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Im Land des Erlösers

Die Erdbebenkatastrophe überschattet das Osterfest in El Salvador
Ausgabe: 2001/15, Ostern, El Salvador, Erdbeben,
10.04.2001
- Martin Maier SJ
Es ist wie ein Zeichen der Auferstehung. In dem fast völlig zerstörten Ort haben die Überlebenden der schweren Erdbeben ein Spruchband aufgespannt: Armenia vive – Armenia lebt!

Teresa Pérez arbeitet als Verkäuferin auf dem Markt von Santa Tecla, einem Vorort der Hauptstadt San Salvador. Mit ihren fünf Kindern bewohnte sie ein einfaches Haus im Viertel Las Colinas, unten am Hang der „Balsamo-Kordillere“. Wie gewohnt, stand sie am 13. Jänner um fünf Uhr auf, noch vor Sonnenaufgang. Ihre Kinder im Alter zwischen drei und zwölf Jahren mussten versorgt werden. Ihr Mann hatte sie vor zwei Jahren verlassen. Teresa machte Feuer, wärmte Kaffee auf und bereitete Maistortillas mit roten Bohnen zu. Nach dem Frühstück ermahnte die Mutter ihre Kinder, dass sie sich vertragen sollten, und schloss die fünf in das Haus ein. Man wusste ja nie, auf welche Ideen Kinder kommen. Bei der beängstigenden Kriminalität war das Haus so auch vor Einbrechern sicher. Zum Mittagessen würde sie ohnedies wieder zurück sein.

Die Sonne verdunkelte sich

Es war ein ganz normaler, sonniger Samstagmorgen. Doch kurz nach halb zwölf begann die Erde so stark zu beben, wie schon lange nicht mehr in El Salvador. Teresa hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Auf dem Markt entstand ein riesiges Durcheinander. Menschen und Tiere schrien. Die Stände fielen in sich zusammen. Alles war nur noch ein Chaos. Die 40 Sekunden, in denen die Erde bebte, wirkten wie eine Ewigkeit.
Als sich die Erde wieder beruhigt hatte, stieg in Richtung der Balsamo-Kordillere eine riesige Staubwolke auf. Was war geschehen? Teresa dachte an ihre Kinder und ließ alles stehen und liegen.

Der Teer auf den Straßen hatte tiefe Risse. Der Verkehr war zum Erliegen gekommen. Sie rannte an zerstörten Häusern vorbei, hörte das Schreien der Verletzten. Immer hatte sie die riesige Staubwolke vor sich, die die Sonne verdunkelte. Als sie sich Las Colinas näherte, bestätigten sich ihre schlimmen Vorahnungen. Von den Hügeln hatte sich eine Erdlawine gelöst und die Häuser unter sich begraben. Sie konnte sich kaum mehr orientieren. Doch es war klar, dass auch ihr Haus unter der vier Meter dicken Erdschicht begraben war.
Die Überlebenden standen unter Schock. Einige begannen mit bloßen Händen in der Erde zu graben. Auch Teresa begann dort zu graben, wo sie ihr Haus und ihre Kinder vermutete. Doch schon bald wurde die Erdschicht so kompakt, dass kein Weiterkommen mehr möglich war. Obwohl in El Salvador im Abstand von zehn bis 15 Jahren mit schweren Erdbeben zu rechnen ist, traf diese Katastrophe das Land völlig unvorbereitet. Es gab kein Bergungsgerät für die Verschütteten. Die ersten Suchhunde kamen nach über 24 Stunden erst mit einem Hilfsteam aus Mexiko.

Wie ein Röntgenbild

Für die Kinder von Teresa Pérez, wie für über 700 weitere Bewohner von Las Colinas, war es zu spät. Nach zwei Tagen wurden die Leichen geborgen. Teresa zerriss es fast das Herz, als sie ihre Kinder identifizierte und die fünf kleinen Särge in ein gemeinsames Grab gesenkt wurden. Der salvadorianische Theologe Jon Sobrino verglich das Erdbeben mit einer Röntgenaufnahme vom wahren Zustand des Landes. Viele Fassaden, die gebaut worden waren, um Ungerechtigkeit und Elend zu verdecken, stürzten in sich zusammen. Noch immer ist es so, dass mehr als die Hälfte der sechs Millionen Einwohner in extremer Armut lebt. Sie sind es, die unter den Folgen des Erdbebens am meisten zu leiden haben. Denn die Reichen können sich erdbebensichere Häuser aus Stahlbeton leisten. Die Hütten der Armen dagegen stürzen schon bei der leichtesten Erschütterung in sich zusammen. So verglich Erzbischof Sáenz Lacalle die Armut mit einem ständigen Erdbeben.

Inmitten von Ruinen

Wie kann Teresa Pérez in diesem Jahr Ostern feiern? Wie können Tausende Familien Ostern feiern, die bei den Erdbeben Angehörige verloren haben? Was bedeutet die Osterbotschaft für die Hunderttausende, die ihr Dach über dem Kopf verloren haben? Die Katastrophe dieses Jahres reiht sich ein in die lange Geschichte von Tragödien. Von 1980 bis 1992 wurde das Land von einem Bürgerkrieg zerrissen, dessen Wunden bis heute nicht geheilt sind. Seine Ursache war die extreme soziale Ungerechtigkeit.
1998 wurden Teile des Landes vom Wirbelsturm Mitch verwüstet. So ist es kein Wunder, dass in dem kleinen mittelamerikanischen Land, dem „Land des Erlösers“ (El Salvador), der Karfreitag die größte Bedeutung hat. Die Menschen bringen ihr Leid mit dem Leiden Christi in Verbindung. Der Schmerzensmann ist ihnen in ihrem Schmerz verbunden und nahe. In den Pfarreien wird der Kreuzweg Jesu sehr realistisch nachempfunden. Erzbischof Oscar Romero, der am 24. März 1980 wegen seines prophetischen Eintretens für die Armen am Altar erschossen wurde, sah im Leiden seines Volkes den leidenden Gottesknecht des Propheten Jesaja und das Kreuz Jesu. Er bezeichnete sein unterdrücktes und geschundenes Volk als „gekreuzigtes Volk“.

