„Das Hauptproblem für Menschen mit psychischen Erkrankungen ist, dass sie aus allem herausfallen.“ – Stephanus Binder, Obmann des Vereins „netzwerk spinnen“ mit Sitz in Linz hat das am eigenen Leib erfahren.
Als Systemanalytiker verdiente er monatlich 35.000 Schilling. Dann wurde er psychisch krank mit sich ändernden Diagnosen – depressiv, schizophren. Er verlor die Arbeit und ist nun seit zehn Jahren in Frühpension. Monatlich muss er mit knapp über 8000 Schilling auskommen. „Da musst du dir überlegen, ob du auf einen Kaffee gehst oder nicht.“ Chance auf eine Arbeit und damit auf eine verbesserte Einkommenssituation hat er im doppelten Sinn nicht. Wer stellt schon psychisch Kranke ein? Außerdem hätte er die Kraft nicht, vollwertig dem Berufsstress gewachsen zu sein.
Ähnliche Erfahrungen machen viele Psychiatriepatienten: Sie verlieren ihre Arbeit, die Partnerschaft zerbricht, sie können sich die Wohnung nicht mehr leisten; manche Freunde verschwinden. Der soziale Abstieg ist eine dramatische Begleiterscheinung zu einem ohnedies sehr schwierigen Schicksal. „Und je jünger du bist, desto geringer ist die Chance auf eine Pension. Dann musst überhaupt von der Sozialhilfe leben“, sagt Stephanus Binder. Er weiß, wovon er redet, kennt er doch etwa 500 bis 600 Menschen mit Psychiatrieerfahrungen.
Das Umfeld ist wichtig
Leopoldine Hinterberger, die sich ebenfalls im „netzwerk spinnen“ engagiert, litt an schweren Depressionen. Als sie ins psychiatrische Krankenhaus kam, war ihre Umgebung total überrascht. Man ahnte nichts. Ja, sie hatte es lange verbergen können, bis die Müdigkeit und Willenslähmung nicht mehr zuzudecken war. Nun eröffneten ihr auch einige Bekannte, dass sie ebenfalls psychische Probleme haben.
Nach der Akutbehandlung wird der/die Patient/in mit Tabletten als Begleiter entlassen. Stephan Binder hat 50 Kilo Übergewicht, eine Folge der Tabletteneinnahme, die den Stoffwechsel beeinflusst. Das macht ihm die Krankheit nicht leichter: „Du kommst daher wie ein psychisch Kranker; das sieht man dir an.“ Leopoldine Hinterberger nimmt keine Medikamente mehr. Sie kämpfte sich mit Zähigkeit zurück, entschloss sich zu alternativen Methoden. Bei traditioneller chinesischer Massage fand sie, was ihr gut tat. Dass sie sich so weit aufraffen konnte, verdankt sie der Psychotherapie. Auch Staphanus Binder bestätigt, dass er ohne Psychotherapie seine Krankheit nicht so gut in den Griff bekommen hätte. „Vor drei Jahren noch“, sagt Herr Binder, „habe ich nur mehr den Tod erwartet.“ Dass sie Psychotherapie erhielten, bezeichnen beide als Glücksfall. Denn Psychotherapie auf dem freien Markt können sich die wenigsten leisten, kostet doch eine Stunde durchschnittlich 800 Schilling. Oft sind viele Therapieeinheiten notwendig. Nur wenige Patienten erhalten ein paar Stunden Behandlung finanziert. Psychotherapie auf Krankenschein wäre ein Beitrag zur gesundheitlichen wie finanziellen Verbesserung der Situation der Betroffenen, sind beide überzeugt.
Arm und reich
So wahrscheinlich psychische Krankheiten in die Armut oder an den Rand der Armut führen, so sehr verdienen die Pharmakonzerne an ihr. Hier hakt Kritik von „netzwerk spinnen“ ein: Die Tablette, die Stephanus Binder täglich einnehmen muss, kostet 100 Schilling. Seine monatlichen Krankenkassenkotsen sind damit etwa so hoch, wie ihm selbst zum Leben bleibt. Für Psychotherapie und alternative Heilbehandlung gibt es aber keine Finanzierung! Armer Patient, reiche Pharmaindustrie.
Überblick:
Netzwerk der Ermutigung
„Jede/r hat das Recht auf Information, um die über sie/ ihn getroffenen Verfügungen mitbestimmen zu können“, heißt es in einer Darstellung von „netzwerk spinnen“. Seit 1999 gibt es in Linz diesen Zusammenschluss von Psychiatrie-Erfahrenen. Es ist eine Initiative, die sich wehrt gegen das „Abgestempelt-Werden“ und die sich stark macht gegen Gewalt und Zwang und für die Integration psychisch kranker Menschen.
Die Erfolge des jungen Netzwerks, das im Jahr 2000 mit dem Solidaritätspreis der Linzer Kirchenzeitung ausgezeichnet worden ist, können sich sehen lassen: Einmal pro Quartal wird der „Trialog“ veranstaltet, eine Gesprächsrunde, an der Ärzte, Betroffene und Angehörige teilnehmen. Nach zweijähriger Verhandlung wurde mit dem Linzer Wagner-Jauregg-Krankenhaus eine „Behandlungsvereinbarung“ abgeschlossen. (Der Patient kann für den Fall einer neuerlichen Aufnahme Wünsche deponieren.) Das Netzwerk ist eingeladen, beim ersten Landesarbeitskreis zur Psychiatrieplanung für das Land Oberösterreich Stellungnahmen abzugeben. Die Schwellenangst, die Psychiatrie aufzusuchen, ist groß. Das Netzwerk schlägt daher vor, die Psychiatrie müsste zunächst zusichern: Du kannst kommen, wenn es dir schlecht geht, und musst dich nicht sorgen, gleich medikamentiert zu werden.
netzwerk spinnen, Ottensheimer Straße 96, 4040 Linz, Tel. und Fax: 0 73 2/70 09 24.Homepage: www.nesp.cc