Seit Jahrtausenden kennen Menschen besondere, heilige Orte. Das 2700 Jahre alte Gräberfeld oberhalb von Hallstatt etwa ist solch ein Ort. Er ist gegen Osten ausgerichtet – dorthin, wo die Sonne aufgeht, das Dunkel schwindet und das Tal sich öffnet.
Ein heiliger Ort ist auch die „Mitte“: Alles, was wichtig ist, worum sich das Leben dreht, was Menschen heilig und maßgeblich ist, wurde und wird in die „Mitte“ gestellt. Von dieser Mitte gehen jene Impulse aus, die das Denken, Handeln, Werten entscheidend prägen. Um diese Bedeutung der Mitte weiß auch die Bibel. So soll für Israel Gott in der Mitte stehen, der das Volk aus Ägypten befreit hat. Im Buch Exodus hören wir Gott sagen: „Macht mir ein Heiligtum! Dann werde ich in ihrer Mitte wohnen.“ (Ex 25, 8) Und in Levitikus heißt es: „Ich schlage meine Wohnstätte in eurer Mitte auf … Ich gehe in eurer Mitte.“Die Israeliten erfahren im Laufe ihrer Geschichte, wie viel Leben, Kraft, Mut, Weisheit und Menschlichkeit von dieser Mitte ausgehen. Sie erleben aber auch, dass der Platz in der Mitte umkämpft ist. Immer wieder versuchen sich andere „Götter“ oder „Götzen“ an den Platz Gottes zu setzen. Ein „Götze“ ist nicht bloß ein Schnitzwerk, er steht vielmehr für einen Teilwert, der absolut gesetzt wird. Leistung, Macht, Wohlstand, Erfolg, Unterhaltung – das alles hat seinen Wert. Wird solch ein Wert jedoch zum alleinigen Mittelpunkt gemacht, dann entsteht Schaden und Enge.
Selbst gläubige Menschen können die Mitte verfehlen. Gerade Jesus von Nazaret macht darauf aufmerksam. In seiner Kritik am Tempel und mit seiner symbolischen Reinigungsaktion zeigt er bis heute: Dort, wo an Stelle Gottes verzerrte Gottes-Bilder die Mitte besetzen, gehören diese Bilder entrümpelt und die Mitte wieder für Gott selbst freigemacht. Der Gott aber, den Jesus wieder in die Mitte rückt, ist ein Gott, der überraschend-offen auf die Menschen zugeht, ein Gott, der die Vorstellungen, Erwartungen und Hoffnungen so weit übertrifft, dass Menschen in ihrer Mitte tief bewegt werden. Als von den Toten Auferweckter tritt Jesus in die „Mitte“: „Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch!“ (Joh 20, 26)