Verfolgung im Sudan: Der Glaube an die christliche Erlösung ist stärker
Ausgabe: 2001/13, Sudan, Christen, Nuba,
27.03.2001
- Walter Trübswasser
P. Kizito lebt seit 1995 mit den Nuba im Sudan. Wie im Kriegsgebiet trotz Gewalt undVerfolgung die Kirche wächst, erzählt er im Gespräch mit der Kirchenzeitung.
Pater Kizito, warum leben Sie in den Nuba-Bergen? P. Kizito: Schon 1992, knapp nach Kriegsausbruch, haben mich die Nuba eingeladen. Allerdings war es damals unmöglich zu ihnen zu kommen. Erst 1995 fand sich ein Pilot, der mich hinfliegen sollte.
Was fasziniert Sie an den Nuba? P. Kizito: Sie sind sehr freundliche Menschen. Und es handelt sich nicht, wie so häufig in Afrika, um einen Stammeskrieg. Die Nuba bestehen zwar aus verschiedenen Stämmen, aber sie sind einander sehr verbunden. Und in vielen Familien leben Angehörige verschiedener Religionen zusammen. In den Nuba-Bergen findet man eine Bevölkerung, die zum Opfer gemacht wird, aber Widerstand leistet. In dem von den Regierungstruppen geführten Heiligen Krieg werden Muslime genauso getötet wie Christen.
Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an Ihre erste Ankunft in den Nuba-Bergen denken? P. Kizito: Vor meiner Abreise hat mir der Apostolische Administrator von El-Obeid, in dessen Gebiet die Nuba-Berge gehören, die Namen von drei Katechisten genannt. Weil er wegen des Krieges jedoch in der kenianischen Hauptstadt Nairobi lebt, hat er von ihnen seit zehn Jahren nichts mehr gehört. Niemand wusste, ob sie noch leben, ob sie sich der Befreiungsarmee angeschlossen haben oder konvertiert sind.Kirche ohne KontakteIn den Nuba-Bergen landeten wir in der Nähe einer Kirche. In ihr war zufällig einer dieser Katechisten tätig. In den Jahren der Isolation hatte er 36 Kirchen eröffnet und 80 Katechisten ausgebildet. Die Kirche war also auch ohne Priester unglaublich gewachsen. Es war wirklich eine Kirche, die von Laien organisiert wurde.
Wie ist das Christentum in die Nuba-Berge gekommen? P. Kizito: In der britischen Kolonialzeit war christliche Mission unter Muslimen verboten. Und weil die Nuba für Muslime gehalten wurden, blieb ihr Gebiet unberührt. Die ersten Missionare waren Nuba selbst, die in der Hauptstadt Khartum das Christentum kennen gelernt hatten. Als auf ihren Wunsch hin in den 60er Jahren Missionare in ihr Gebiet kamen, erfolgten keine Konversionen großen Stils. Als die Zeit der Verfolgung begann, wurden viele Christen ermordet. Trotzdem, oder gerade deshalb, ließen sie sich aus eigenem Antrieb taufen. Dazu gab es keinen Druck von außen. Wenn ein Druck ausgeübt wurde, dann der, Moslem zu werden.
Warum werden Nuba Christen? P. Kizito: Offensichtlich erkennen sie im Christentum die Möglichkeit der Freiheit und der Erlösung von Sünde und sozialem Unrecht. Sie sind davon fasziniert. Und es gibt sehr viele Märtyrer. Von vielen werden wir niemals erfahren. Für die Nuba ist das auch nicht der Rede wert. Manchmal höre ich zufällig davon wie zu Weihnachten 1995. Es war in Kerker, wo bereits alles für meine Begrüßung vorbereitet war: Ringkämpfe, Tänze und Lieder. Da meinte der Katechist, es wäre unmöglich, hier vor der Kirche zu tanzen und zu ringen. In Afrika habe ich zwar gelernt, nicht allzu viele Fragen zu stellen, da die Leute sehr genau wissen, was sie tun. Aber eigentlich habe ich nicht eingesehen, warum nicht vor der Kirche getanzt und gerungen werden sollte. Trotzdem habe ich vorerst nichts gesagt. Nach dem Tanz fragte ich den Katechisten. Er erzählte, was sich genau an diesem Ort zehn Monate zuvor ereignet hatte: Gabriel, sein Vorgänger, ein starker Mann und bekannter Ringer, war mit Taufbewerbern zusammen, als eine Gruppe von Regierungssoldaten kam. Damals kam es oft vor, dass Christen mit zusammengebundenen Händen in die Kirche gesperrt wurden und das Grasdach in Brand gesteckt wurde.
Erfahrung des Alltags
Gabriel, der die Soldaten sah, ging auf sie zu. Er wollte seinen Leuten Zeit geben, sich zu verstecken. Die Soldaten fragten ihn, ob er ein Katechist sei. Gabriel bejahte. Das war sein Todesurteil. Sie versuchten ihn zu fesseln. Weil er sehr stark war, gelang es ihnen nicht. So nahm der Kommandant sein Messer und schnitt ihm die Kehle durch. Das passierte vor der Kirche – und deshalb wollte der Katechist nicht, dass die Tänze und das Ringen hier stattfinden. Denn an dieser Stelle war das Blut des Märtyrers vergossen worden. Von sich aus hätte er diese Geschichte nie erzählt. Es war eine der Geschichten, die sich hier ereignen. Und es ist nur ein Beispiel eines Menschen, der für Christus sein Leben hingegeben hat. Aber davon gibt es hier viele.Diese Märtyrer und christlichen Werte wie das Dienen, die Solidarität und die Geschwisterlichkeit wirken anziehend auf die Nuba.