Der Verein „Ketani“ verleiht den Roma und Sinti eine Stimme
Ausgabe: 2001/15, Ketani, Verein , Roma, Sinti, Ravensbrück,
10.04.2001
- Judith Moser
Seit drei Jahren arbeitet der Verein „Ketani“ gegen Vorurteile gegenüber Roma und Sinti. Fertig ist er mit diesem Anliegen noch lange nicht.
Wenn eine Zeitung vor einem „Tross von französischen Roma und Sinti“ warnt, der durch Oberösterreich ziehen soll, fühlt sich das für Rosa Martl an „wie lauter kleine Nadelstiche“. Tatsächlich war diese „Warnung“ vor zwei Wochen in den „Oberösterreichischen Nachrichten“ zu lesen.Beinahe täglich werden mit unbedachten Meldungen wie dieser Vorurteile gegenüber den Volksgruppen der Sinti und Roma wieder und wieder verbreitet. Für Rosa Martl ist das der Hinweis, dass sie mit ihrer Arbeit nie fertig sein wird.
Kampf für die Mutter
Die Mutter von Frau Martl, Rosa Winter, wurde als Angehörige der Sinti von den Nationalsozialisten ins KZ Ravensbrück gebracht. Rosa Martl hat sich jahrelang darum bemüht, dass ihre Mutter als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt wird und Entschädigung erhält. 1991 ist ihr das schließlich gelungen. Der Vater von Frau Martl, ebenfals Sinto, war im KZ Sachsenhausen. Er ist 1985 an Leukämie gestorben. Die Familie von Rosa Martl ist nachweislich seit dem 17. Jahrhundert in Österreich beheimatet. Die Mutter hat dennoch als staatenlos gegolten und daher vorerst keine Entschädigung von Österreich erhalten. Mit dem Erfolg für ihre Mutter haben sich weitere Opfer des NS-Regimes an Rosa Martl gewendet. Sie hatten das Gefühl, dass Frau Martl etwas bewegen kann. Und nach den Sinti sind Roma an sie herangetreten mit der Bitte, sie solle auch für diese Volksgruppe etwas tun. So ist im April 1998 der Verein „Ketani“ entstanden. „Ketani“ bedeutet „miteinander“. Eigentlich ist „Ketani“ ein Kulturverein, doch die Grenzen zur Sozialarbeit werden oft weit überschritten. „Seit wir ein Verein sind, können wir für alte Leute etwas tun oder für Strafgefangene“, erklärt Richard Kugler, der Vereins-Obmann. Ein Verein hat leichter Zugang zu verschiedenen Institutionen.
„Miteinander“
„Ketani“ ist für Roma und Sinti im Westen Österreichs zuständig. In Ost-Österreich ist die Gruppe weitaus besser vertreten. Für wie viele Menschen sie arbeitet, will Rosa Martl nicht sagen. Zu groß ist ihr Misstrauen. Sie formuliert ihre Befürchtungen so: „Da gibt’s so viele, die sagen: ‘Ah, so viele seid’s ihr schon wieder!’ oder ‘So wenige seid’s ihr? Euch sollen wir fördern?“
Schwierige Arbeitssuche
Inzwischen ist die Betreuung von Flüchtlingen eine der Hauptaufgaben. Sie kommen vor allem aus dem ehemaligen Jugoslawien und aus Ungarn. Rosa Martl empfiehlt Flüchtlingen, die sich um eine Arbeitsstelle bewerben, nicht zu sagen, dass sie Roma oder Sinti sind. Manchmal wurden Bewerber/innen trotz Zusagen plötzlich abgelehnt, wenn sie von ihrer Volksgruppe erzählten. Probleme haben auch die Roma und Sinti der Nachkriegsgeneration. Für sie war es oft nicht möglich, eine Schule zu besuchen, in der Folge bekamen sie kaum feste Anstellungen und damit fehlt die Altersversorgung.
Eine wichtige Aufgabe des Vereins ist nach wie vor die Aufarbeitung des Holocaust. Obmann Richard Kugler will aber frühere Verfolgungen nicht vergessen lassen: „Auch die Kirche kann ich da nicht ausnehmen.“ Er wünscht sich, dass das eines Tages „hinter uns liegt, damit wir in die Zukunft schauen können.“ Deshalb sind ihm die jungen Leute seiner Volksgruppe wichtig. Sie sollen ihre Kultur leben und nicht vergessen.
Veranstaltungstipp:
Der Verein „Ketani“ hat mit dem „Kuddelmuddel“ das Sinti-Marionetten-Theater „Kukja Kelena“ der Familie Weiss eingeladen. Vom 17. bis 22. April 2001 wird die Gruppe zweimal täglich eine Vorstellung im „Kuddelmuddel“ geben. „Kukja Kelena“ heißt „Puppen tanzen“. Zum Abschluss werden die Zwillinge der Familie Weiss ein Klavierkonzert geben. Das Konzert kommt einer Puppentheater-Gruppe in Mostar zugutel. Die Aufführungen finden im „Kuddelmuddel“, Langgasse 13, 4020 Linz statt, Tel. 0732/60 52 55.