So alt wie die Sehnsucht nach einem einigermaßen gelingenden und geglückten Leben ist die Erfahrung von Grenze, Versagen und Schuld. Prophetische Menschen wussten sich zu allen Zeiten in diese Spannung gestellt. Sie können ihren Auftrag, zu ermahnen, Unheil anzuordnen, zu trösten, Mut zu machen, ins Gewissen zu reden … nicht ausweichen. Und sie haben dabei oft genug bis an die Grenzen des Erträglichen zu leiden. Jesaja ist ein großes Beispiel dafür. Jeden Morgen weiß er sein Ohr vom Wort Gottes geweckt, „damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort“. Aus dieser Gewissheit will er in seinem Volk die Hoffnung auf den erwarteten Retter wachhalten. Aus dieser Gewissheit erträgt er Schmähung, Schläge und Speichel. Er weicht nicht zurück, denn „Gott, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden“.
Es ist offensichtlich, dass das „Lied vom Gottesknecht“ im großen Zusammenhang der Heilsgeschichte auf Jesus verweist. „Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht.“ So hat Jesus Christus ein für allemal die Grenzen, von denen eingangs die Rede war, aufgebrochen. Alle Erfahrungen menschlichen Leides, sei es selbst-, mit- oder unverschuldet, münden in diesem Tun Jesu wie in einem Brennpunkt zusammen. Das allein kann uns Zuversicht geben angesichts des unermesslichen Leides überall auf der Welt, angesichts des unüberwindlich scheinenden Hasses zwischen Völkern und Menschen mit den verheerenden Folgen, angesichts der Chancenlosigkeit von Millionen und Abermillionen von Menschen nicht zu resignieren.
Die Welt mit ihren teilweise fragwürdigen Gesetzen kann mit solcher Botschaft wenig bis nichts anfangen. Tatsächliche oder angemaßte Macht kann auf das prophetische und jesuanische Verhalten nur mit Schlägen, Schmähung und Speichel reagieren. Das Misstrauen gegen Gott ist ein dunkles Geheimnis“, schreibt ein bekannter Theologe: „Es trennt den Menschen seit den Anfängen von Gott und seiner Liebe. So ist die Schande, die den Propheten trifft, der Lohn für seinen Gehorsam gegen Gott. Aber er verbirgt sein Antlitz nicht, er vertraut auf die Hilfe seines Gottes.“
Im Leiden, Sterben und in der Auferstehung Jesu setzt Gott ein endgültiges Zeichen. Gott ist eindeutig auf der Seite derer, die sich treu bleiben. Wenn es mir gelingt, in diesem Horizont mein eigenes Bemühen, aber auch mein Versagen zu sehen, darf ich voll Zuversicht auf das Fest aller Feste zugehen.
Erich Gutheinz, Pfarrer in Innsbruck/Allerheiligen, von 1979 bis 1984 Schriftleiter der Kirchenzeitung der Diözese Innsbruck.