Wortlaut der Presseerklärungen der Frühjahrsvollversammlung der Österreichischen Bischofskonferenz von 3. bis 5. April in Mariazell
Ausgabe: 2001/15, Erklärung, Bischofskonferenz
10.04.2001
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Jahr der Berufung
Sinnvoll leben. Berufen. Engagiert. Unter diesem Motto steht das"Jahr der Berufung", zu dem die katholische Kirche in Österreich 2002einlädt. Dieses Jahr soll eine Stärkung und Ermutigung für alleGetauften sein, die sich in Pfarren und Gemeinschaften, in Orden undKlöstern, in Familien oder als Alleinlebende, im privaten wie imöffentlichen Bereich als Christen engagieren. Sie alle sind"Berufene". Besonders soll im "Jahr der Berufung" ein Klima gefördertwerden, in dem geistliche Berufungen wachsen können. Österreichbraucht dringend mehr Priester, Diakone, Ordensfrauen undOrdensmänner. Ihr Dasein und ihr Dienst sind unverzichtbar.
In einer Zeit der Sinnkrise sind getaufte und gefirmte Christengefragt, die den Weg der Nachfolge Christi gehen, einen Weg, der Sinnvermittelt und das Leben lebens-wert macht. Mit dem "Jahr derBerufung" wird die breite Palette christlicher Berufung sichtbargemacht. Die Freude über die Vielfalt der Begabungen und Berufungensoll zum Ausdruck gebracht werden.
Kirche kann dort etwas bewirken, wo Menschen sich engagieren. DiesesJahr soll daher auch ein Anstoß sein, dass Menschen erfahren: Ichwerde von der Kirche geschätzt, ich bin ein wichtiger und notwendigerTeil der Kirche, ich bin von Gott gerufen.
Es geht um die Antwort auf diesen Ruf Gottes. Im "Jahr der Berufung"soll auf besondere Weise ein christliches Selbstverständnis gefördertwerden, das die Menschen befähigt, auf die Stimme Gottes in unsererZeit zu hören, ihre jeweilige Berufung zu erkennen und in ihrenunterschiedlichen Lebensbereichen zu verwirklichen.
Bereits jetzt gibt es eine Fülle von Initiativen für das "Jahr derBerufung", die in allen Diözesen den Menschen helfen sollen, sichselbst zu finden und ihre besondere Berufung zu erkennen.
Europa
Die österreichischen katholischen Bischöfe treten dafür ein, dassÖsterreich seine Aufgabe im Hinblick auf die Ost-Erweiterung derEuropäischen Union mit größerer Entschiedenheit wahrnimmt. Bei dieserErweiterung geht es - wie Papst Johannes Paul II. bei seinerEuropa-Rede 1998 in Wien formuliert hat - um die "Europäisierung" derUnion. Denn Europa ist größer als die Gemeinschaft der 15. Es istaber auch größer als die Union, wie sie sich nach dem Beitritt derKandidatenländer präsentieren wird. Von besonderer Bedeutung istdabei die Achtung der Religions- und Gewissensfreiheit durch alleeuropäischen Staaten, insbesondere auch die alten und neuenMitgliedsländer der Europäischen Union. Dieses Grundrecht ist einsensibler Indikator dafür, wie die Menschenrechte insgesamt geachtetwerden.
Die europäische Einigung darf nicht als bloß wirtschaftlicher Vorgangmissverstanden werden. Es handelt sich vor allem auch um einengeistig-kulturellen Vorgang, um die Wiederentdeckung der gemeinsamenreligiösen Wurzeln des Kontinents. Europa muß seine christlichenWurzeln wiederentdecken - wobei ebenso die Beiträge der jüdischen undder islamischen Tradition, aber auch das humanistische Erbe zubeachten sind. Es geht nicht darum, Europa eine Seele zu geben,sondern die vorhandene, aber mitunter in Vergessenheit geratene SeeleEuropas wiederzuentdecken.
Europa muß mit seinen beiden Lungenflügeln - dem westlichen und demöstlichen - atmen, um seiner Geschichte und seiner Zukunft gerecht zuwerden. Österreich als einem Land an der Nahtstelle zwischen Nord undSüd, Ost und West kommt dabei eine besondere Aufgabe zu. Erst jüngstist diese Rolle unseres Landes bei einer großen internationalenKonferenz in Wien über den Beitrag der katholischen Kirche fürFrieden und Versöhnung in Südosteuropa deutlich in Erinnerung gerufenworden.
