Die zumutbare und erlösende Wahrheit des Karfreitags
Für evangelische Christen ist der Karfreitag ein „Feiertag“. Was sagt das?
Ausgabe: 2001/15, Karfreitag, Ostern,
10.04.2001
Für evangelische Christen ist der Karfreitag der höchste Feiertag im Kirchenjahr, heißt es oft. Ob das so ist und welche Bedeutung der Karfreitag hat, fragten wir Klaus Schacht.
In ihrer Rede vor Blinden „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ sagte die Dichterin Ingeborg Bachmann: „Es kann nicht die Aufgabe des Schriftstellers sein, den Schmerz zu leugnen, seine Spuren zu verwischen, über ihn hinwegzutäuschen. Er muss ihn, im Gegenteil, wahrhaben und noch einmal, damit wir sehen können, wahr machen. Denn wir wollen alle sehend werden. Der Schmerz macht uns für die Erfahrung empfindlich und insbesondere für die Wahrheit.“
Eine harte Anklage
Wenn die besondere Beachtung des Karfreitags in den evangelischen Kirchen mehr sein soll als eine unbedacht fortgesetzte Tradition, dann muss auch sie etwas zu tun haben mit dem illusionslosen Erkennen der Wahrheit über den Menschen und die Welt – und das kann weh tun. In dem, was die Bibel über den Tod Jesu berichtet, hält sie der ganzen Welt einen Spiegel vor. Sie lässt erkennen, was alles an Niedertracht und Gemeinheit unter Menschen möglich ist. Dies zu wissen, ist keine evangelische Spezialität. Schon typischer evangelisch ist es vielleicht, dass das schonungslose Aufdecken peinlicher Wahrheiten grundsätzlich auch vor der Kirche nicht Halt macht. Auch sie ist unvollkommenes Menschenwerk. Aber andererseits: Es war der katholische Moraltheologe Günther Virt, der vor sechs Jahren folgenden Satz gesagt hat – der Satz stand in der Kirchenzeitung und ich habe ihn mir ausgeschnitten und aufgehoben: „Die Kirche ist jene Organisation, die den Mut hat, die Anklageschrift gegen sich selbst Sonntag für Sonntag zu verlesen, nämlich das Evangelium.“ Insbesondere die Erinnerung an das sinnlose Sterben dessen, „der keine Sünde kannte“, ist für den, der der Wahrheit nicht ausweicht, eine Anklage. Wie schaut unser Leben aus – und hätten wir damals nicht auch zumindest zu den Jüngern gezählt, die davongelaufen sind?
Gottes einmaliges „Opfer“
Darum war es das besondere Anliegen der Reformation, von dieser Wahrheit nichts zuzudecken durch Hervorstreichen menschlicher (kirchlicher) Verdienste. Gott allein gebührt der Dank, dass er sich uns durch Jesus als Vater und Versöhner offenbart. Darum auch die scharfe Ablehnung des Gedankens, die einmalige Lebenshingabe Jesu müsse durch das von der Kirche dargebrachte Mess-Opfer wiederholt oder gar ergänzt werden. Evangelische stimmen zu, wenn etwa im 4. Hochgebet der (katholischen) Messe Leib und Blut Christi als die Opfergabe bezeichnet sind, die „Gott selbst seiner Kirche bereitet hat“. Sie spüren aber eine Spannung zu ihrer Hochschätzung des Karfreitags, wenn im nächsten Satz doch die Feiernden selbst es sind, die nun „das Opfer darbringen“. Umso wichtiger halte ich die zentrale Aussage der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ der katholischen Kirche und des lutherischen Weltbundes (31. 10. 1999), die auch als Bekräftigung der Bedeutung des Karfreitags gesehen werden kann: „Gemeinsam bekennen wir: Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht aufgrund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen und empfangen den Heilgen Geist, der unsere Herzen erneuert und uns befähigt und aufruft zu guten Werken.“
Der „größte“ Feiertag
Das Evangelium ist eine Anklage, es bedeutet schonungsloses Aufdecken und Betrauern des menschlichen Versagens – aber es bedeutet noch viel mehr, eben: Erneuerung, Befähigung, Aufruf. Darum reizt es mich zum Widerspruch, wenn behauptet wird, der Karfreitag sei der „größte“ Feiertag der Evangelischen. Der Eindruck mag dadurch entstanden sein, dass einst bei der Erhebung des 8. Dezember (Mariä Unbefleckte Empfängnis) zum arbeitsfreien Feiertag der österreichische Nationalrat auch den Evangelischen eine Freude machen wollte. Für die musste es natürlich ein Christus-Fest sein. Da außer dem Karfreitag alle größeren Christus-Feste schon Feiertage waren, wurde dieser zum „eigenen“ arbeitsfreien Feiertag der Evangelischen.
Ostern als Schlüssel
Das ändert aber nichts daran, dass auch für die Evangelischen wie für die gesamte Christenheit von allem Anfang an Ostern das größte Fest ist. Es ist ja kein Zufall, dass aus der Reformationszeit (abgesehen von Nachdichtungen lateinischer Gesänge des Mittelalters) keine Passionslieder überliefert sind. Auch Luther hat das Gedächtnis des Kreuzestodes Jesu in seine Osterlieder eingefügt. Und schon im Neuen Testament sind die verschiedenen Bilder, durch die dem an sich sinnlosen Tod Jesu sein tiefer Sinn zugeschrieben wird, nur möglich auf Grund der Erfahrung: Der Gekreuzigte ist und bleibt für seine Jünger der lebendige Herr, „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“. Das gilt für das bekannte, für uns schwer zugängliche Bild aus dem aus dem jüdisch-kultischen Bereich (Jesus das geopferte Lamm);
es gilt für das Bild aus dem wirtschaftlich-sozialen Bereich (Jesus als Kaufpreis zum Freikauf der unter die Sünde Versklavten); es gilt für das Bild aus dem politisch-militärischen Bereich (Jesus als Sieger über die Verderbensmächte und Begründer eines Friedensreiches) usw. Alle diese Bilder konnten nur erdacht werden und können nur ausgelegt werden von Ostern aus: Was Jesus gebracht hat, wurde vom Kreuz nicht ausgelöscht, sondern bestätigt.Karfreitag und Kreuz sind für sich genommen traurige, aber nötige Wahrheit. Aber erst von Ostern her wird klar: Die Anklage und das Einbekennen der Wahrheit wird der Durchgang zu Freispruch und Neubeginn.
Mag. Klaus Schacht ist Fachinspektor für evangel. Religionsunterricht an den Pflichtschulen in Oberösterreich.