Je mehr Indizien Sonderstaatsanwalt Galindo sammelte, umso heftiger wurde er bedroht. Seine Ermittlungen führten bis in höchste Armeekreise. Nach neunmonatiger Tätigkeit musste Celvin Galindo in Europa untertauchen.
Kaum jemand hat sich mit dem Kriminalfall, der vor drei Jahren Guatemala erschüttert hat, eingehender befasst als Celvin Galindo. Der Sonderstaatsanwalt leitete neun Monate die Untersuchungen. Als er die entscheidenden Beweismittel zusammengetragen hatte, wurde er so heftig bedroht, dass er sich und seine Familie nach Europa rettete. Vor zwei Wochen war Celvin Galindo auf Einladung des Guatemala-Komitees in Wien.
Vorwurf: Homosexuell
Politische Morde, Massaker, Folterungen und Entführungen aus 30 Jahren anhand von Dokumenten und Zeugenaussagen minutiös aufgearbeitet. Das ist im Bericht der von Bischof Gerardi geleiteten Kommission nachzulesen. Die Armee wird darin für die Mehrzahl der groben Menschenrechtsverletzungen verantwortlich gemacht. Am 23. April 1998 stellt der für Menschenrechtsfragen zuständige Bischof den Bericht den Medien vor. Drei Tage später wird er in seiner Garage brutal erschlagen aufgefunden. Noch am selben 26. April wurden Gerüchte laut, der ermordete Bischof hätte mit einem Priester, Mario Orantes, in einer homosexuellen Beziehung gelebt. „Das nachträgliche Verunglimpfen ist eine alte Taktik der Militärs“, weiß Celvin Galindo. Prompt wurde in Richtung Eifersuchtsmord ermittelt, Orantes und die Haushälterin festgenommen. Die Regierung versuchte den Mord als gemeines Verbrechen darzustellen. Celvin Galindo: „Dafür fand man keine Hinweise. Es wurde nichts geraubt. Nichts erklärt, warum ein Verbrecher dem Opfer so brutal den Schädel einschlagen und entstellen sollte. Gerade die Art der Ermordung und die Verleumdungen deuten auf eine politische Tat hin.“Dass die damalige Regierung unter Präsident Alvaro Arzú an der Vertuschung beteiligt war, belegt eine Aussage von Bischof Mario Ríos, dem Nachfolger Gerardis. Vor kurzem sagte er aus, Arzú hätte seinen Bruder mit einem Angebot geschickt: Die Kirche solle davon ablassen, Regierung und Armee des Verbrechens zu bezichtigen, im Gegenzug würde Mario Orantes freigelassen.
Die Armee verstrickt
Auf dieses unwürdige Geschäft gingen die Bischöfe nicht ein. Im Gegenteil: der Druck, den die Kirche in der Öffentlichkeit erzeugte, führte dazu, dass der erste Sonderstaatsanwalt durch Celvin Galindo abgelöst wurde. Dieser hatte schon im Fall eines von der Polizei Ermordeten mit dem Menschenrechtsbüro der Erzdiözese erfolgreich zusammengearbeitet.Galindo fand bald heraus, wer an der Planung des Verbrechens beteiligt war. „Je weiter wir ermittelt haben, desto deutlichere Hinweise fanden wir, dass Mitglieder der Armee verstrickt waren. Bis heute habe ich diese Namen nicht öffentlich genannt, denn ich bin zwar jetzt in Sicherheit, möchte aber irgendwann zurückkehren.“
Verdächtige Soldaten
Ein Labor des US-Geheimdienstes FBI verglich DNA-Proben von verdächtigen Soldaten mit den Spuren am Tatort. In zwei Fällen waren sie eindeutig positiv. Und das Fahrzeug, das die Mörder nach vollbrachter Tat abholte, ist auf die Armee registriert. Außerdem waren einige Armeemitglieder bereit auszusagen – vorausgesetzt ihnen würde im Ausland eine neue Existenz ermöchlicht. Je mehr Indizien in der Staatsanwaltschaft zusammengetragen wurden, desto bedrohlicher wurde Galindos Lage. Die Drohanrufe häuften sich. Eines Nachts wurde sein Wohnhaus von verdächtigen Soldaten umkreist – ein Signal, dass höchste Eile geboten war. Mit Hilfe der deutschen UNO-Mission verließ Galindo das Land. Sein Nachfolger musste die Ermittlungen von vorne beginnen. Dass heute überhaupt ein Prozess stattfindet, schreibt Celvin Galindo einem Versprechen von Präsident Alfonso Portillo zu: „Anlässlich seiner Angelobung am 14. Jänner 2000 versprach er vollmundig, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Andernfalls wolle er zurücktreten.“ Ein Prozess musste also stattfinden. Nur: inzwischen ist dafür gesorgt, dass nichts dabei herauskommt.
Verwirrung stiften
85 Zeugen hat das Innenministerium für die seit Ende März laufende Verhandlung aufgeboten. Galindo: „Als ob man Gerardi vor den Augen aller Welt umgebracht hätte. Damit will man Verwirrung stiften.“ Angeklagt sind ein pensionierter Hauptmann namens Byron Lima, ein Armeesergeant mit einem wasserdichten Alibi – er war zur Tatzeit wegen eines anderen Deliktes inhaftiert – und der unglückliche und schwer kranke Priester Mario Orantes, der erneut festgenommen wurde. Ein Bombenattentat auf das Haus von Richterin Jazmín Barrios am Abend vor Prozessbeginn wird die Vorsitzende nicht gerade ermutigen, der Sache auf den Grund zu gehen. „Die wahren Schuldigen kommen wieder einmal ungestraft davon“, meint Celvin Galindo resignierend.
Analyse:
„Als 1996 die Friedensverträge für Guatemala unterschrieben wurden, gab es große Hoffnungen. Der Mord am 26. April 1998 an Bischof Gerardi hat dann die Nation erschüttert und wieder düstere Erwartungen geweckt.
Tag der Wende
Der Druck auf Menschenrechtsorganisationen hat seither nicht nachgelassen. Auch die Pressefreiheit ist stark eingeschränkt, wie zu Zeiten der Diktatur. Alle, die gegen das Regime sind, werden eingeschüchtert. Der Kommunikationsminister ist einer der größten Aktionäre beim nationalen Fernsehen. Dieses stand im Wahlkampf deutlich auf Seiten der heutigen Regierungspartei. Es gibt nur mehr eine Zeitung, die Opposition macht. Ihre Redakteure sind ständigen Verleumdungen im Fersehen ausgesetzt.“ Celvin Galindo