Die österreichischen Bischöfe setzen sich daher für alle Initiativenein, die dem Miteinander in Europa - über alle nationalen,konfessionellen und religiösen Grenzen hinweg - dienen. Sie erhoffenaber auch von den politischen und gesellschaftlichen Kräften, dassdiese der Mitarbeit an der weitergehenden Einigung Europas vorrangigeBedeutung einräumen.
Heiliges Land
Die österreichischen Bischöfe verfolgen mit tiefer Anteilnahme dieVorgänge im Heiligen Land. Sie schließen sich den FriedensappellenPapst Johannes Pauls II. und der Oberhäupter der christlichen Kirchenin Jerusalem an.
Während die Christen in Österreich Ostern feiern, herrscht imHeiligen Land ein Karfreitag ohne Ende. Die österreichischen Bischöfesolidarisieren sich insbesondere auch mit den Christen des HeiligenLandes, die durch die gewalttätigen Auseinandersetzungen, dasAusbleiben der Pilgerströme und die steigende Arbeitslosigkeitbesonders betroffen sind. Die Christen des Heiligen Landes sind dielebenden Zeugen des Evangeliums im Land Jesu. Die Christen in anderenLändern dürfen nicht gleichgültig bleiben, wenn ihre Brüder undSchwestern im Heiligen Land leiden.
Die österreichischen Bischöfe appellieren daher an die Katholiken,sich heuer in besonderer Weise an der Karfreitagskollekte - derenErgebnis für die Christen im Heiligen Land bestimmt ist - zubeteiligen. Ebenso mögen die Gläubigen die Spendenaktion derösterreichischen Statthalterei des "Ritterordens vom Heiligen Grab zuJerusalem" zu Ostern unterstützen.
Landwirtschaftskrise
Die BSE-Krise, der Schweinemastskandal und die Maul- und Klauenseuchehaben viele Menschen verunsichert, weil es um die tägliche Nahrunggeht. Nicht wenige Landwirte sehen sich in ihrer Existenz bedroht.Die österreichischen Bischöfe rufen einige ethische Grundsätze inErinnerung, die aus der Verpflichtung der Christen zur "Bewahrung derSchöpfung" resultieren.
Tiere sind lebendige Geschöpfe Gottes und sollen von den Menschen alssolche betrachtet, behandelt und beschützt werden.
Angesichts gewisser Übertreibungen und im Hinblick auf die jetzigeKrise möchten wir festhalten: Tiere dürfen als Nahrung für dieMenschen verwendet werden, manchmal fordert es auch der Schutz derMenschen, sie zu töten. Falsch ist es aber,· Tiere wie totes Material zu behandeln; · Tiere willkürlich undgrausam umzubringen; · Tiere in einer nicht artgerechten Weise zuhalten; · Tiere zu züchten und zu verändern als wären sie Maschinen,deren Produktion sich nur nach wirtschaftlich-technischen Kriterienzu richten hat.
Die jetzige Krise hat viele Ursachen: Die Verbraucher verlangten nachimmer mehr und immer billigerem Fleisch, die Produzenten und ihreHelfer aus dem Bereich von Biologie und Chemie wollten den Bedarfdecken und den Gewinn steigern, Politiker erkannten nichtrechtzeitig, wo Grenzen notwendig sind.
Natürlich dürfen und müssen sich Betriebe auch am Gewinn orientieren,dürfen Wissenschaftler forschen und sollen die Politiker nichtmeinen, sie müssten alles und jedes regeln. Andererseits muss maneinräumen: Maßlosigkeit im Streben nach Gewinn und Vorteil, das keineanderen Gesichtspunkte zulassen will, hat uns in die heutigeSituation gebracht.
Es bedarf der Umkehr, und diese bedeutet: Auch das berechtigteStreben nach Gewinn und Verbesserungen der Produktion muss höhereWerte und damit auch Grenzen anerkennen. Die Bischöfe danken jenenfür die Landwirtschaft Tätigen, die die Ordnung der lebendigen Naturachten und mit ihr, nicht gegen sie leben. Ein Ziel der Politik undaller Verantwortlichen muss eine nachhaltige Landwirtschaft sein undnicht Effizienz und Gewinn um jeden Preis.