Obdachlosigkeit aufgrund von Armut und Verfolgung war in Romeros Jahren traurige Wirklichkeit. In einer Predigt sagte er über jene, die im Freien schlafen müssen, weil sie kein Haus haben: „Hier ist Christus mit seinem Kreuz auf den Schultern gegenwärtig, nicht in der Kreuzwegmeditation in einer Kapelle, sondern lebendig im Volk; es ist Christus mit seinem Kreuz auf dem Weg zum Kalvarienberg.“ Worte, die nach dem Erdbeben in einer neuen Weise aktuell geworden sind.

Hoffnung am Leben halten

Erzbischof Romero, für den ein Seligsprechungsverfahren im Gang ist, wird von vielen schon als Heiliger verehrt. Den Armen vermittelt er bis heute Hoffnung. Seine Haltung war dabei nicht die der Beschwichtigung nach dem Motto: „Es wird schon alles gut ausgehen.“ Mit dem Apostel Paulus übte er sich in der „Hoffnung wider alle Hoffnung“. Eine wesentliche, wenn nicht die zentrale Aufgabe der Kirche sah er darin, inmitten der Schwierigkeiten die Hoffnung am Leben zu halten. Er nannte es einmal „den Ruhm der Kirche von San Salvador, dass sie in dieser Stunde die Hoffnung aufrechterhalten hat“.Immer wieder wandte sich der Erzbischof gegen die Pessimisten, die alles verloren sahen und die Geschichte des Landes in einer Sackgasse. „Voller Hoffnung und Glaube, und zwar nicht nur eines in Gott, sondern auch in den Menschen begründeten Glaubens, sage ich: Doch, es gibt einen Ausweg, aber die Auswege dürfen nicht verschlossen werden.“

Zeichen der Auferstehung

Die Hoffnung Romeros gründete sich auf den auferstandenen Herrn, „der das Siegeslied über alle Unterdrückungen der Erde singt“. Er bezog sich wiederholt auf das im Volk sehr beliebte Lied: „Ich glaube fest daran, dass sich alles ändern wird.“ Und einer seiner wohl bekanntesten Hoffnungssätze lautet: „Über diesen Ruinen wird die Herrlichkeit des Herrn aufleuchten.“Die Hoffnung und der Lebensmut der Salvadoreños wurde durch ein weiteres schweres Erdbeben am 13. Februar erneut erschüttert. Wochenlang trauten sie sich nicht mehr in ihren Häusern zu schlafen. Doch inmitten von Angst und Zerstörung haben sich auch Keime der Hoffnung gezeigt.
Bewegend war die Solidarität, die Arme untereinander übten. Eine Gemeinde, vor zwei Jahren besonders stark vom Wirbelsturm Mitch betroffen und jetzt vom Schlimmsten verschont, sammelte Nahrungsmittel. Ein Zeichen der Hoffnung war auch die internationale Hilfe. Dass ausländische Hilfsteams kamen, zeigte, dass El Salvador nicht völlig vom Rest der Welt vergessen war. Zeichen von Auferstehung war das Spruchband, das die Überlebenden in dem fast völlig zerstörten Ort Armenia aufgespannt hatten. Darauf stand in großen Buchstaben: „Armenia vive – Armenia lebt!“ Eine Familie, die alles verloren hatte, lud einen Besucher mit der sprichwörtlichen salvadorianischen Gastfreundschaft ein, zumindest unter den Plastikplanen Platz zu nehmen, die sie aufgespannt hatten. Was das Erdbeben nicht zu zerstören vermocht hatte, war die tiefe Herzlichkeit der einfachen Menschen.

Lebendige Kirche

In Santa Tecla blieb von der Kirche „El Carmen“ nur noch ein Trümmerhaufen übrig. Am Sonntag nach dem Beben versammelte sich die Gemeinde zum Gottesdienst unter freiem Himmel. Der Pfarrer P. Salvador Carranza SJ widersprach in seiner Predigt den religiösen Fanatikern, die das Erdbeben als Strafe Gottes bezeichneten. Er erinnerte an die Erscheinung Gottes, die dem Propheten Elija am Berg Horeb zuteil wurde. Gott war nicht im Erdbeben und auch nicht im Sturm oder im Feuer. Er offenbarte sich Elija im sanften, leisen Säuseln. Am Ende seiner Predigt sagte Pfarrer Carranza in österlicher Zuversicht: „Immer wieder habe ich von euch den Satz gehört: ,Unsere Kirche ist zerstört.‘ Ich möchte euch sagen: Unser Kirchengebäude wurde zerstört, nicht aber die Kirche. Die Kirche sind wir selber. Auf uns kommt es an, sie lebendig zu erhalten.“
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