„Den Namen eines Menschen verächtlich zu machen, ist ein harter sprachlicher Angriff auf die Identität einer Person“, urteilt die Sprachwissenschafterin Dr. Ruth Wodak. „Ich verstehe überhaupt nicht, wie einer, der Ariel heißt, so viel Dreck am Stecken haben kann.“ Mit diesem Satz brachte der Kärntner Landeshauptmann am Aschermittwoch in Ried ein Bierzelt zum Brüllen. Seither sorgt er für eine Diskussion über Antisemitismus in Österreich.
„Es handelt sich um eine eindeutig antisemitische Sprachverwendung“, urteilt Dr. Ruth Wodak von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Und die Sprachwissenschafterin an der Wiener Uni erklärt gegenüber der Kirchenzeitung warum: Der Satz enthält die Anspielungen „Ariel“ sowie „Dreck am Stecken“. „Ihre Verbindung drückt ein uraltes judenfeindliches Vorurteil aus“, sagt Wodak zur Anspielung auf Ariel Muzicant, den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde in Österreich.
„Dass der hebräische Vorname mit einem Waschmittel gleichgesetzt wird, lässt dem Sprecher einen Ausweg offen: So habe ich das nicht gemeint! Andererseits baut es den Gegensatz zum ,Dreck‘ auf, dem Motiv der zweiten Anspielung“ analysiert Wodak. „Mit der unbewiesenen Behauptung ,Dreck am Stecken‘ sind Vorurteile mit festen Vorstellungen verbunden. Minderheiten gelten oft als schmutzig. Und in der NS-Zeit wurden Juden ausdrücklich mit Schmutz und Dreck in Verbindung gebracht.“ (Kasten unten).
Der Zusammenhang
Zwar enthält der Satz schon an sich sämtliche judenfeindlichen Vorurteile. Jedoch das Wann, Wo und Wie er geäußert wurde, erhärtet den Vorwurf des Antisemitismus. „Man hat geglaubt, im Wiener Wahlkampf damit Stimmen gewinnen zu können. Juden wurden plötzlich wieder zu einem Wahlkampfthema, obwohl es keinen realen Grund dafür gibt.“Dr. Wodak sieht jedoch noch einen weiteren Zusammenhang: die Verhandlung über Entschädigungszahlungen für NS-Opfer, dessen Ergebnis Ariel Muzicant bisher nicht unterschrieben hat. „Wie ist das zu beurteilen, wenn der Hauptverhandler von Seiten der Israelitischen Kultusgemeinde als Spekulant oder Krimineller hingestellt wird?“
Völlig unakzeptabel ist für die Linguistin die Erklärung von Bundeskanzler Schüssel, es habe sich um eine Büttenrede gehandelt und kein politisches Hochamt: „Das ist eine komplette Verharmlosung der Aussage. Politiker tragen immer Verantwortung für das, was sie sagen. Denn sie rechnen mit der Macht ihrer Worte.“
Reaktionen:
- Vergangene Woche hat sich erstmals ein katholischer Bischof zur Antisemitismus-Debatte geäußert. Der Zeitschrift „News“ sagte Johann Weber, das „Stimmband der Kirche“ versage mitunter, und das sei nicht richtig: „Mehr öffentliche Sensibilität würde sicher nicht schaden.“ Weber glaubt, dass die Grenze des Zumutbaren überschritten worden sei.
Probleme mit Stimmbändern
– „Empört“ zeigte sich auch der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusam- menarbeit. Dieser fordert in einem offenen Brief Bundespräsident Klestil auf, „in aller Deutlichkeit klärende Worte“ zu sprechen. Antisemitismus dürfe keinen Platz mehr in Österreich finden. Es sei ein „trauriges Zeugnis für das Demokratieverständnis eines Bundeskanzlers, wenn dieser – aus taktischen Gründen –, die Worte von Dr. Haider nicht klar verurteilt.“
– „Dieses Lächerlichmachen einer Person, um Zustimmung zu erheischen, ist unerträglich“, meint Ruth Steiner zur Kirchenzeitung. Die langjährige Generalsekretärin der Katholischen Aktion Österreichs sagt, es sei betrüblich, dass nicht sofort von Seiten der Kirche klare Worte gekommen sind, um sich von dieser „Sprachrohheit zu distanzieren“. Steiner zum Schweigen der Bischöfe: „Ich kann mir vorstellen, dass der Wahlsonntag in Wien erst vorbeiziehen muss. Wenn das aber so ist, dann ist das sehr traurig.“
– Als Reaktion auf steigende Judenfeindlichkeit müsste die Aufklärungsarbeit verstärkt werden, meint Dr. Markus Himmelbauer vom christlich-jüdischen Informationszentrum. Doch das Geld dafür fehlt. Denn war im Jahr 2000 diese Arbeit der Bischofskonferenz noch 420.000 Schilling wert, so gibt sie heuer nur mehr 50.000 dafür aus.
Hintergrund:
Ob Blondinen oder Burgenländer
Eine von Vorurteilen geprägte Formulierung (sexistisch, rassistisch oder antisemitisch) trägt folgende Kennzeichen: – Eine einzelne Person steht für eine Gruppe (Frauen, Afrikaner, Juden etc.). Ihr wird eine negative Eigenschaft zugeschrieben, ohne diese Behauptung zu belegen (geldgierig, dumm, hinterlistig, kriminell etc.). Die negative Eigenschaft wird auf die gesamte Gruppe übertragen (verallgemeinert). – Sie ist in eine mehrdeutige Anspielung verkleidet (codierte Form), die aus dem Zusammenhang heraus verstanden wird. „Dreck am Stecken“ kann dann stehen für: böse Geschäfte – Spekulant, kriminell – Gauner, schmutzig – Dreck.