Sonntag
Die Österreichische Bischofskonferenz begrüßt das Entstehen einerbundesweiten "Allianz für den freien Sonntag". Der LinzerDiözesanbischof Maximilian Aichern wird die katholische Kircheoffiziell in der "Allianz" vertreten.
Bischof Aichern berichtete in der Frühjahrsvollversammlung über diebereits jetzt - vor der offiziellen Gründung der österreichweiten"Allianz" - gesetzten Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung für denfreien Sonntag. U.a. ist eine Plakatserie in Ausarbeitung, die vomGottesdienst bis zum Sport sechs Sonntags-Themen umfasst. DiesePlakate werden sowohl in den Schaukästen der Pfarrgemeinden als auchauf den Anschlagtafeln der Betriebsräte in ganz Österreich affichiertwerden.
Ökumenisches Sozialwort
Die österreichischen Bischöfe begrüssen die Arbeit am ÖkumenischenSozialwort. Diözesanbischof Maximilian Aichern berichtete in derFrühjahrsvollversammlung, dass im Rahmen der Standortbestimmungbisher mehr als 500 Berichte über soziale Initiativen in denMitgliedskirchen des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreicheingelangt sind. Von besonderer Bedeutung sei dabei, dass sich auchdie Kirchen der östlichen Tradition intensiv an diesem Vorgang dersozialen Standortbestimmung beteiligen. Die aktuelle Liste derEinsendungen wird im Internet unter www.sozialwort.at präsentiert.
Die Standortbestimmung bildet die Grundlage für den Sozialbericht derchristlichen Kirchen in Österreich, der sich in Ausarbeitungbefindet. Bereits jetzt werde dabei deutlich, so Bischof Aichern,dass in den Pfarrgemeinden sehr viel soziale Arbeit geschieht. DieUnterstützung dieser ehrenamtlich geleisteten Arbeit sei sehrwichtig.Der Sozialbericht wird am 12. September in Wien präsentiert werden.
Studiengebühren
Die österreichischen Bischöfe sind in Sorge über die unklare Regelungder Studiengebühren für Studenten aus Entwicklungsländern undReformstaaten. Nach wie vor besteht Unsicherheit, ob diese Studentenab Herbst 2001 Studiengebühren leisten müssen oder nicht.
Daß Studenten aus Ländern des "Südens" in ÖsterreichStudienmöglichkeiten finden, gehört zum Auftrag unserer Heimat in derzunehmend einswerdenden Welt. Darüberhinaus ist es für Österreich vonVorteil, wenn Angehörige der künftigen Eliten in denEntwicklungsländern hier ihre Ausbildung absolvieren können. JungeMenschen aus Entwicklungsländern zu Studiengebühren zu verpflichten,würde die Entwicklungshilfeleistungen Österreichs mindern und dieaußen- und bildungspolitische Reputation des Landes schwächen.
Die Österreichische Bischofskonferenz weist auf die von mehrerenkirchlichen Einrichtungen - u.a. Afro-Asiatische Institute, Caritas,Katholische Frauenbewegung, Missio-Austria usw. - geäußerten Bedenkenhin und tritt dafür ein, dass Studierende aus Entwicklungsländern vonStudiengebühren befreit bleiben.
Jugend
Der "Dialog X" hat - mit den Veranstaltungen im Oktober 1999 und imOktober 2000 in Salzburg - zu einer österreichweiten elektronischenVernetzung kirchlicher Jugendgruppen in Österreich geführt, teilte"Jugend-Bischof" Paul Iby bei der Frühjahrsvollversammlung mit.
Im Rahmen des "Dialog X" ist eine Reihe von Veranstaltungen inVorbereitung:
2.-4. Juni 2001, Pfingsten, Jugendbegegnung mit voraussichtlich 3.500Teilnehmern in Innsbruck 13.-14. April 2002, "Nightwatch", an 10-15 Orten in Österreichtreffen Jugendliche zusammen, um aus der Fülle der spirituellenTraditionen den Glauben an Gott zu feiern. Motto: "Eine Zeit zumBeten, (k)eine Zeit zum Schlafen". 7.-9. Juni 2002, "72 Stunden ohne Kompromiss", Jugendliche arbeitenan verschiedenen Orten an sozial-karitativen Projekten. DieseInitiative möchte erreichen, dass Jugendliche in Gruppen gemeinsamtätig werden, um Nächstenliebe konkret - auch im sozialen undgesellschaftspolitischen Bereich - zu verwirklichen.