Ausgabe: 2001/18, Syrien, Christen, Papst, Nasrallah Sfeir, Sfeir, Gregor III.,
02.05.2001
- Walter Achleitner
In der syrischen Hauptstadt Damaskus stehen die Überlebensfragen der Christen im Nahen Osten im Mittelpunkt.
„Wie schnell die Zahl der Christen im Nahen Osten zurückgeht“, sagte Gregor III., sei für ihn die schmerzlichste Erfahrung der letzten Wochen gewesen. Erst Ende November war er zum griechisch-katholischen Patriarchen in Damaskus gewählt worden. Hunderte haben mittlerweile ihr Land verlassen. „Wir müssen einfach alles tun, damit die Christen bleiben“, meint der Patriarch.Dabei sind es nicht in erster Linie staatliche Behinderungen oder Schikanen, die Christen zum Verlassen Syriens bewegen. Hier genießen sie mehr Freiheiten als in anderen arabischen Staaten: Kirchen dürfen gebaut und Gottesdienste gefeiert werden. Vielmehr führt die wirtschaftliche Situation dazu, dass besonders in ländlichen Gebieten die Zahl der Christen sich nahezu halbiert hat.
Positives Vorzeichen
In der verstärkten Zusammenarbeit der verschiedenen Kirchen (siehe Kasten unten) sieht jedenfalls Patriarch Gregor die einzige Chance, „zu retten, was noch zu retten ist!“ Zu hoffen wäre, dass der Besuch des Papstes hier „zu mehr Bewegung oder gar zu Fortschritten führt“, meint Stefan Maier, Nahost-Referent der Caritas in Österreich. „Sein Besuch 1998 im Libanon hat die Zusammenarbeit beflügelt.“ Dass gerade heuer das Osterfest von den Kirchen gemeinsam gefeiert wurde, sei ein positives Vorzeichen für den Besuch. Viele Pfarren hätten die Gelegenheit genutzt und gemeinsam große Prozessionen zu Ostern durchgeführt, berichtet der Caritas-Mann. Aber auch dem Miteinander von Christen und Muslimen wird in Damaskus besondere Aufmerksamkeit gewidmet. In der weltberühmten Omayyaden-Moschee wird erstmals ein Papst den Innenraum einer Moschee betreten. In ihr wird eine Reliquie von Johannes dem Täufer aufbewahrt, der im Islam verehrt wird. Vor einem Jahr auf den Jerusalemer Tempelberg war er nur bis in den Vorhof gegangen.
Mit Spannung erwartet
Anders als noch vor einem Jahr in Israel besucht der Papst nun einen Nahen Osten im quasi Kriegszustand. Alle Friedensbemühungen zwischen Israel und Syrien waren bisher ergebnislos. Erst vor drei Wochen kam es zur schlimmsten Eskalation seit Mitte der 80er Jahre – Israel griff eine syrische Stellung im Libanon an. Auch darauf warten die Christen im Nahen Osten, was der Papst zur Präsenz Syriens im Libanon sagen wird. Der maronitische Patriarch Nasrallah Sfeir (80), 1994 zum Kardinal ernannt, gilt besonders seit dem Abzug der Israelis aus dem Südlibanon als Sprachrohr aller, die im Zedernstaat den Rückzug der 30.000 Syrer fordern. Mit Spannung wird gewartet, ob Sfeir der Einladung aus Damaskus zum Papstbesuch folgen oder von Beirut aus den Besuch verfolgen wird.
LEXIKON
Christen in Syrien
Mit 185.180 Quadratkilometern ist die arabische Republik mehr als doppelt so groß wie Österreich und hat über 14 Millionen Einwohner. 92 Prozent von ihnen sind Muslime und nur sieben Prozent meist arabische Christen. Dass Syriens Christen einer Vielzahl von Kirchen angehören, lässt auf eine bewegte Geschichte schließen. Für das Überleben in einer muslimi-schen Umwelt macht es ökumenische Bemühungen notwendig. Diese sind in der praktischen Seelsorge oft weit gediehen, im Bestreben um organisatorische Einheit sind die Differenzen nach wie vor erheblich. In Traditionen eingeteilt, zählen die Kirchen folgende Mitglieder:
Byzantinische Tradition: 400.000 griechisch-orthodoxe und 175.000 griechisch-katholische (melkitische, mit Rom unierte) Christen, deren Patriarchen in Damaskus ihren Sitz haben.
Armenische Tradition: 50.000 armenisch-apostolische und 25.000 armenisch-katholische (unierte) Christen.
Westsyrische Tradition: 80.000 syrisch-antiochenische Christen, deren Patriarch ebenfalls in Damaskus ist. 30.000 syrisch-katholische Christen (uniert) und 20.000 Maroniten (katholisch).
Ostsyrische Tradition: 10.000 Christen der Apostolischen Kirche des Ostens und 7000 Chaldäer (uniert).