzumachen, um Hilfsprojekte der Caritas und anderer Hilfsorganisationen zu besichtigen und darüber zu berichten. Viele dieser Projekte haben mit Wasser zu tun. Und plötzlich bekommen Wüste und Steppe, ausgetrocknetes Land und das Leben in einem solchen Land ein ganz anderes Gesicht: ein bedrohliches, oft tödliches. Keine Spur von „Romantik“!
Mir kommen die Worte der ersten Lesung in den Sinn: „Ich lasse in der Steppe Wasser fließen und Ströme in der Wüste, um mein Volk zu tränken.“ Die Worte des Propheten sind in eine ziemlich hoffnungslose Situation hineingesprochen. Die Söhne und Töchter Israels sind in der Verbannung. Offensichtlich ist der einzige Trost die Erinnerung an das, was in grauer Vorzeit einmal geschehen war, die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten. Wie eine Wüste und öde Steppe lastet die gegenwärtige Lage auf dem Volk: kaum Hoffnung, keine Zukunft, vom Herrn verlassen. Doch das Prophetenwort bringt die Wende: „Der Herr spricht: Seht her, nun mache ich etwas Neues.“ Auch wenn es die verschleppten Kinder Israels zunächst nicht verstehen können.
Es ist Zeit, den Sinn der Verheißung für uns zu deuten. Die Auseinandersetzung um eine tragfähige Gestalt der eigenen Glaubenserfahrung und -geschichte findet vielfach nicht mehr statt. Zumindest scheint es so, wo immer die Gründe dafür liegen mögen. Wie in einer wasserlosen Wüste kommen mir viele Menschen vor auf ihrer Suche nach Sinn – wenn diese Sinnsuche überhaupt noch da ist. Wo erfahren sie die befreiende Botschaft unseres Glaubens? Wüste kann großartig sein, aber auch tödlich. Überleben lässt mich, wenn ich mich den Quellen zuwende.
Erich Gutheinz, Pfarrer in Innsbruck/Allerheiligen, von 1979 bis 1984 Schriftleiter der Kirchenzeitung der Diözese Innsbruck.