Der lange Weg von elender Finsternis zum Osterlicht
Hans Schnitzler ist mit den Trauernden von Kaprun mitgegangen
Ausgabe: 2001/15, Ostern, Kaprun,
10.04.2001
- Hans Baumgartner
Wenn in Kaprun heuer das Osterlicht aufleuchtet, wird es für Hans Schnitzler eine besondere Bedeutung haben. Seit Monaten hat er Angehörige der Katastrophe begleitet.
Es war ein herrlicher Morgen, als über Kaprun buchstäblich aus heiterem Himmel die Katastrophe hereinbrach. 155 vorwiegend junge Menschen, die voller Erwartungen zur Eröffnung der Schisaison auf dem Kitzsteinhorn unterwegs waren, erstickten und verbrannten am 11. November im Tunnel der Gletscherbahn. Für Hans Schnitzler, den Obmann das Kapruner Pfarrgemeinderates, begann an diesem Tag ein Weg, von dem er sagt: „Ohne meinen Glauben hätte ich ihn nicht gehen können.“ Manche Worte aus der Leidensgeschichte Jesu werden für ihn heuer anders klingen, als je zuvor. Und wohl auch die Berichte von der aufkeimenden Hoffnung der Frauen und Jünger am leeren Grab und auf dem Weg nach Emmaus. Entscheidend dafür ist, dass er sich auf einen Weg mit jenen eingelassen hat, die durch das Unglück Angehörige verloren haben.
Die Verzweiflung
„Ich werde die Stunden nie vergessen, die ich mit den Angehörigen in der Jugendherberge verbracht habe. Das Warten zwischen Hoffnung und Verzweiflung, als am Nachmittag des ersten Unglückstages immer wieder neue Listen mit den Namen jener, die vom Gletscher heil zurückgekehrt sind, ausgehängt wurden. Das stumme Zusammensacken, wenn die Tochter, der Sohn, der Ehemann … wieder nicht dabei waren. ,Vater, lass diesen Kelch an mir vorüber gehen.‘ Dieser bange Ruf Jesu hat seither für mich viele konkrete Gesichter.“ In den Garten Getsemani versetzt sah sich Schnitzler auch an der Seite jener sechs Kapruner Familien, die selber Tote zu beklagen hatten. „Es war – und ist für manche noch – ein leidvoller Weg, vom verzweifelt-protestierenden Aufschrei ,Warum mein Kind?‘, ,Warum …‘ bis zum Annehmen- können des Verlustes, des Schmerzes, der Trauer.“ Mit manchen Familien, die das gewollt haben, habe er bei seinen vielen Besuchen auch in der Bibel gelesen. Auch die Stelle vom Ölberg, erzählt Schnitzler. „Mehrfach sind wir dabei in den Gesprächen bei der Frage hängen geblieben, warum Jesus diesen Kelch angenommen hat, sich nicht gewehrt hat – als Herrgott. Gemeinsam suchten wird die Antwort darauf: Hat er Leid und Tod nicht deshalb auf sich genommen, um uns in den finsteren, schmerzvollen Stunden des Lebens ganz nahe zu sein, ein Gott, der uns trägt und uns aufhebt, wenn wir selber nicht mehr weiterkönnen? Ich weiß“, so Hans Schnitzler, „daß für mache, wenn sie allein waren, dieser Gedanke eine große Stütze war.“
Der Schrei
Karfreitage habe er in den vergangenen Monaten viele erlebt, meint Schnitzler. „Warum hast du mich verlassen?“ Dieser verzweifelte Schrei Jesu hallt für ihn wider in den Namen von Verunglückten – hinaufgeschrien von Angehörigen und Freunden zum Eingang des Todestunnels, als „wir mit ihnen am zweiten Tag zur Talstation hingefahren sind.“ Die Trauer unter dem Kreuz, das Nicht-Verstehen-Können, das Einbrechen unter der Last des Schmerzes, das erlebe er – zum Teil bis heute – in den Angehörigen-Familien sehr intensiv. „Dabei“, so Schnitzler, „spielt auch eine Rolle, dass die Ereignisse von den Medien immer wieder aufgegriffen werden. Manche empfinden das wie neue Geißelhiebe auf offene Wunden.“
Die Hoffnung
Und Ostern? „Das Leid“, sagt Hans Schnitzler, „ist für alle gleich. Aber der Weg zum Licht am Ende des Tunnels ist für die Familien unterschiedlich weit. Jene, die glauben können und teilweise einen neuen Zugang zum Glauben gefunden haben, wissen sich immer stärker auch von der Auferstehungshoffnung getragen. Es war bewegend für mich, als mir eine Mutter sagte: Jetzt erst verstehe ich, den Satz ,Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt …‘ Eine andere Familie meinte nach längerer Zeit: ,Wir verstehen es nicht, aber Gott wird wissen warum. Unser Bub ist jetzt bei ihm und wird auf uns aufpassen.‘ Die meisten sind wohl noch auf dem Weg nach Emmaus“, meint Schnitzler und zitiert eine Mutter: „Wenn wir doch auch sagen könnten, das Grab ist leer.“
Zur Person:
Seit dem Unglück von Kaprun begleitet Hans Schnitz- ler die Familien der Opfer aus dem Ort. Die ersten Wochen besuchte er sie jeden Tag. Er machte für sie Besorgungen und half bei den Vorbereitungen der Begräbnisse. „Das Schwierigste war für mich der Anfang. Aber die Angst, nicht willkommen zu sein, war umsonst.“ In den ersten Tagen sei er einfach oft nur dagesessen, habe mit den Angehörigen geschwiegen, ihnen die Hand gehalten, sie umarmt. Seither haben sich viele Gespräche daraus entwickelt, auch tiefe Glaubensgespräche. Hans Schnitzler bedauert es, dass zu wenige Menschen auf Trauernde zugehen.