Der „neue“ Theologieprofessor Dr. Franz Gruber im Gespräch
Ausgabe: 2001/17, Gruber, Professor, Dogmatik, Kirche, Theologieprofessor, Caritas, Wallner, Hobby-Astronom
24.04.2001
- Interview: Josef Wallner
Die Kirche droht auf das Abstellgleis der Gesellschaft zu rollen. Damit die Gesellschaft aber „menschenwürdig“ bleibt, ist der Dienst der Kirche notweniger denn je, zeigt Dr. Franz Gruber auf.
Kirchenzeitung (KIZ): Man muss kein Unglücksprophet sein, um zu sehen, dass der Stellenwert der Kirche in der Gesellschaft rapide schwindet. Wird die Kirche in Zukunft bedeutungslos?
Gruber: Die Religion verliert Funktionen, die in den vergangenen Jahrhunderten für sie zentral waren. Das Christentum und in unseren Breiten die katholische Kirche garantierten den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft. Die Welt als Gottes Schöpfung war die unumstößliche Norm für grund-legende Gesetze. Heute geht die Kirche den Weg ins Exil, mitten in ihrer eigenen Kultur.
KIZ: Warum hat die Kirche diese Funktionen verloren?
Gruber: Die Gesellschaft bestand aus festgefügten Milieus, in denen das Christentum fest verankert war. Diese Milieus wie der Bauernstand, die Handwerker oder das Bürgertum sind bereits weitgehend zerfallen oder lösen sich gerade auf. Selbst wenn die Kirche in diesem Bereich nichts falsch gemacht hätte, verliert sie ihre Basis und die Menschen, mit denen sie „automatisch“ in Kontakt war.
KIZ: Welche Möglichkeiten hat die Kirche, mit den Menschen wieder in Kontakt zu kommen?
Gruber: Zuerst möchte ich vor zwei Sackgassen warnen: Zum einen ist das rigorose „Gehorsams“-Modell zum Scheitern verurteilt. Jeder Appell sich blind den „Gesetzen“ der Kirche unterzuordnen wird nichts fruchten, weil zum Selbstverständnis der Europäer zu Recht die Freiheit gehört. Aber auch der Umbau des Christentums zu einer unverbindlichen Erlebnisreligion löst das Problem nicht. Das Nachäffen von esoterischen Formen schafft keine Kompetenz für die Gesellschaft.Die Kirche muss sich auf ihre Stärken besinnen und dazu gehört ihre spirituelle Kompetenz. Konkret: Die Menschen spüren, dass Technik und Wissenschaft allein nicht glücklich machen. Diese religiöse Sehnsucht gilt es von der Kirche aufzugreifen und den Menschen einen Raum für ihre Seele zu öffnen.
KIZ: Was heißt das für einen Angestellten einer Computerfirma?
Gruber: Der Glaube müsste zum Strom werden, der zwischen der beruflichen und privaten Welt eines Computertechnikers fließt und der ihn aufatmen lässt. Wenn diese Verbindung fehlt, verkommt die persönliche Sehnsucht der Seele zu einer Privatangelegenheit, die das Leben nicht formt. Wenn der Computertechniker nüchtern auf seine Arbeit schaut, wird er entdecken, wie brutal und bestimmend seine Branche funktioniert. Wahrscheinlich wird für ihn die Sehnsucht nach einem Raum für die Seele zuerst eine Schmerz-erfahrung sein. Er wird aber auch schauen, dass er ein Stück Humanität durch sein gläubiges Lebensbeispiel in die seelenlose Branche bringt. Und die Kirche muss ihm dabei den Rücken stärken.
KIZ: Herr Gruber, Sie wohnen in einem Wohnblock am Stadtrand von Linz. Welche Anforderungen stellt die Anonymität vieler Menschen an die Kirche?
Gruber: Zum Wesen der Kirche gehört die Gemeinschaft. Gegen den gesellschaftlichen Trend des Abkapselns soll die Kirche neue Begegnungsräume anbieten und einladen, an der Gemeinschaft teilzunehmen. Ich halte nichts von der Missionierung in Wohnblocks, aber die Christen sollten auffallen durch das Interesse, das sie ihren Mitbewohnern entgegenbringen. Da wird bald das Gespräch auf die Bedeutung kirchlicher Beheimatung kommen.
KIZ: Zu den auch heute unbestrittenen Stärken der Kirche gehört die Caritas ...
Gruber: Neben den Räumen für die Seele und die Gemeinschaft muss die Kirche ein „Raum für das Leben“ sein. Es geht hier um den Einsatz für Ausgegrenzte. Besonderes Augenmerk wird die Kirche auf die seelischen und psychischen Nöte legen müssen. Und nicht vergessen möchte ich die Natur. Die Natur stöhnt ebenso unter der Ausbeutung wie der Mensch.
Die Kirche muss sich auf ihre Stärke besinnen: auf ihre geistliche Kompetenz.
Neuer Professor für Dogmatik
Dr. Franz Gruber wird mit 1. Mai 2001 zum Professor für Dogmatik (Glaubenslehre) und Ökumenische Theologie an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz bestellt. Sein Theologiestudium absolvierte er in Linz und Innsbruck, seit 1985 ist er wissenschaftlicher Assistent für Dogmatik in Linz. Mehrmonatige Forschungsaufenthalte führten ihn nach Chikago und São Paulo. Gruber ist 1960 in Vöcklabruck geboren und verheiratet.In der Katholischen Män-nerbewegung, in der Katholischen Aktion und im Bildungswerk arbeitet Gruber seit vielen Jahren mit: „Als Theologe möchte ich nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in der kirchlichen Gemeinschaft präsent sein.“ Der Professor für Dogmatik will die Theologie nicht vom Alltagsleben der Christen abkoppeln: „Es ist ein Geschenk für mich, wenn ich bei Vorträgen in Pfarren mit Menschen über ihre Lebensfragen ins Gespräch komme“. Die Pfarre St. Margarethen in Linz-Zaubertal bezeichnet Gruber als seine pfarrliche Heimat.