Seit 40 Jahren lebt der Tiroler Jesuit Luis Gutheinz in Taiwan
Ausgabe: 2001/15, Taiwan, Leprahilfe,
10.04.2001
- Walter Achleitner
Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in Österreich kehrt Luis Gutheinz am 19. April nach Taiwan zurück. Der Kirchenzeitung erzählt er über seinen Glauben und von den Erfahrungen in seiner Heimat.
Sie leben in Ostasien und sind nun nach sieben Jahren wieder in Tannheim. Fällt es leicht, in die Heimat zurückzukehren? Gutheinz: Die 60er Jahre in Asien waren die Zeit des Lernens. In den 70er bin ich zwischen zwei Stühlen gesessen: zwischen östlicher und westlicher Welt. Am 25. November 1980 schenkte mir dann Gott eine große Gnade. Es war bei Exerzitien, dass sich beide Welten, China und Tirol, in eine Heimat verschmolzen, ohne ihre Eigenart zu verlieren. Jetzt steht das westliche Antlitz im Vordergrund und wenn ich am 20. April wieder in Taiwan bin, dann erlebe ich das gleiche Heimatgefühl, aber mit östlichem Antlitz. Wenn ich nach Tannheim komme, dann ist das nicht ein Heimkommen aus einem fremden Land, in die einzige Heimat. Sondern es ist ein Bleiben in der Heimat, aber ein Wechsel vom östlichem zum westlichen Antlitz. Beide sind verbunden in der Erfahrung des Zuhauseseins.
Aber Sie kommen ja nicht mehr in jenes Tirol, das sie vor sieben Jahren verlassen haben. Hat sich nicht etwas verändert? Gutheinz: Europa des Jahres 2001 ist zum Beispiel geprägt vom Tumult der Massenmedien, von internationaler Vernetzung durch das Internet, von Wirtschaftsexpansion und der Verflachung vieler Menschen durch eine Überdosis an Bildern. Ich meine, die vielen Bilder blockieren das stille und schöpferische Nachdenken. In dieser Welt fällt auf, dass die Kirche nicht mehr gleichzeitig ist mit dem, was in der Gesellschaft vor sich geht. Als komme die Kirche damit nicht ganz zu Rande.
Passt der christliche Glaube nicht mehr in das Jahr 2001, oder ist es eine Frage wie von ihm gesprochen wird? Gutheinz: Das Christentum hat nichts von seiner Kraft verloren und wird es nie verlieren! Es bleibt lebendig bis zum letzten Tag, weil es die Gemeinschaft um den auferstandenen Herrn ist. Und der Herr ist auferstanden. Das kann die ganze Welt nicht umbiegen und ungeschehen machen. Angerührt vom auferstandenen Herrn, hat diese Gemeinschaft immer die gleiche Vitalität.
Flexibilität und die Suche nach Stille
Die Kirche als sichtbares Zeichen der Bewegung um den Auferstandenen, die Kirche mit ihren Verwaltungsstrukturen, ihren Liturgien und Denkformen, hat offensichtlich Schwierigkeiten mit dem all dem Schnellen und Guten, das in der Zeit läuft, mit dieser Fexibilität und Unruhe. Aber auch mit der Sehnsucht nach Meditation und Stille kommt sie in ihrer Sprache und liturgischen Formen nicht ganz zu Rande. Wenn zum Beispiel ein 20-Jähriger, der den ganzen Tag am Computer arbeitet, zur Sonntagsmesse kommt – was sehr zu loben ist, dass er überhaupt kommt –, dann hört er in diesen 50 Minuten kaum ein Wort von jener Welt, in der er lebt. Er wird sich gelegentlich sagen: „Ja, wenn das so weitergeht, dann wird es ohne mich geschehen. Ich finde mich da nicht mehr Zuhause. Das ist nicht mehr meine geistige Heimat.“ Die Kirche muss im Gespräch mit jungen Menschen – und mit allen Altersstufen – Ausdrucksformen des Glaubens suchen. Damit die Welt des jungen Computerfachmannes auch eine mögliche Weise der Feier des religiösen Geheimnisses wird. Das fällt sehr stark auf, wenn man nach sieben Jahren zurückkommt. Aber die Kirche wird, weil das Christentum in ihr lebendig ist, ihre Formen finden. Viel pluraler, viel weltoffener als heute. Und die römisch-katholische Kirche wird etwas mehr vom Römischen abgeben müssen, um katholischer zu werden.
