Jeder sechste Erdenbewohner, so das erste Ergebnis der im Februar durchgeführten Volkszählung, lebt in Indien. Doch den Christen unter den Unberührbaren droht nun der Verlust alter Sonderrechte.
Als Indiens Staatsoberhaupt Kocheril Raman Narayanan bei der Volkszählung an der Reihe war, mussten die Zähler erstaunt feststellen: seine Kaste war auf dem Fragebogen nicht angeführt. Die zuständige Behörde erklärte später, Narayanans Kaste der Paravan werde nur im Bundesstaat Kerala gezählt, aus dem der Staatspräsident stammt, nicht aber in Neu-Delhi.Die Paravan gehört zu den untersten Kasten der indischen Hindu-Mehrheit, den so genannten „registrierten Kasten“. Ebenso wie den verschiedenen Stämmen der Ureinwohner garantiert die Verfassung diesen sozialen Randgruppen in Bildungseinrichtungen, bei Arbeitsplätzen, die von der Regierung vergeben werden, und in den Parlamenten besondere Quoten. Wer jedoch bei der Volkszählung nicht als Zugehöriger registriert ist, hat keinen Anspruch auf diese Sonderrechte.Vertreter der Kastenlosen und Urbevölkerung kritisieren, dass ihre Gruppen bei der Volkszählung weit unterschätzt wurden. Sie stellen immerhin ein Zehntel der indischen Bevölkerung von 1,028 Milliarden Menschen. Auch ein Beamter der Statistikbehörde räumt ein, das Beispiel des Staatspräsidenten zeige, dass Tausende ihre Kastenzugehörigkeit nicht korrekt angeben konnten.
Zwei Millionen Zähler
Seit 1872 wird in Indien alle zehn Jahre eine Volkszählung durchgeführt. Im Februar dieses Jahres waren mehr als zwei Millionen Zähler unterwegs. Am Ende hatten sie in einer halben Million Dörfer und in 5500 Städten gut 20 Millionen Haushalte befragt.Doch nicht nur über Erhebungsfehler und Ungereimtheiten wird geklagt. Kritiker meinen, die regierende nationalistische Bharatiya-Janata-Partei (BJP) verbinde mit der Zählung politische Absichten. So behauptet der Vorsitzende des „Indischen Christlichen Forums“, Brindavan Moses, das demographische Profil der Dalit – der Unberührbaren –, zu der die unteren Kasten und indigenen Völker gehören, solle absichtlich verfälscht werden.
Religionsfreiheit für Dalit
Moses und andere Vertreter christlicher Kirchen haben wiederholt gefordert, die Dalit bei der Volkszählung nicht nach ihrer Religionszugehörigkeit zu unterscheiden. Denn nur Hindus, Sikhs oder Buddhisten unter den Unberührbaren haben Anspruch auf die Sonderrechte der „registrierten Kasten“. „Wer zu registrierten Kasten gehört, besitzt keine Religionsfreiheit und kann nicht Christ oder Moslem sein“, meint Moses. „Dabei garantiert die Verfassung das Grundrecht der Religionsfreiheit. Doch durch diese Art der Volkszählung wird dieses unveräußerliche Recht Millionen Dalit im gesamten Land vorenthalten“, fügte er hinzu.
Religionswechsel hilft nicht
Die auf Religionszugehörigkeit basierende Klassifizierung der „registrierten Kasten“ verteidigt Bimla Jindgar, leitender Beamter der Volkszählungsbehörde in Neu-Delhi: „Kasten gibt es schließlich nur bei Hindus, Sikhs und Buddhisten.“Die einflussreiche Tageszeitung „The Hindu“ pflichtete den Christen bei: „Wenn Sikhs oder Buddhisten ihre Kastenzugehörigkeit registrieren lassen können, dann sollte dies den Mitgliedern christlicher Gemeinden ebenfalls zugestanden werden.“ Und weiter: „Schließlich sind Indiens Christen Inder und in ihre Gemeinden so eingebunden, dass sie auch die Charakteristika dieser Gesellschaft übernommen haben.“ Es genüge nicht, die Religion zu wechseln, um die jahrhundertealte institutionalisierte Diskriminierung loszuwerden. Deshalb sollten christlichen Dalit nicht die Sonderrechte „registrierter Kasten“ und Ureinwohner vorenthalten werden.
Kritik von Frauen
Auch indische Frauengruppen üben Kritik an der Volkszählung. Sie gehe mit den Rechten der Frauen unsensibel um, lautete ihr Vorwurf. Für Pramila Pandhe vom Demokratischen Frauenverband Indiens etwa ist es unbegreiflich, dass Prostituierte sich auf dem Fragebogen in der Rubrik „Bettler“ eintragen mussten und dass Kinder unverheirateter Mütter nicht registriert werden konnten.„Es gibt doch heute so viele allein erziehende Mütter“, kritisierte die renommierte Frauenaktivistin Ranjana Kumari vom Zentrum für Sozialforschung in NeuDelhi. „Die Regierung will uns wohl weismachen, dass wir in einer sicheren Gesellschaft leben und dass von einer Auflösung unserer Traditionen und sozialen Einrichtungen nicht die Rede sein kann.“ Veena Nayyar von „Women Political Watch“ dagegen hält die Zahl unverheirateter Mütter für statistisch irrelevant. Man müsse sie nicht gesondert erfassen.