Am Freitag, dem 7. April des Jahres 30 stehen auf Golgota drei Kreuze. Da die schädelförmige Erhebung in einem Felsgelände vor der Stadtmauer liegt – an einer Ausfallstraße – kommen sehr viele Menschen an der Hinrichtungsstätte vorbei. An einem der Kreuze hängt – entblößt und seiner Würde beraubt – der bekannte Rabbi Jesus aus Nazaret, links und rechts flankiert von zwei Verbrechern.
Anders als etwa Buddha oder Sokrates beendet der Mann aus Galiläa sein Leben nicht friedlich im Kreis von Freunden – mit einem weisen Wort auf den Lippen. Im ältesten Evangelium (Markus) hören wir ihn nur mehr noch kraftlos stammeln: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ Dann stirbt er, mit einem lauten Schrei. Gottverlassenheit und Gottferne: das ist die letzte, schreckliche Erfahrung Jesu. Seine Verlassenheit am Kreuz gewinnt noch mehr an Schärfe, wenn man das inständige Gebet Jesu am Ölberg bedenkt. Er bittet um Rettung vor dem Tod: „Nimm diesen Kelch von mir.“ Diese Bitte verstärkt er mit dem Satz „Aber nicht was ich will, sondern was du willst (soll geschehen)“. Bei diesem Satz handelt es sich um eine antike Art zu bitten, die das eigene Anliegen verstärken soll.
Wir wissen: Jesus suchte nicht diesen brutalen Tod. Er stellt sich jedoch dem tödlichen Konflikt, als seine Botschaft und sein bisheriges Wirken auf dem Spiel stehen. Golgota zeigt: Jesus ist keinen Millimeter von seiner Lebensüberzeugung abgerückt. Er lässt sich vielmehr auf jenen Gott „fest-legen“, dessen Menschenliebe er in seinen Worten, seinen Taten, seiner Zuwendung verkörpert. Das Kreuz Jesu ist also sichtbares Zeichen für diese unbedingte Menschenliebe. Zugleich ist es jener Ort, wo Jesus an die Grenzen seiner Gotteserfahrung stößt, alleine gelassen stirbt er!
Golgota steht für „einsames Leid“, aber auch für eine große, unvermutete Wende. Gott erfüllt nämlich die Bitte Jesu am Ölberg umfassender und tiefer als erwartet: Er rettet Jesus nicht vor dem scheinbar unbesiegbaren Tod, sondern befreit ihn aus der wuchtigen Endgültigkeit des Todes selbst heraus! Inmitten des Todes begegnet Jesus die rettende Hand Gottes – er war keinen Augenblick von Gott verlassen!