550 Einrichtungen, Gruppen und Initiativen haben sich an der Einstiegsphase zum Sozialwort der Kirchen beteiligt. Eine Zwischenbilanz.
Im Herbst ist das Sozialwort-Projekt der Kirchen Österreichs mit einer „Standortbestimmung“ gestartet. Jetzt warten 550 Antworten auf die Auswertung. „Uns freut besonders“, so Projektleiter P. Andreas Schermann SJ, „dass nicht nur die großen Organisationen wie Caritas, Diakonie oder Katholische Arbeitnehmerbewegung den Fragebogen ausgefüllt haben. Wir bekamen auch von Hunderten kleinen Initiativen aus allen 14 christlichen Kirchen, die sich als Mitglieder des Ökumenischen Rates am Sozialwort beteiligen, Berichte darüber, was sie tun, mit welchen Schwierigkeiten sie kämpfen und welche Forderungen sie erheben.“ Angetan ist Schermann von der hohen Qualität der Rückmeldungen. „Da werden soziale Fragen nicht bloß theoretisch diskutiert, sondern da stehen Frauen und Männer dahinter, die sich persönlich mit der sozialen Not ihrer Mitmenschen auseinander setzen, die sich für eine bessere Umwelt oder mehr Gerechtigkeit konkret engagieren. Hinter vielen Einsendungen steht eine hohe Problemlösungskompetenz und eine bemerkenswerte soziale Kreativität“, entdeckte P. Schermann beachtliche Schätze im Dunstkreis der Kirchen. Als Beispiele nennt er neue Formen von betreuten Altenwohnungen auf Gemeindeebene ebenso wie Hospizinitiativen oder eine pfarrliche Schuldnerberatung, in der Experten ehrenamtlich helfen.
Unterschiedliche Teilnahme
Trotz seiner positiven Bilanz der ersten Phase des Sozialwortes (Standortbestimmung) berichtet Schermann aber auch von einer sehr unterschiedlichen Beteiligung der Diözesen. Besonders viele Rückmeldungen kamen aus Oberösterreich und Wien. In anderen Bistümern, wo von diözesanen Amtsleitern und Einrichtungen wenig Unterstützung für das weltweit erste ökumenische Sozialwort kam, war das Echo enttäuschend. „Manche ließen uns auch wissen, dass sie nach ihren frustrierenden Erfahrungen mit dem ,Dialog für Österreich‘ an derartigen Projekten nicht mehr mitmachen. Störend“, so P. Schermann, „waren auch die zwischen- und innerkirchlichen Kontroversen im vergangenen Herbst“ – ausgelöst vom Dokument „Dominus Iesus“ und den Salzburger Vorkommnissen.
Stimme der Kirchen zu leise
Neben einer Reihe inhaltlicher Schwerpunkte in Richtung Politik (s. Kasten) brachten die Antworten auch deutliche Anliegen an die Kirchen zum Ausdruck: „Viele Eingaben“, so Schermann, „fordern ihre Kirchen auf, sich stärker in den öffentlichen Diskurs über soziale Probleme einzubringen. Den Leuten ist es zu wenig, dass die Caritas oder die Diakonie engagiert auftreten, sie wollen klare Worte auch von ihren Kirchenleitungen“, betont Schermann. Ein weiteres Anliegen kommt von den kleinen Initiativen. Sie wünschen sich eine größere Unterstützung von ihren Kirchen. Sie haben das Gefühl, dass soziales Engagement, das nicht unter dem Firmenschild Caritas oder Diakonie stattfindet, wenig gewürdigt werde. Sie verweisen darauf, dass Menschensorge ein Wesensmerkmal jeder Gemeinde und jedes Getauften sein sollte und nicht nur etwas für Spezialisten. Kleine Kirchen, wie die Anglikaner oder Kopten, machten deutlich, dass die fehlende staatliche Anerkennung sie auch in ihrer Sozialarbeit behindere. Positiv bewerten sie die gute Zusammenarbeit mit Caritas oder Diakonie, etwa in der Flüchtlingsarbeit.
Die Forderungen:
Sozialwort: Blitzlichter Aus den 550 Einsendungen zum ökumenischen Sozialwort zeichnen sich eine Reihe von Schwerpunkten ab. Dazu einige knappe „Blitzlichter“:
– Arbeitswelt. Der wachsende Leistungsdruck auf Arbeitnehmer (immer weniger müssen immer mehr arbeiten); für Menschen mit Handicap gibt es immer weniger Arbeitsplätze; atypische Arbeitsverhältnisse und Arbeitskarrieren nehmen zu – ohne entsprechende Begleitmaßnahmen (Weiterbildung, Grundsicherung); Entlastung des Faktors Arbeit.
– Umgang mit dem Fremden. Förderung einer offenen Gesellschaft, die Neues und Aus-der-Norm-Fallendes als positive Herausforderung und nicht als Bedrohung sieht (Migranten, Randgruppen, Ost-Erweiterung); Einbindung ausgegrenzter Gruppen durch mehr Mitbeteiligung.
– Generationen. Mehr partnerschaftliche Aufteilung der Beziehungs-, Betreuungs- und Pflegearbeit; Initiativen zur besseren Vereinbarkeit von Kinderbetreuung und Pflegearbeit mit Berufstätigkeit; aktives Altsein; Pensionssicherung; Sterbebegleitung; Investition in die Jugendarbeit.
– Frauen. Eigenständige Pensionssicherung; Anerkennung und finanzielle Absicherung der Pflegearbeit; Wiedereinstiegsprogramme; Anrechnung von ehrenamtlicher Tätigkeit.
– Sonntag. Einsatz für arbeitsfreien Sonntag als gesellschaftlichen Wert.
SOZIALWORT:
Am 12. September wird der „Sozialbericht“ veröffentlicht. Grundlage dafür sind die Eingaben der 550 Organisationen und Gruppen, die sich an der „Standortbestimmung“ zum ökumenischen Sozialwort beteiligt haben. Der Sozialbericht ist somit eine Darstellung des vielfältigen sozialen Engagements der christlichen Kirchen. Mit seinen Forderungen soll er aber auch wirkungsvoller Startschuss für eine öffentliche Debatte zur sozialen Lage in Österreich sein und die Vernetzung christlicher Initiativen fördern.
– Informationen zur Diskussionsphase und Anregungen für Veranstaltungen: Kath. Sozialakademie, Schottenring 35, 1010 Wien, Telefon 01/310 51 59. Weitere gute Informationen: www.sozialwort.at