Alle christlichen Kirchen feiern in diesem Jahr das Fest der Erlösung. Mehr als nur das größte Fest für die Familie sind die Kar- und Ostertage für orthodoxe Christen: die Freude über die Auferstehung beherrscht das Lebensgefühl.
Ostern wird bei den Christen des Ostens nicht nur kirchlich, sondern gerade in der Volksfrömmigkeit als Höhepunkt des Jahres gefeiert. Wärme und Innigkeit, die in der abendländischen Kirche mitten im sonnenarmen Winter die Geburt Christi zum Lichter- und Familienfest der „Weihnacht“ macht, umgibt bei den Orthodoxen das Osterfest. Dies gilt vor allem dort, wo das Fest der Auferstehung mit dem Frühlingserwachen in der Natur zusammenfällt. Während der slawische und gerade russische Osten fast immer „Ostern im Schnee“ feiern muss, trifft für die Griechen das Wort aus einer Osterpredigt des Amphilochios zu: „Vorbei ist das finstere Dunkel des Winters!“So kann der Palmsonntag schon mit richtiger Blütenpracht begangen werden: Zweige von Palmen, Lorbeer, Myrten und Lavendel werden in den Kirchen geweiht. Zu Hause werden mit ihnen die Ikonen geschmückt.
Mittwoch: Tag der Salbung
Die Karwoche beginnt noch am Sonntag mit dem Abendgottesdienst vom „Bräutigam“. Die Hymnen besingen das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen. Diese Zeremonie wird am Montag wiederholt. Am Dienstag Abend singen die Kirchenchöre einen ebenso langen wie ergreifenden Bußhymnus der byzantinischen Prinzessin Kassiani. Durch Fasten bei Wasser, Brot und etwas Gemüse bereiten sich orthodoxe Gläubige auf den Empfang des Sakramentes der „Krankensalbung“ am Mittwoch vor. Diese wird bei den Ostchristen nicht nur Kranken oder gar Sterbenden gespendet. Als eine Art „Generalabsolution“ zur Sündenvergebung ersetzt das Sakrament in der Praxis weitgehend die westliche Osterbeichte.
Gründonnerstag: Eier färben
Der Gründonnerstag ist darauf der Tag der Osterkommunion, nachdem sich die Familienmitglieder auch gegenseitig ihre Verfehlungen bekannt und um ihre Vergebung gebeten haben. Der Angesprochene antwortet darauf: „Es sei dir verziehen!“Am Gedenktag des letzten Abendmahls beginnt aber auch die Osterbäckerei. Sie entspricht ganz den Weihnachtsvorbereitungen im Westen. Abgesehen vom Osterbrot mit einem harten Ei in der Mitte, dem Tsoureki, werden alle Arten von kleinerem Gebäck bereitet. Dazu kommt natürlich das Färben der Ostereier, dabei wird Rot bevorzugt. Denn nach einer Legende war es das erste Wunder des Auferstandenen, weiße Eier gerötet zu haben. Ebenso gilt es das Osterlamm anzurichten. Im Gottesdienst am Gründonnerstag werden die zwölf Passionspassagen aus den Evangelien verlesen.
Karfreitag: das Grabtuch
Zum Gedenken an den Kreuzestod ruht am Karfreitag der gesamte Haushalt. Nichts darf gekocht werden, die Erwachsenen fasten völlig. Nur für die Kinder und Alten gibt es eine vorausgekochte Suppe, kalte Kartoffeln und Tomaten. In allen Kirchen ist ein „Heiliges Grab“ bereitet. Unter einem Baldachin liegt das bestickte Grabtuch, das mit Blumen übersät und duftenden Essenzen besprengt ist. Junge Mädchen eilen von Gotteshaus zu Gotteshaus: Je mehr dieser „Grabtücher“ sie verehren, desto besser und schneller kommen sie nach dem Volksglauben unter die Haube. Zur Todesstunde Jesu wird dann das Grabtuch in einer Prozession durch die Straßen der ganzen Pfarre geführt. Am Abend folgt einer der schönsten Karwochengottesdienste mit den vielen Strophen der „Marienklage“ am Grab Christi. Die sind so volkstümlich, dass sie das ganze Volk – Kerzen in der Hand – auswendig mitsingt.
Osterlicht und Siegesruf
Der Karsamstag bringt liturgische Ruhe und damit Gelegenheit zu den letzten häuslichen Ostervorbereitungen. Zu diesen gehört die „Magheiritsa“, eine kräftig gewürzte Suppe, die in Griechenland mit den Innereien des Osterlammes hergestellt wird. Diese steht schon warmgehalten am Herd, wenn die Familie gegen Mitternacht zur Auferstehungsfeier geht. In der verdunkelten Kirche ertönt der Siegesruf „Christus ist auferstanden!“. Der bleibt dann auch im Alltag durch Tage die bevorzugte Grußformel, wobei der Angeredete antwortet: „Er ist in Wahrheit auferstanden!“ Aus den Kirchen tragen die Menschen das Osterlicht nach Hause. Die ohnedies schon lichte Frühlingsnacht wird von unzähligen kleinen Feuerpunkten erhellt.Wenn dieses Osterlicht in der Ikonenenecke brennt – es soll bis Christi Himmelfahrt nicht verlöschen – setzen sich alle zu Tisch und beginnen mit dem Eierpecken. Wessen Ei unversehrt bleibt, bekommt den ersten und größten Teller der Ostersuppe.
Vesper der Liebe
Der Ostersonntag wird im Grünen oder im Garten verbracht. Das Osterlamm dreht sich am Spieß. Dazu gibt es dann Kuchen, Eier und Wein. Gegen Abend enden die griechischen Ostern wieder in der Kirche bei der „Vesper der Liebe“: Bei ihr wird das Osterevangelium in möglichst vielen Sprachen verkündet, wobei heute in Griechenland neben Englisch und Russisch meist auch Deutsch zu hören ist.