Sie meinen, die Menschen sind nicht weniger religiös geworden, sondern es mangle an Ausdrucksformen? Gutheinz: Die innerste Religiosität hat nicht viel gelitten. Denn die Religion gehört zum Wesen des Menschen. Wohl aber hat das gelitten, was diese innerste Religiosität zum Ausdruck bringt, sie sichtbar macht, oder in Symbolen gegenwärtig setzt. Darin liegt eines der großen Probleme der christlichen Kirchen.
Wie erklären Sie sich, dass in Ihrer östlichen Heimat sich immer mehr Menschen zum Christentum hingezogen fühlen, während in Ihrer westlichen Heimat dieser Gemeinschaft mehr und mehr den Rücken kehren? Gutheinz: Das hat natürlich auch einen geschichtlichen Hintergrund. Wenn eine neue Religion in einem Land Fuß fasst, dann packt das Jung und Alt, Mann und Frau in einer ersten Aufbruchsphase wie ein Lauffeuer. Die Kirchengeschichte sagt jedoch, dass das Christentum nicht nur Lauffeuer ist, sondern sich im Alltag bewähren muss.
Das Gefühl, langsam zur Maschine werden
Viele junge Menschen, die zum Beispiel in der Volksrepublik China in die Kirche kommen, das dürfen wir nicht leugnen, kommen auch deswegen, weil sie in ihr Geborgenheit erfahren in der Anonymität von 1,3 Milliarden Menschen. In dieser Vereinsamung der modernisierten technischen Welt, in dem Gefühl, langsam kühl, kalt und wie eine Maschine zu werden, kommen junge Menschen. Aber viele kommen auch aus echter religiöser Erfahrung. Hier im Westen ist die Situation ähnlich: Althergebrachtes zieht nicht mehr. Auch weil die Ausdrucksformen nicht mehr so stimmen. Wenn heute viele Christen, oft nur vorübergehend, in östlicher Meditation eine Antwort finden auf ein tiefes Bedürfnis, eine Sehnsucht nach Stille und Selbstfindung, dann auch deshalb, weil wir in unserer traditionellen christlichen Spiritualität diese Formen zwar kennen, aber nicht im Stande sind, sie zu vermitteln. Wogegen eine östliche Meditationsform unmittelbar anspricht, auch weil sie „neuartig“ ist. Und das entspricht dem modernen Menschen nach schnelllebigem Anderswerden. Neue Dinge müssen kommen. Wenn eine Sache ein Jahr dauert ist es schon langweilig. „Da scheibt sich nichts, gar nichts!“
Kann bei dieser Suche nach Ausdrucksformen auch der interreligiöse Dialog helfen? Gutheinz: Durch den interreligiösen Dialog, das Kennenlernen anderer Religionen und ihrer Gebetsformen, ergibt sich eine innere, größere Offenheit nicht nur für das Andere, sondern auch für das Eigene. Weil man zum Beispiel im Umgang mit östlichen Meditationsformen früher oder später wieder auf das Eigene zurückgeworfen wird. Dann erkennt man, dass in der eigenen Tradition vieles von dem, was so modern und neuartig erscheint, der Sache nach schon längst da war.Es kann ja auch gar nicht anders sein. Denn wo immer eine genuin autentische Religion in der Begegnung mit dem absoluten Geheimnis Menschen formt, dort werden wesentliche Grundzüge des Menschseins sichtbar. Gebetsformen, die sich fast gleich sind oder Haltungen des Körpers. Dazu gehören auch Musik und Texte, liturgische Texte wie wir sagen. Die Begegnung mit anderen Religionen und ihren Ausdrucksformen bereichert auch unser christliches Bewusstsein.
Sie gelten als Experte für den Dialog der Religionen in Asien. Welche Aufgabe sehen Sie dabei auf Europa zukommen? Gutheinz: Vor uns liegt die Begegnung mit dem Islam. Ein Drittel der Bevölkerung im Tiroler Außerfern sind heute Moslems. In die Zukunft gesehen heißt das, in der religiösen Sphäre wird sich einiges tun. Sogenannte Mitläuferchristen werden sich herausgefordert fühlen: Bleibe ich weiterhin Christ, werde ich Moslem, oder rücke ich als areligiöser Mensch an den Rand?
