Schon in der Weisheitsliteratur des Ersten Bundes ist einmal die Rede davon, dass es „eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden“ gibt (Kohelet 3, 7). Die in der Sonntagslesung aus der Apostelgeschichte geschilderten Ereignisse führen uns – in einem so genannten Szenario – vor Augen, was Schweigen und Reden auch sein kann. Das den Aposteln vom Hohen Rat verordnete Redeverbot lässt diesen in einer verkrampften Hilflosigkeit zurück, in Angst vor dem Volk, ratlos gegenüber der Kraft, die ihm da begegnet. Ein paar Zeilen vor dem Bericht hören wir Petrus sagen: „Wir können unweigerlich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben“.“ Und in dem Vers, der der Lesung folgt, heißt es: „Und Tag für Tag lehrten sie unermüdlich im Tempel und in den Häusern.“ Wohlgemerkt: Nachdem sie ausgepeitscht worden waren.
Es gibt ein Schweigen, das Tiefen auslotet und zu einem kraftvollen Zeugnis werden kann. Ich meine damit allerdings nicht Redefaulheit oder feiges Verstummen. Vielmehr ein Schweigen, das mich zu mir selbst kommen lässt, das Schweigen der Mönche und Nonnen in Klöstern fernab vom Getriebe der Welt, die Stille in der Natur (sofern es sie noch gibt) angesichts einer überbordenden Geschwätzigkeit unserer Zeit. Und viele andere gute Anlässe zu schweigen.
Jetzt aber ist eine Zeit zu reden. Keine Drohung kann einen Menschen, der begeistert ist vom Glauben, in dem also Gott lebendig ist, mundtot machen. „Wir können nicht schweigen!“ Was uns von den Aposteln erzählt wird, richtet sich, wenn auch in viel bescheidenerer Dosis, als Anfrage an mich und unsere Kirche. Natürlich muss ich zugeben, dass ich der Versuchung nicht immer widerstehen kann, „angepasst“ zu sein. Lieber zu schweigen als öffentlich aufzutreten, wenn Menschen Unrecht angetan wird, wenn sündhafte und ungerechte Strukturen mit Gewalt geschaffen und verteidigt werden und dadurch die Armen immer ärmer und die Hoffnungslosigkeit ungezählter Menschen ins Unermessliche gesteigert wird. Lieber zu schweigen als öffentlich aufzutreten, wenn Randfragen des kirchlichen Lebens mit einer Hartnäckigkeit in den Vordergrund gestellt werden, die in Wirklichkeit an dem, was die Menschen bewegt, vorbeigehen. Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen.
So lasse ich mich erneut ein wenig anstecken von der Begeisterung, die sich in Jerusalem nach den Ereignissen von Ostern und Pfingsten ausbreitet. Wenn ich auch nicht ausgepeitscht werde, freue ich mich, gewürdigt zu werden, für den Namen Jesu „Schmach zu erleiden“?
Erich Gutheinz, Pfarrer in Innsbruck-Allerheiligen, von 1979 bis 1984 Schriftleiter der Kirchenzeitung der Diözese Innsbruck.