Im ersten Moment ging es mir mit dem Sonntags-evangelium wie mit einem neuen Kochrezept. Da ist zunächst einmal eine begründete Unsicherheit, ob mein Ergebnis tatsächlich den verlockenden Bildern in den Kochbüchern nahe kommt. Stellen sich dann noch Schwierigkeiten bei den ersten Arbeitsschritten ein, schmeiße ich gerne die Nerven weg und zweifle an meinen künstlerischen Fähigkeiten. Auch diesmal spürte ich bei der ersten Lektüre eine gewisse Unbeholfenheit. Ich wusste nicht, wie ich mich dem Text nähern sollte. Als ich auch nach mehrmaligem Lesen keinen Sinn erkennen konnte, tauchten die ersten bohrenden Zweifel auf: Warum kann Jesus nicht so reden, dass ich ihn verstehe? Oder liegt es an mir? Ich legte das Wort Gottes beiseite – in der Hoffnung, dass ich vielleicht später besser verstehen würde.
Solche Geschichten von der vergeblichen Suche nach einem Sinn erlebe ich in meinem Alltag immer wieder. Ich will verstehen, weshalb Gott Menschen in einem fast unerträglichen Maß prüft. Ich finde kein Einsehen, weshalb sich die Spirale der Gewalt immer weiter dreht – trotz großer Anstrengungen für Versöhnung und Frieden. Jesus sagt: „Meine Schafe hören auf meine Stimme. Ich kenne sie und sie folgen mir.“ (Joh 10, 27) Ein Bild, das keine Antwort auf meine Fragen, aber doch Hilfestellung bietet. Nach dem Wort Jesu sind es nicht Wörter, auf die seine Freundinnen und Freunde hören. Seine Stimme bewegt zur Nachfolge.
Eine Mutter hat mir von der Wirkung ihrer Stimme auf die beiden Kinder erzählt. Schon in den ersten Monaten ihres Lebens reagieren sie auf die Stimme. Sie heben den Kopf oder drehen sich um. In allen Lagen kommt die Stimme an. Sie ist ein Zeichen der Vertrautheit. Wer kein Vertrauen in die Stimme Gottes hat, dessen Nachfolge kommt nicht voran. Sie wird im kritischen Hinterfragen stehen bleiben. Da nützen auch die Verheißungen nichts. „Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen,“ (Joh 10, 28) heißt es im Evangelium.
Glaube ist Vertrauenssache. Der amerikanische Jesuit und Kinderapostel Edward Flanagan hat das beherzigt. Eines Tages begegnet er einem mehrjährigen, völlig verwahrlosten Kind aus den Elendsvierteln, das statt Worte nur dumpfe Laute von sich gibt. Drei Monate lang geht Flanagan mit dem Kind fischen. Der Bub lernt sprechen, weil er am eigenen Leib die Sprache der Liebe erfährt. Menschen können glauben lernen, wenn sie die Sprache der Liebe hören. Wer meint, für diese Sprache seien Worte entscheidend, täuscht sich. Jesus legt Wert auf den Klang.
Gilbert Rosenkranz ist Pressereferent der Diözese Innsbruck und verheiratet. Er mag Zither spielen, lesen und in der Natur sein - ob im Garten oder in den Bergen.