Die Sehnsucht nach dem absoluten Geheimnis
Weltweit gibt es nur wenige areligiöse Menschen. Man sieht das jetzt mit dem Aufbrechen der Religiosität in China und der Sehnsucht nach der Begegnung mit dem absoluten Geheimnis. Es ist unmenschlich, wenn eine Gesellschaft zu lange ohne Religion lebt. Da wird der Mensch ein Unmensch. Religion hält das Bewusstsein wach, dass der Mensch im größeren, umfassenderen Geheimnis lebt. Und sich deswegen auch beschränken muss. Er kann sich nicht wild ausleben, links und rechts andere umbringen, um selber zu existieren. Das ist ein Abfall vom Wesentlichen des Menschen – unmenschlich.
Welche Erfahung der letzten Monate ermutigt Sie? Gutheinz: Dass heute mehr Christen in den Pfarren das Leben engagiert mittragen als früher. Früher hat die ganze Gesellschaft durch das Brauchtum das pfarrliche Leben getragen. Der Einzelne musste sich nicht als aktiv mittragender Katholik profilieren. In den letzten Jahren wurde es offensichtlich, und Studien belegen das ja im Detail, dass die traditionelle Volksreligion nicht mehr die tragende Kraft ist. Jeder Einzelne muss sich früher oder später mit der Frage auseinandersetzen: Welcher Christ will ich sein? Will ich ein Mitläufer bleiben, dann falle ich langsam weg. Bleibe ich nur ein Weihnachts- und Osterchrist? Oder will ich den Glauben wirklich ernstnehmen?
Zur Person:
Gu Hansong
Es war 1961, als der Jesuit per Schiff nach Ostasien kam. Zunächst galt es auf Taiwan, in zwei Jahren die chinesische Sprache und Schrift zu erlernen. So wurde der am 12. November 1933 geborene Luis Gutheinz zu Gu Hansong. Der chinesische Name klingt zwar ähnlich dem deutschen, übersetzt heißt es allerdings „Tanne im Wintertal“ und entspricht der Verbundenheit mit seinem Geburtsort Tannheim. 1963 wechselte Gutheinz auf die Philippinen, das Exil der Theologischen Fakultät von Shanghai. 1968 nahm er seine Lehrtätigkeit in chinesischer Sprache auf. Daran schlossen die Jahre zwischen den Stühlen an, wie es heute der Professor für Dogmatik bezeichnet: vier Jahre Studium in Rom. 1974 nach Taiwan zurückgekehrt, erfolgte die Berufung an die Theologische Fakultät der katholischen Universität Fujen in Taipeh.
Seinem Traum wieder ein Stück näher gekommen ist Gu Hansong 1992. Seither darf er im kommunistischen China theologische Vorlesungen halten. In Zusammenarbeit mit Wissenschaftern verschiedener Richtungen und Religionen ist der Außerferner so tief in die chinesische Kultur und Denkwelt eingedrungen, dass von seiner Seite die wichtigsten, wegweisenden Beiträge zu einer neuen chinesischen Theologie vorliegen.
Hintergrund:
Leprahilfe in China
Jahrzehnte hat ein dichter Bambusvorhang die Volksrepublik China von der Außenwelt abgeschirmt. Jetzt wo sich dieser langsam hebt, wird ein menschliches Elend sichtbar. Die Zahl der im Reich der Mitte an Lepra Erkrankten wir auf rund 320.000 Menschen geschätzt. Der Großteil von ihnen lebt in abgeschiedenen und nahezu unzugänglichen Gebieten. Seit eine gewisse Öffnung intensivere Kontakte mit der chinesischen Gesellschaft erlaubt, besuchte P. Gutheinz mehrfach das südliche China, um nach Leprakranken zu suchen. Mittlerweile steht er mit 86 Lepradörfern in direktem Kontakt, in denen über 8000 Personen leben. Auf seine Vermittlung hin, und auf Einladung der chinesischen Behörden, sind bereits zwölf katholische Ordensfrauen in der Lepraarbeit tätig. Liu Dawen, ein Leprakranker, über die Tätigkeit von Schwestern in seinem Dorf: „Jetzt beginnt für uns ein neues Leben. Die Schwestern sind bei uns wie Emmanuel – Gott mit uns.“Um die Hilfe in China besser zu koordinieren, startete nach mehrjähriger Vorarbeit Luis Gutheinz am 9. Dezember 2000 den China Leprosendienst. Darin arbeiten Initiativen von Macao, Hongkong und Taiwan zusammen.